Vor fünf Jahren kam er mit dem Schulwissen eines Drittklässlers in die Kurstadt, nun hat Muhammad Sher Khan, der aus seinem Heimatland Afghanistan floh, sein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 2,5 in der Tasche und bereitet sich auf sein Physikstudium in Freiburg vor. Es ist eine Erfolgsgeschichte wie sie im Buche steht. "Ich hatte ein Ziel und das wollte ich erreichen", sagt der heute 21-Jährige. Und damit nicht genug mit den Zielen, denn wer mit Khan, der von allen nur mit seinem Spitznamen "Khani" angesprochen wird, spricht, der versteht, dass Ziele dazu da sind, erreicht zu werden. Der nächste Schritt ist der Bachelorabschluss in Physik. An der Universität Freiburg ist er schon immatrikuliert, nur die passende Bleibe fehlt noch.

Fehlende Sprachkenntnisse

Die vergangenen fünf Jahre hat Khan im Kinderheim der Off-Road-Kids-Stiftung gewohnt. Es war eine besondere Situation, als im Spätsommer 2013 der Anruf einer Dame von der Auffangstelle für Unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) in Karlsruhe reinkam, erinnert sich Off-Road-Kids-Vorstandssprecher Markus Seidel. Denn Seidel hatte zuvor noch keinen Geflüchteten im Kinderheim aufgenommen. Da er aber merkte, dass Khan einen unbändigen Willen, zu lernen hatte, entschied er, ihn nach Bad Dürrheim zu holen. Trotz der fehlenden Englisch- und Deutschkenntnisse fand er seinen Platz neben den anderen Kindern und Jugendlichen im Heim. "Bedingung war für mich, dass er das Grundgesetz achtet und das alle vor dem Gesetz gleich sind", betont Seidel.

Zunächst ging Khan zwei Jahre auf die Realschule am Salinensee. In der ersten Schulwoche in der neunten Klasse, wurde er von einem Betreuer aus dem Kinderheim begleitet, dann musste der junge Mann sich alleine durchschlagen. "Die Lehrer haben sich vorbildlich für ihn eingesetzt", sagt Seidel. Nicht nur Deutsch oder Englisch bereiteten ihm anfangs Probleme, auch Schulfächer wie Mathematik, Informatik oder Physik, die Khan liegen, fielen schwer. Denn Sprachkenntnisse waren auch hier unabdingbar.

Um schneller in den deutschen Alltag zu finden, stellte das Heim einen Deutschlehrer an. Der gute Realschulabschluss mit einer Durchschnittsnote von 2,3 ermöglichte Khan den Übergang aufs Wirtschaftsgymnasium in Villingen, wo er viele Klausuren auch auf Englisch schreiben konnte. Dort kam neben Paschtu, Urdu, Englisch und Deutsch auch noch Spanisch zum Sprachenrepertoire von Khan hinzu.

Familiäres Umfeld dazugewonnen

"Heute spricht Khani fließend Englisch und das besser als ich", sagt Seidel. Khan selbst grinst verlegen. Und doch weiß er einzuschätzen, was er mit viel Wille erreicht hat. "Schon als kleiner Junge wollte ich Pilot oder Wissenschaftler werden", erzählt Khan. Der Weg dahin war alles andere als geebnet. Der 21-Jährige gehört zur ethnischen Gruppe der Paschtunen. In der Region, in der er vor seiner Flucht lebte, wüteten die Taliban. Der Kontakt zu seinen drei jüngeren Geschwistern und seinen Eltern brach durch die Flucht zeitweise ab, heute leben sie im Exil in Pakistan. "Ich skype einmal in der Woche mit ihnen", sagt Khan.

In Bad Dürrheim hat er ein familiäres Umfeld dazugewonnen, das er auch während seines Studiums in Freiburg nicht verlieren soll. "Ich will meinen Doktor in Physik machen", sagt Khan entschlossen. Ob er danach als Physiker arbeitet oder als Programmierer, das weiß er noch nicht. "Khani wird Hochschulprofessor in Kabul", prophezeit ihm sein Unterstützer. Khan grinst verlegen, für ihn steht nun erstmal der Bachelor im Fokus.