Frau Jovic-Burger, bis Sie vor einem halben Jahr als Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte angefangen haben, war die Stelle monatelang vakant. Wie wurden Sie von den Bewohnern des Albert-Schweitzer-Hauses empfangen?

Ich hatte das Gefühl, dass ich regelrecht erwartet wurde. Die Flüchtlinge haben sofort meine Sprechstunde wahrgenommen, ich musste die Arbeit nicht suchen. Auch die Ehrenamtlichen hatten bis dahin keinen Ansprechpartner mehr. Da haben wir gleich das Begegnungscafé wieder belebt, aus dem heraus sich immer wieder neue Aktionen ergeben.

Neben der Heimleiterin Frau Ring sind Sie die einzige Frau in diesem Haus, unter lauter Männern. Haben Sie das Gefühl, dass das in Bezug auf Ihre Arbeit einen Unterschied macht?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich fühle mich nicht anders behandelt. Im täglichen Umgang ist Respekt und Wertschätzung wichtig, ganz egal, welches Geschlecht jemand hat. Im Umgang mit den Flüchtlingen ist Vertrauen wichtig, das entsteht nicht von heute auf morgen. Teilweise öffnen sie sich erst jetzt, nach Monaten.

Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass Ihre Arbeit bei den Richtigen ankommt?

Ja (lacht). Als ein Bewohner angeklopft und mir eine Rose überreicht hat. Das war ein schöner Moment. Manchmal gibt es Frustrationen, wenn Sachen nicht so laufen, wie man es sich wünscht. Oder wenn einer nicht gern zur Schule geht, oft krank macht. Da denke ich mir schon: Wofür tue ich das? Dann gibt es aber eben wieder andere Momente, die einfach total schön sind und mir persönlich viel geben.

Wo stoßen Sie auf Schwierigkeiten?

Es ist manchmal schwierig, die Brücke zu schlagen zwischen Flüchtlingen, Behörden, Ehrenamtlichen und hier allen gerecht zu werden. Die Flüchtlinge bezeichnen mich oft als Sozialarbeiterin, weil sie diesen Ausdruck kennen. Das bin ich aber nicht. Als Integrationsbeauftragte bin ich Netzwerkerin. Ich schaue, was es in Bad Dürrheim für Angebote gibt, die wir miteinander verbinden können, damit die Flüchtlinge in den Alltag integriert werden können.

Sind die Flüchtlinge in den Köpfen der Einwohner mittlerweile angekommen?

Nein, eben nicht. Es wissen sicher viele: Sie sind da. Am Anfang gab es die Euphorie zu helfen, als man die Flüchtlingsströme im Fernsehen gesehen hat. Heutzutage sind die Leute da und es läuft ja irgendwie.

Aber die Bewohner fühlen sich aus dem Stadtgeschehen ausgeschlossen?

Die Bewohner sagen selbst, sie würden gerne mehr Deutsch reden. Das Ziel der Integrationsarbeit ist daher, den Kontakt zu Deutschen herzustellen. Integration kann meiner Meinung nach nur durch zwei Seiten gelingen. Wir müssen einiges einfordern von den Flüchtlingen. Aber wir, als Einheimische, müssen genau so offen sein und die Integration zulassen, die Leute mitnehmen.

Was fordern Sie von den Haus-Bewohnern ein?

Das sind grundsätzliche Dinge, übliche Sitten wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Wir versuchen das auch zu erklären, dass das wichtige Werte in unserer Gesellschaft sind. Aber es hat auch mit Kleinigkeiten zu tun: Schneeschippen, die Gemeinschaftsküche sauber halten, den Müll trennen.

Wie versuchen Sie die Bad Dürrheimer wiederum in die Integration einzubinden?

Als ich hier anfing, hab ich den Fokus sehr stark auf die Öffentlichkeit gelegt. Da hatten wir den Vortrag im Haus des Gastes und einen Tag der Offenen Tür, einfach um Bad Dürrheimer zu motivieren, sich alles anzuschauen, anzuhören. Die Resonanz ist eher schwach.

Vor Ihnen liegt also noch viel Arbeit.

Absolut. Ich weiß, es braucht auch etwas Zeit. Ich denke aber, die Integrationsarbeit, ob hauptamtlich oder durch ehrenamtliche Helfer, ist sehr wichtig, einfach um den Leuten einen Kontakt zu geben, um allem einen Sinn zu geben. Nicht alle hier haben eine Bleibeperspektive. Wenn die das eine oder andere Problem, vielleicht auch die eine oder andere Aggression, in sich haben, hilft es schon, als Ansprechpartner da zu sein.

Wie gehen Sie damit um, diese Leute dann gehen zu sehen?

Da muss man professionelle Distanz halten. Man muss sich bewusst machen, dass Deutschland als Staat die Aufgabe hat seine Grenzen zu schützen und zu wahren, da ist es nicht möglich, alle Menschen aufzunehmen.

Kommen Sie dabei nie in Konflikt mit sich selbst?

Es gibt schon einiges, was man an der Basis ändern könnte: Es gibt Leute, die sind total integriert, werden aber abgeschoben, weil sie aus einem Land kommen, das kein Asylgrund ist. Gleichzeitig gibt es aber Leute, die hier bleiben dürfen, sich aber nicht motivieren können, sich hier einzubringen. Da habe ich keine Handhabe, sie zu zwingen, selbstständig zu werden.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Ich wünsche mir, dass die Flüchtlinge ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft werden. Dass sie den Zugang zum Arbeitsmarkt, zu den Menschen und zu Vereinen finden, dass sich die Integration verselbstständigt. Es ist auch unsere Verpflichtung, auf die Leute zuzugehen, sie regelrecht anzusaugen. Aber es muss auch jeder Flüchtling für sich entscheiden, diese Zeit hier für sich zu nutzen, damit es keine verlorene Lebenszeit ist.

Fragen: Birgit Müller

 

Zur Person

Vera Jovic-Burger ist 1970 in Rottweil geboren worden und wuchs in Tuttlingen auf. Sie studierte Verwaltungswirtschaft und absolvierte anschließend ein Aufbaustudium zur Kulturmanagerin. Seit September vergangenen Jahres ist sie Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte in Bad Dürrheim, zuvor war sie 13 Jahre lang im Marketing im Freilichtmuseum in Neuhausen Ob Eck tätig. Jovic-Burger ist verheiratet, lebt in Trossingen und hat ein Kind.