Es ist Montagmorgen und es ist bitterkalt. Acht Grad minus zeigt das Thermometer an. So richtig frostig also und durch den Nebel wirkt das Ganze noch kälter. Kann sich da einer vorstellen, den ganzen Morgen im Freien zu sein, den Tag im Wald zu verbringen, so wie die Kinder im Waldkindergarten? Unser Mitarbeiter, dessen Tochter selbst jeden Tag im Wald anzutreffen ist, hat einen Selbstversuch gestartet.

Johanna und Gianna macht das Rodeln auch riesigen Spaß, aber auch Jutta Janasik hat dabei ihr Vergnügen.
Johanna und Gianna macht das Rodeln auch riesigen Spaß, aber auch Jutta Janasik hat dabei ihr Vergnügen. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Ich schaue aus dem Fenster und würde angesichts dessen, was ich da sehe, im warmen Bett am liebsten wieder die Decke über den Kopf ziehen und noch ein Stündchen entspannen. Doch es hilft alles nichts: drei Lagen Merinowolle und eine dicke Daunenjacke sollten doch ausreichend sein, ein paar Stunden draußen zu verbringen. Schließlich sind alle anderen auch draußen und zwar jeden Tag.

Die "Anderen", das sind Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, insgesamt 17 an der Zahl. Sie gehen jeden Morgen in den Waldkindergarten in Bad Dürrheim. Die ersten sind bereits ab 7.30 Uhr in der Blockhütte am Kapfwald, wo sie zusammen mit Jutta Janasik und Tinette Reich den Ofen anfeuern, so wie heute Morgen. Über das Wochenende ist die Hütte ganz schön ausgekühlt, aber von schlechter Laune, verfrorenen Gesichtern oder Ähnlichem weit und breit keine Spur. Die Kinder sind gerne im Wald, das merkt man sofort.

Jutta Janasik mit Grace, Lukas und Kalea (von links). An den verschiedenen Plätzen im Wald finden sich auch immer wieder Schaukeln.
Jutta Janasik mit Grace, Lukas und Kalea (von links). An den verschiedenen Plätzen im Wald finden sich auch immer wieder Schaukeln. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Kurz darauf macht sich die "Vorhut" auf den Weg zum Mäusebussard-Platz, wo sie die restlichen Kinder in Empfang nehmen. Spätestens um neun Uhr müssen alle Kinder da sein. Die Eltern sind wie ich recht gut eingepackt, viele ziehen ihre Kinder mit dem Schlitten hoch zur Abgabestelle. Auch das hilft, warm zu bleiben.

Dort wo der Vogelkundepfad den Mäusebussard vorstellt, befindet sich der kleine Rodelhang, bei dem alle auf die Schlitten hüpfen und begeistert den Hügel runtersausen. "Der muss gar nicht lang sein", erklärt mir Jutta Janasik. "Hauptsache, die Kinder sind in Bewegung." Gerade die Älteren haben den Dreh raus. Wälzen, toben, rennen und einfach Spaß haben – das hält warm. Dazu gehört auch, den Fotografen ins Visier zu nehmen. Mit größter Freude düsen sie haarscharf an mir vorbei und lachen über meinen Hechtsprung, mit dem ich mich in Sicherheit bringe.

Schon der Weg zum kleinen Rodelhang macht den Kindern Spaß und ist bei diesem Wetter ein Abenteuer für sich. Bilder: Wolf-Wilhelm Adam
Schon der Weg zum kleinen Rodelhang macht den Kindern Spaß und ist bei diesem Wetter ein Abenteuer für sich. Bilder: Wolf-Wilhelm Adam

Derweil kriecht mir die Kälte schon in die Zehen. Dabei habe ich doch drei Paar Socken an. Genau das sei die Herausforderung, klärt mich die Leiterin des Waldkindergartens auf: warm bleiben. Sie selbst setze aus Erfahrung auf Wolle. Aber wenn man sich nicht bewegt, helfen selbst fünf Schichten Kleidung nicht.

Mit den Jüngsten gehen die Erzieher deshalb oft in die Hütte, wo gemalt, gebastelt und gespielt wird. "Gerade bei diesen Temperaturen müssen wir auf die Bedürfnisse und das persönliche Kälteempfinden der Kinder eingehen", betont Tinette Reich. Da jüngere Kinder gerne und viel beobachten und darüber das Toben vergessen, werde entsprechend gegengewirkt.

Gegen halb zehn treffen sich alle in der Hütte zum Morgenkreis. Der beginnt mit einem Lied: alles, was kalt ist, wird bewegt. Mit den Schultern wird gezuckt, auf die Schenkel geklopft und in die Hände geklatscht. Es gibt eine Geschichte, ein Geburtstag wird gefeiert und das Vesper steht an. Zum Glück haben die Eltern für warmen Tee gesorgt. "Sind alle wieder aufgewärmt", heißt es nach einer halben Stunde.

Kalea, Aaron, Lukas und Grace klettern auf den Bäumen umher und genießen das Winterwetter. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
Kalea, Aaron, Lukas und Grace klettern auf den Bäumen umher und genießen das Winterwetter. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Dann geht es für die Jüngeren raus in den Schnee. Strahlend steht die Sonne am Himmel, der Schnee glitzert im Licht. So stellt man sich einen Tag im Wald vor. "Viele beneiden uns um solche Tage. Doch selbst wenn es regnet und die Sonne sich wochenlang nicht zeigt, sind wir mit den Kindern draußen. Andere würden da nicht einmal ihren Hund vor die Tür schicken", merkt Jutta Janasik an und schmunzelt. Sie würde immer wieder den Wald wählen, sagt sie.

Auch ich genieße die Sonne in vollen Zügen. Obwohl das Thermometer nur unmerklich gestiegen ist, fühlt es sich durch die Sonne deutlich wärmer an. Die Kinder turnen auf den Bäumen herum, spielen Verstecken und schlecken am Schnee. So unbeschwert würde auch ich gerne die Tage im Waldkindergarten verbringen. Hut ab, dass die Erzieherinnen das täglich machen.