„Ruhrgebiet statt Kurgebiet?“ ist derzeit auf Plakaten zu lesen, die in Bad Dürrheim und den Teilorten aufgehängt sind. Darunter ist der Kurpark mit Schwerindustrie und rauchenden Schloten dargestellt. Weiter finden sich mitten in der Stadt auf einmal neue Ortsschilder und seit dem gestrigen Dienstagmittag auch verschiedene Farbmarkierungen auf den Straßen. Des Rätsels Lösung: Die Stadt ist der Urheber des Ganzen. Mit den provokanten Fragen will die Stadt Bad Dürrheim für einen Bürgerbeteiligungsprozess zum Sanierungsgebiet „Innenstadt II“ im kommenden Monat werben. Der Prozess, der „Perspektiven im Herzen von Bad Dürrheim“ heißen wird, startet mit einer großen Auftaktveranstaltung am 9. Oktober. Nach Abschluss des Bürgerbeteiligungsprozesses ist ein städtebaulicher Wettbewerb im Bereich des gelb markierten Bereiches der abgebildeten Grafik geplant.

Video: Wolf-Wilhelm Adam

Beim Sanierungsgebiet Innenstadt II geht es um den Bereich Innenstadt und Kurgebiet (siehe Grafik). Es geht darum, Stärken, Schwächen und Potenziale für die Innenstadt aus Sicht der Bürger abzufragen. Es sollen Informationen zu konkreten Bauprojekten aufgezeigt werden sowie Meinungsabfragen zu Wegebeziehungen, Nutzungen und Mobilität erfolgen. „Das sind für die Zukunft unserer Stadt wichtige Weichenstellungen, daher wollten wir mit den Plakaten bewusst aufrütteln – natürlich will bei uns niemand aus dem Kurpark ein Industriegebiet machen“, erklärt Bürgermeister Jonathan Berggötz. Es gehe darum, wo Bad Dürrheim mit der Innenstadt, dem Tourismus und den vielen anstehenden Themen hin wolle. Daher sei auch Kur- und Bäder-Geschäftsführer Markus Spettel in der Konzeption involviert.

Mit dem Demografieprozess 2020 hat die Stadtverwaltung Bad Dürrheim vergangenes Jahr bereits eine Bürgerbeteiligung durchgeführt. Diese hatte den Blick hauptsächlich auf das soziale, vielfältige und generationengerechte Miteinander in der Gesamtstadt gelegt. Dabei wurde aber unter anderem auch ganz konkret die Entwicklung eines Mobilitätskonzepts gefordert. Dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung sei das jetzt in Gang gesetzte Vorgehen sehr wichtig. „Es geht um die zukünftige Weiterentwicklung der Stadt Bad Dürrheim aus, städtebaulicher aber auch aus tourismuswirtschaftlicher Sicht – da müssen die Bürger mitsprechen. Es war ganz klarer Wille des Gemeinderats von den Bürgern und Touristen zu erfahren, wie sich unsere Stadt aus deren Sicht verbessern kann“, betont Bürgermeister Berggötz. Entscheidungen treffe am Ende zwar der Gemeinderat, aber die Stadträte seien auch auf Meinungen und Tendenzen aus der Bürgerschaft angewiesen, um ihre Entscheidungen abgewogen und gefestigt treffen zu können, unterstreicht Berggötz.

Bad Dürrheim endet nicht in der Friedrichstraße. In Gesprächen sei festgestellt worden, dass für die Bürger wohl eine „innere räumliche Grenze“ zwischen Innenstadt und Außenbereich existiere, erklärt Wirtschaftsförderer Alexander Stengelin. Daher rühren diese Ortsschilder, die zurzeit zu finden sind. Bilder: Wolf-Wilhelm Adam
Bad Dürrheim endet nicht in der Friedrichstraße. In Gesprächen sei festgestellt worden, dass für die Bürger wohl eine „innere räumliche Grenze“ zwischen Innenstadt und Außenbereich existiere, erklärt Wirtschaftsförderer Alexander Stengelin. Daher rühren diese Ortsschilder, die zurzeit zu finden sind. Bilder: Wolf-Wilhelm Adam

Unterstützt wird die Stadtverwaltung beim Bürgerbeteiligungsprozess von der Firma „Plan:Kooperativ“ aus Heidelberg, dessen Team aus Soziologen und Stadtplanern den anstehenden Prozess konzeptioniert und strukturiert hat. Der erste Schritt ist eine große Auftaktveranstaltung am Mittwoch, 9. Oktober, im Haus des Bürgers. Hierzu sind interessierte Bürger, die über die zukünftige Entwicklung des Sanierungsgebiets Innenstadt mitsprechen möchten, eingeladen. Die sich in den Wochen darauf anschließenden Befragungen – unter anderem auch online – und Begehungen sollen die Bürger mitnehmen, diesen städtebaulich einen anderen Blick geben und zum Austausch anregen. Dabei werde über etliche Sachverhalte, Projektideen und Maßnahmen im Sanierungsgebiet informiert, aber auch Meinungen, Ideen und Präferenzen abgefragt.

Nach dem Abschluss der Befragung am 8. November soll es weiter gehen. Die Ideen, Meinungen und Kritikpunkte der Bürger werden in einem städtebaulichen Wettbewerb, der 2020 stattfinden soll, weitergeführt. „In diesem Wettbewerb unter Stadtplanern und Architekten wollen wir Fragen zu öffentlichen Platzgestaltungen, Wegebeziehungen und Mobilität beantwortet, aber auch bereits vorliegende Projektideen in einen Gesamtrahmen eingeordnet bekommen“, erklärt Stadtbaumeister Holger Kurz. „Die Ergebnisse des Beteiligungsprozesses werden Teil der Wettbewerbsausschreibung sein.“

Insgesamt ist sich Bürgermeister Jonathan Berggötz sicher, dass mit dem Bürgerbeteiligungsprozess und den darin vorgestellten Projekten die Weichen für die zukünftige Entwicklung der Innenstadt und des wichtigen Wirtschaftsfaktors Tourismus gelegt werden: „Wir freuen uns auf diesen Prozess und hoffen, dass sich die unterschiedlichsten Personenkreise daran beteiligen. Es werden neue Perspektiven im Herzen von Bad Dürrheim entstehen.“

Steffen Becker von „Plan:Kooperativ“ bringt Farbmarkierungen und Fragen auf und löst dabei bereits rege Diskussionen unter den Passanten aus.
Steffen Becker von „Plan:Kooperativ“ bringt Farbmarkierungen und Fragen auf und löst dabei bereits rege Diskussionen unter den Passanten aus.

Übrigens: Wie im Rahmen des Pressegesprächs mit der Stadtverwaltung zur Ankündigung des Beteiligungsprozesses zu erfahren war, steht die Stadt in Kontakt mit einer Investorengruppe. Näheres dazu werde allerdings erst am 9. Oktober bekannt gegeben, ließ Bürgermeister Berggötz verlauten. Jedenfalls hätten sowohl die Gemeinderäte als auch die Investorengruppe den städtebaulichen Wettbewerb gewünscht.