Die Stadt Bad Dürrheim wurde vor einiger Zeit zum wiederholten Male vom Naturschutzbund (NABU) als Naturwaldgemeinde ausgezeichnet (wir berichteten). Das verursacht Unterschiede zur normalen Waldbewirtschaftung und wirkt sich besonders auch bei der Bekämpfung der Borkenkäferplage aus, weil kein Gift eingesetzt werden darf. Die Borkenkäfer, der Orkan Friederike im Januar 2018 und die Trockenheit beuteln weiterhin den Ertrag aus dem Stadtwald.

So sollte im Rahmen der Naturverjüngung ein stufiges Wachstum aussehen: Bäume, die 90 Jahre und älter sind, darunter kleinere Bäume im Alter von 20 Jahren und dann der echte Nachwuchs, der unter dem Schirm der „Alten“ wächst. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
So sollte im Rahmen der Naturverjüngung ein stufiges Wachstum aussehen: Bäume, die 90 Jahre und älter sind, darunter kleinere Bäume im Alter von 20 Jahren und dann der echte Nachwuchs, der unter dem Schirm der „Alten“ wächst. Bild: Wolf-Wilhelm Adam

Bereits für das Jahr 2018 ergab das betriebswirtschaftliche Ergebnis des Stadtwaldes ein Defizit in Höhe von rund 60 000 Euro. Darüber berichtete Matthias Berger dem Gemeinderat im März 2019. Hauptursache sei die angespannte Marktsituation gewesen als Folge einer Käfer- und Sturmholzschwemme in ganz Mitteleuropa. In diesem Jahr wurden bereits allein 4000 Festmeter Käferholz geschlagen, was drei Viertel der gesamten Holz-ernte ausmacht. Die Donaueschinger Betriebsleiterin Virginia Lorek und Revierförster Matthias Berger informierten den Gemeinderat nun kürzlich über die aktuelle Situation und legten den Bewirtschaftungsplan 2020 für den Stadtwald vor. Und die Aussichten für 2020 werden nicht besser, sondern eher noch schlechter.

Revierförster Matthias Berger erläuterte im Gespräch mit unserer Zeitung Unterschiede in der Bewirtschaftung eines Naturwaldes.

Revierförster Matthias Berger mit Hund „Bär“ in einem der Waldrefugien. Hier, auf Unterbaldinger Gemarkung am Weißen Weg, musste aus Verkehrssicherungsgründen ein Baum gefällt werden, der aber anschließend einfach liegenbleibt. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
Revierförster Matthias Berger mit Hund „Bär“ in einem der Waldrefugien. Hier, auf Unterbaldinger Gemarkung am Weißen Weg, musste aus Verkehrssicherungsgründen ein Baum gefällt werden, der aber anschließend einfach liegenbleibt. Bild: Wolf-Wilhelm Adam
  • Bedeutung naturnaher Bewirtschaftung: „Natürlich spielt die Wirtschaftlichkeit eine große Rolle. Der Stadt ist jedoch neben dem finanziellen Ergebnis auch daran gelegen, seltene und besonders wertvolle Waldbilder und Lebensräume zu bewahren, zu fördern und durch möglichst naturnahe Waldbewirtschaftung ein gesundes Waldbild zu schaffen und zu erhalten“, erklärte Förster Matthias Berger im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Als ausgezeichnete Naturwaldgemeinde müsse man besonders den Erholungsfaktor, das Wohlbefinden, den Mehrwert durch die Artenvielfalt und den Artenschutz sehen. Durch ausgewiesene Refugien haben bedrohte Tiere und Pflanzen Rückzugsorte, die sie sonst nicht hätten.
  • Refugien: Fünf Prozent der Betriebsfläche (850 Hektar) seien als Waldrefugien auszuweisen, erklärt der Revierförster. Das sind rund 45 Hektar, die auf mehrere kleine Refugien verteilt sind. Hier finde keine Bewirtschaftung statt. Der Wald wird sich selbst überlassen. So solle ein natürliches Waldbild entstehen. Spechte können das Totholz als Nahrung nutzen, Klein- und Kleinstlebewesen finden Behausungen und können sich so entwickeln. Die natürliche Aussaat der Bäume sorge für neues Leben und ein stufiges Wachstum. Unter dem Schirm des Altholzes entwickelt sich so die nächste Generation.
  • Nachteile: Von der freien Entwicklung und Entfaltung der Tierwelt profitiert natürlich auch der Borkenkäfer. In diesen Refugien werden keine befallenen Bäume gefällt und auch nicht herausgeholt. Berger: „Das heißt, dass wir die angrenzenden Waldgebiete umso mehr beobachten und schützen müssen.“ So habe er im Juni schon mal vorsorglich eine Entrindungsmaschine bestellt.
  • Weitere Probleme: Es gebe Faktoren, die eine natürliche Verjüngung des Waldes verhindern, so der Förster. Hier sei das Bodenklima anzuführen, das mancherorts nicht optimal ist. Ein Problem stelle der Wildverbiss dar. Dieses Thema wurde auch von den Gemeinderäten angesprochen. Hier sind wir auf die Jäger angewiesen. Und dann gebe es noch die Beeinflussung durch verschiedene Kalamitäten: Durch Käferbefall wird ein Bereich gelichtet, der Wind hat größere Angriffsflächen und lichtet hier weiter und dann verdämmt durch das einfallende Licht die Brombeere den Waldboden. Da finde dann ohne Zutun des Menschen keine natürliche Verjüngung mehr statt. In Absprache mit dem NABU dürfe in solchen Fällen eingegriffen werden, indem Altbestand gefällt, Brombeeren entfernt und neue Bäume aus der Baumschule gepflanzt werden.
  • Den Wald erhalten: In Bad Dürrheim hätte man mit dem Stadtwald Glück gehabt, erklärte Förster Berger den Gemeinderäten, indem verschiedene Faktoren günstig zusammenfielen. So sei es etwa gelungen, die geschlagenen Stämme schnell abzutransportieren. Die Lösung aus Sicht der Forstleute sei, „eine gute Mischung in die Sache zu bringen“. Das heißt, der Vorschlag sei, mit Baum-arten wie Douglasfichte, Buche und Ahorn aufzuforsten. „Es wird bunter werden!“ Eine „Wunderbaumart“, die resistent gegen Käferbefall sei, gebe es nicht, erklärte Berger auf eine entsprechende Frage. Beim Ahorn sei wiederum die Gefahr des Wildverbisses groß. Gegen diese Schäden helfe tatsächlich nur gezielte Jagd, wie es beispielsweise im Wittmanstal erfolgt ist.
  • Bewirtschaftungsplan 2020: Entsprechend der Nutzungsplanung der Forsteinrichtung ist für das Jahr 2020 eine Holzernte von 5438 Festmetern vorgesehen. Es sei leider zu erwarten, dass die Holzpreise gegenüber dem Vorjahr weiter sinken, so die Forstexperten. Der Durchschnittserlös ist mit 43,90 Euro pro laufendem Meter gegenüber dem Preis des Vorjahres in Höhe von 62,15 Euro um rund 29 Prozent niedriger angesetzt. Für den Einsatz städtischer Waldarbeiter im Privatwald und benachbarten Kommunalwald sind Kosten von 6700 Euro (im Vorjahr 15 000) veranschlagt.
    Es wird prognostiziert, dass die Einnahmen um 100 000 Euro geringer ausfallen als 2019 und die Ausgaben um etwa 40 000 Euro steigen, so dass als Betriebsergebnis ein negativer Betrag von 177 000 Euro zu erwarten ist. Die nächste Waldbegehung mit dem Gemeinderat soll im April 2020 sein.