Wer mit Aufmerksamkeit die Gotteshäuser der Ostbaar wahrnimmt, stellt fest, dass evangelisch geprägte Ortschaften in unmittelbarer Nähe von katholischen Orten heute eine friedliche Nachbarschaft pflegen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass dies beileibe nicht immer so war. Hierzu kann man in der Festschrift zur 1250-Jahr-Feier aus dem Jahr 2010 den wechselvollen Verlauf der Konfessionsgeschichte auf der Ostbaar nachlesen. Biesingen spielte dabei eine zentrale Rolle, lebten die Menschen doch gut 800 Jahre lang in friedlicher Nachbarschaft zu dem nur 1500 Meter entfernten Heidenhofen. Die Chronik nennt das Jahr 1324, in welchem Biesingen lediglich als eine kirchliche Außenstelle des Nachbarortes fungierte. Wie Chronist Herwig Meßner in seinen Recherchen zur Kirchengeschichte der Ostbaar herausgefunden hat, gab es nicht einmal bei Eheschließungen zwischen den beiden Orten irgendwelche Hemmnisse.

Die markanten Fenster im Altarraum verleihen der Kirche ein besonderes FlairBild: Jörg-Dieter Klatt
Die markanten Fenster im Altarraum verleihen der Kirche ein besonderes Flair. Bild: Jörg-Dieter Klatt

Reformation bringt Unruhe

Die neuen Lehren Martin Luthers zogen zu Beginn des 16. Jahrhunderts tiefe Gräben durch die Ostbaar, deren Auswirkungen bis zum heutigen Tag das kirchliche Leben in der Region beeinflussen. Um 1524, mit den Wirren der Bauernkriege, begann das Ringen um die Ortschaften der Region zwischen den Württembergern und dem Hause Fürstenberg. Orte, die an die Württemberger fielen, wurden evangelisch, wo die Fürstenberger regierten, blieben sie katholisch. So erging es auch Biesingen und Heidenhofen. 1535 kam Öfingen mit ins Spiel. „Württemberg und Fürstenberg rangen um Öfingen. Um dem Streit ein Ende zu bereiten, verabredeten beide Gebietsherren, Biesingen und Heidenhofen zu trennen“, so ist es in der Chronik zusammengefasst. Öfingen wurde evangelisch und Heidenhofen – obwohl zu Württemberg gehörend, blieb katholisch. Als Fußnote der Verhandlungen hieß es, dass Biesingen fortan zu den Lutheranern gehören möge. Bis 1588 der Vertrag unterschrieben werden konnte, mussten die Biesinger insgesamt 27 Mal die Konfession wechseln.

Eigene Kirche 1618 eingeweiht

1618 konnten die Biesinger dann ihr erstes eigenes Gotteshaus einweihen, wo aber über viele Jahre hinweg nur zu hohen Feiertagen, zu Taufen und Trauungen Gottesdienste gehalten wurden. Selbst die Beerdigungen fanden weiterhin „im weit entfernten“ Öfingen statt. Ab 1671 konnten sich die Biesinger einer mechanischen Turmuhr erfreuen. 1740 fielen große Teile des Gotteshauses einem Brandschaden zum Opfer. Allein der Kirchturm blieb verschont, musste jedoch 1748 wegen morscher Balken erneuert werden. Der „weite Weg“ nach Öfingen, der Kasualien wegen, also Gottesdiensten anlässlich von Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen, sorgte immer wieder für Unmut. Auf Drängen der Kirchengemeinderäte von Oberbaldingen und Biesingen stimmte 1871 der Oberkirchenrat in Karlsruhe dem Ansinnen nach einer selbständigen Kirchengemeinde Oberbaldingen, Biesingen und Sunthausen zu. Die Beerdigungen fanden nun in Oberbaldingen und Biesingen statt und auch allsonntägliche Gottesdienste konnten in Biesingen gefeiert werden.

Brandkatastrophe im Jahr 1902

Der 12. Juli 1902 wird aus den Annalen Biesingens nicht zu tilgen sein. Gegen 17 Uhr an jenem Tag brach eine furchtbare Feuersbrunst über den Ort herein, die 25 Häuser nebst Schule und Kirche vernichtete. Das Gasthaus zum Löwen diente dann für sechs Jahre behelfsmäßig als evangelisches Gotteshaus. Sogar ein kleiner Glockenstuhl mit einer kleinen Glocke wurde vor dem Lokal errichtet. Rund sechs Jahre nach dem Brand wurde der neue Kirchenbau am 1. März 1908 feierlich eingeweiht. Das für das damalige Zeitempfinden moderne Gotteshaus wurde in den vergangenen 110 Jahren immer wieder renoviert. Heute erstrahlt die Kirche außen in leuchtendem Weiß, innen wird es bunt, so wie es 1908 auch schon war. Die Decke des Kirchenschiffes ist eine freitragende Holzkonstruktion, bei der filigrane Eisenstangen die Wirkkräfte bändigen.

So sah die alte Biesinger Kirche aus, die 1618 eingeweiht wurde und 1902 abbrannte. <em>Bild: Archiv Vosseler</em>
So sah die alte Biesinger Kirche aus, die 1618 eingeweiht wurde und 1902 abbrannte. Bild: Archiv Vosseler

100-Jahr-Feier fiel bescheiden aus

Das Pfarrerehepaar Ulla und Bruno Nagel veranstaltete 2008 einen Festgottesdienst zum 100. Kirchengeburtstag. Da es seinerzeit kein Gemeindefest gab, soll dies 2018 zum 110. Geburtstag nachgeholt werden. Parallel zum Biesinger Dorffest feiert die Gemeinde mit einem bunten Programm nach dem Festgottesdienst den Jahrestag.