Der Kirchturm der Unterbaldinger St. Gallus-Kirche ist derzeit aufgrund einer umfassenden Sanierung eingerüstet. Die Arbeiten sollen bis Herbst dieses Jahres fertig sein (wir berichteten). Der SÜDKURIER nutzte die Gelegenheit, im Kirchturm die Glocken anzuschauen und mit dem erzbischöflichen Glockeninspektor Johannes Wittekind zu sprechen.

Wittekind wird immer dann gerufen, wenn ein Kirchturm saniert wird oder die Glocken Probleme bereiten. In Unterbaldingen schaute er sich vor etwa zwei Jahren im Vorfeld der Sanierung das Geläut an. Da er von Haus aus Architekt ist, werfe er auch stets einen Blick auf die Bausubstanz des Turms und möglichen Sanierungsbedarf, erklärt der Fachmann.

Drei Glocken hängen im Unterbaldinger Kirchturm. Bilder: Wolf-Wilhelm Adam
Drei Glocken hängen im Unterbaldinger Kirchturm. Bilder: Wolf-Wilhelm Adam

Dreistimmiges Geläut

In Unterbaldingen findet man in der sogenannten Glockenstube einen Holzglockenstuhl mit drei Glocken. „Es ist ein dreistimmiges Geläut aus dem Jahr 1950“, weiß Wittekind zu berichten. Die aus Bronze gegossenen Glocken wurden von der Glockengießerei Benjamin Grüninger in Neu-Ulm gefertigt, deren Geschichte der Glockengießerei bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht.

Die größte Glocke wiegt 800 Kilogramm, hat einen Durchmesser von etwas mehr als einem Meter und hängt in der Mitte des dreistimmigen Geläutes. Links und rechts von ihr hängen zwei 450 und 350 Kilogramm schwere Glocken, die 90 und 80 Zentimeter im Durchmesser haben. Den Inschriften zur Folge sind die Glocken dem Heiligen Joseph, der Gottesmutter Maria und dem heiligen Engel gewidmet.

Jede Glocke für sich ist ein Meisterwerk der Glockengießerei und ein Unikat. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
Jede Glocke für sich ist ein Meisterwerk der Glockengießerei und ein Unikat. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Die vierte Glocke fehlt

Was sofort auffällt, wenn man in die Glockenstube hineinschaut, ist ein weiterer kleiner Glockenstuhl, der jedoch leer ist. „Hier war früher eine vierte Glocke aufgehängt, die nun im Dachgiebel der Aussegnungshalle des Friedhofes zu finden ist“, erklärt Wittekind. Aufgrund des sanierungsbedürftigen Zustands der Läuteanlage hänge sie dort jedoch funktionslos und könne derzeit nicht geläutet werden. Dies sei extrem schade, so Wittekind, denn bei ihr handle es sich um eine Glocke aus dem Jahr 1842, die von Karl Rosenlächer aus Konstanz, einer bekannten Glockengießerdynastie gegossen wurde, die auch das Geläut des Freiburger Münsters gefertigt habe. Im Glockenregister des Erzbischöflichen Ordinariats könne man übrigens lesen, dass diese vierte Glocke ursprünglich auch nicht für Unterbaldingen gegossen wurde, sondern aus Littenweiler bei Freiburg stammt. „Wer sie nach Unterbaldingen gebracht hat und warum, das lässt sich aus den Unterlagen leider nicht herausfinden“, betont der Glockeninspektor.

Der Geläut in. St. Gallus besteht aus drei Glocken aus dem Jahr 1950. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
Der Geläut in. St. Gallus besteht aus drei Glocken aus dem Jahr 1950. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Zum Geläut der St. Gallus-Kirche gibt es nur wenige weitergehende Informationen. Aus den Inschriften lassen sich die bereits beschriebenen Eckdaten ablesen. Warum 1950 neue Glocken gegossen werden mussten, darüber gibt es keinerlei Aufzeichnungen. „Man kann nur vermuten, dass das Vorgängergeläut im zweiten Weltkrieg verloren gegangen ist“, so Johannes Wittekind. Normalerweise seien im Ordinariat mehr Hinweise inventarisiert, doch für Unterbaldingen finde sich nichts und deshalb wisse man auch nichts über das Vorgängergeläut.

Motor treibt Kette und Glocke an

Geläutet werden die drei Glocken durch die sogenannte Läuteanlage, die ähnlich einem Fahrrad aufgebaut ist. Der Tragebalken, das Joch der Glocke, ist in zwei beweglichen Kugellagern gelagert, damit die Glocke hin und her schwingen kann. Am Joch ist ein Läuterad befestigt, das über verschiedene Ritzel und mittels einer Kette mit einem Motor verbunden ist. Der Motor treibt die Kette und damit die Glocke an. Die Technik muss so funktionieren, dass kein ruckartiges Anschlagen der Glocke erfolgt. Sonst bestünde die Gefahr, dass der Corpus Risse bekommt, was man sofort hören würde.

So sieht die größte Glocke von innen aus. Der Klöppel schlägt gegen den Corpus und erzeugt den Ton. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
So sieht die größte Glocke von innen aus. Der Klöppel schlägt gegen den Corpus und erzeugt den Ton. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Glockengeschichte

„Im Erzbistum Freiburg gibt es Glocken, die aus dem elften Jahrhundert stammen und noch einwandfrei läuten“, weiß der Experte. So alte Glocken seien aber eher eine Seltenheit und würden dann auch nicht mehr häufig geläutet. Eine Glocke, die heute gegossen werde, halte mindestens 200 Jahre. Während früher viele Glocken durch Wandergießer einfach auf freiem Feld gegossen wurden, um den Transport der schweren Kolosse zu sparen, stecke heute hohe Sorgfalt und Qualität hinter der Glockenherstellung. Metalllegierung und Form seien Jahrhunderte alt und stammen aus der frühen Gotik. Kupfer und Zinn hätten sich über die Jahrhunderte als beste Legierung hinsichtlich Klang und Beständigkeit durchgesetzt.

„Die Unterbaldinger Glocken sind in bestem Zustand. Wünschenswert wäre, dass die politische Gemeinde der vierten Glocke wieder Leben einhaucht, denn es ist viel zu schade, dass sie funktionslos in der Aussegnungshalle hängt“, findet Wittekind.

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