Villingen-Schwenningen Zwei Städte unter dem Hakenkreuz – Historiker stellen ihre überraschenden Ergebnisse vor

Villingen und Schwenningen haben während der Zeit des Nationalsozialismus’ unterschiedliche Pfade beschritten. Villingens Wirtschaft profitiert von der Wirtschaftspolitik der Nazis. Schwenningen hat einen wehrhaften Bürgermeister, der sich der NSDAP widersetzt.

Mit dem Umgang politischer Figuren mit der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und der wirtschaftlichen Entwicklung beider Städte haben sich Casimir Bumiller und Robert Neisen in ihrer Lesung in der Villinger Stadtbibliothek beschäftigt.

Im Oktober 2017 erschien das Werk „Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen. Band II – Der Weg in die Moderne“. Neun Autoren arbeiten auf 736 Seiten und in 660 Abbildungen den Gang beider Städte in die Moderne auf. Robert Neisen fiel als historischem Experten für die NS-Zeit das Los zu, jene zwölf Jahre unter die Lupe zu nehmen.

  • Villingen: Die Konzentration der Nazis auf eine allgemeine Motorisierung und Automobilisierung sowie das Radio als Massenmedium für die Wohnzimmer bringt vor allem zwei Villinger Unternehmen den Erfolg: der Kienzle Apparate GmbH und Saba. Kienzle profitiert als großer Automobilzulieferer, Saba bringt seine Produktion des Volksempfängers gar einen Besuch von Propagandaminister Joseph Göbbels am Stand auf der Berliner Funkausstellung ein. Die Zahlen sprechen für sich, Kienzles Zahl der Beschäftigten wächst zwischen 1930 und 1939 von 250 auf 400, Saba erfährt eine Verdoppelung der Belegschaft innerhalb von fünf Jahren bis 1938 auf 1020. Parallel strömen als Entwicklung zum Kneipp-Kurort in der 1930er-Jahren bis zu 30 000 Touristen jährlich nach Villingen. Die Zahl der Einwohner steigt von 1933 bis 1939 von etwa 14 000 auf beinahe 17 000. Um Infrastruktur und Wohnungsbau zu stemmen, steigt Villingens Schuldenstand in vier Jahren um 2,5 Millionen Reichsmark. Währenddessen sind große Teile des Gemeinderats und Stadtverwaltung von NSDAP-Parteimitgliedern infiltriert. Die Personalpolitik des nationalsozialistischen Bürgermeisters Hermann Schneider lässt aus ideologischen Gründen mit Franz Martin und Karl Reichert einen Kaufmann und einen erfolglosen Unternehmer zum Verwaltungsoberinspektor und zum Leiter der Villinger Elektrizitätswerke aufsteigen. Neben fachlich Unqualifizierten schleust Schneider bis Kriegsende 29 „Kämpfer der ersten Stunde“ in den Apparat von 200 städtischen Bediensteten ein. „Nach 1945 wurde dieser Zustand kurz im Gemeinderat debattiert, fiel dann rasch einer Verdrängung einher. Im Grunde genommen sind diese personellen Verquickungen wenig aufgearbeitet“, so Neisen.
  • Schwenningen: Mit von der Uhrenindustrie geprägten Wirtschaft tritt Schwenningen hingegen nahezu regungslos auf einer Stelle. Zwar gehen die Arbeitslosenzahlen nach der Weltwirtschaftskrise in der NS-Zeit leicht zurück, einen aufstrebenden Industriezweig gibt es im Vergleich zu Villingen jedoch nicht. Der Schwenninger Oberbürgermeister Otto Gönnenwein ist ein von der NSDAP „eher geduldeter“ Amtsträger. Er war stets bemüht, finanzielle Begehrlichkeiten der Partei zurückzuweisen. „Zwar trat er in die NSDAP ein, meiner Meinung nach aber zu 98 Prozent aus taktischen Gründen“, sagt Neisen. Bei einem schriftlichen Streit mit der Schwenninger Sturmabteilung (SA) feilscht die Stadt hinsichtlich einer ermäßigten Nutzung des Neckarbads symbolisch um geringste Beträge und zwingt die paramilitärische Organisation der NSDAP regelmäßig zu ausstehenden Zahlungen. In Auseinandersetzungen mit der NSDAP um die Nutzung des Burenhauses treibt Gönnenwein hartnäckig ausstehende Mietzahlungen ein und verzögert den vollständigen Ausbau bis zum Kriegsausbruch.
  • Fazit: „Im Gegensatz zu Villingen gab es in Schwenningen keine Vereinnahmung der Kommune. Gönnenwein als Jurist und Verwaltungsexperte bleibt durch seine stabilisierende Funktion für den Gesamtapparat dennoch eine ambivalente Figur“, sagt Neisen.

Nächste Lesung

Weitere Lesung am 28. Mai auf der Schwenninger Südwest Messe, ab 14 Uhr, am Stand der Stadt Villingen-Schwenningen. „Geschichte in der Stadt Villingen-Schwenningen. Band II – Der Weg in die Moderne“ gibt es für 34,50 Euro im Buchhandel, im Stadtarchiv oder in den Bürgerservice-Zentren.

Ihre Meinung ist uns wichtig
☀ Einzigartige Sonnenstücke vom See ☀
Neu aus diesem Ressort
Villingen-Schwenningen
Villingen-Schwenningen
Villingen-Schwenningen
VS-Weilersbach
Villingen-Schwenningen
Villingen-Schwenningen
Die besten Themen