Villingen-Schwenningen Wie ein Stück des Friedensnobelpreises nach Villingen kam

Der Villinger Arzt Helmut Lohrer setzt sich seit Jahren gegen Atomwaffen ein. Er ist Mitbegründer von Ican, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, die am Freitag mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ein Leben zwischen Sprechzimmer und Weltpolitik. Mit Video.

Am Freitagabend vergangener Woche verlässt Helmut Lohrer seine Arztpraxis in der Bleichestraße und kauft drei Flaschen Champagner. Er wird das ganze Wochenende durchfeiern.

Acht Stunden zuvor an diesem Tag hechtet er nach jedem Patienten an den Bildschirm, darauf zu sehen die Internetseite des Nobelpreiskomitees in Oslo und drückt die Aktualisieren-Taste.

Um Punkt elf Uhr stehen vier Buchstaben auf dem Bildschirm: Ican. Die Abkürzung steht für Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Der diesjährige Friedensnobelpreisträger.

Fünf Tage später, am Mittwochnachmittag, sitzt Helmut Lohrer, 54 Jahre alt, blauer Pullover über weißem Poloshirt, kantige Brille, freundliche Augen, in seinem Sprechzimmer, an der Wand hinter ihm hängt das rote Ican-Logo mit einem Emblem des Friedensnobelpreises. "Das hab ich gleich am Freitagabend noch gemacht. Im Überschwang", sagt er.

Von der Oberpfalz in den Schwarzwald

Über dem Logo hängt eine Urkunde der IPPNW, der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. Der hat sich Lohrer 1986, in seinem ersten Semester, angeschlossen. 21 Jahre später ging daraus die Organisation Ican hervor. Lohrer ist, wenn man so will, eines ihrer Gründungsmitglieder. Er saß im Vorstand der IPPNW, die 2006 eine Kampagne forcierte, die sich für das Verbot von Atomwaffen stark machen wollte. Ein Jahr später wurde daraus Ican.

Lohrer ist in Weiden in der Oberpfalz geboren, hat in Heidelberg Medizin studiert, landet in England und kommt über einen Freund nach Furtwangen. Von dort 2003 nach Villingen, wo er drei Jahre in der Kardiologie im Klinikum arbeitet, bevor er 2006 seine Praxis in der Bleichestraße eröffnet. Er wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Pfaffenweiler. "Die Selbstständigkeit", sagt er, "gibt mir die Freiheit, die ich brauche für mein politisches Engagement". Muss er zu einem Kongress nach London, zu einer Konferenz nach Boston, hält ihm seine Praxispartnerin den Rücken frei.

Drei- bis viermal im Jahr reist er als deutscher Vertreter der IPPNW durch die Welt; vergangene Woche war er in London, ein neues Netzwerk zum Thema Rüstungsexporte soll aufgebaut werden. Das meiste läuft inzwischen übers Internet – man ist auf seinen ökologischen Fußabdruck bedacht.

Die Welt zu retten ist mitunter wunderlich

Heute Abend hat er eine Skype-Konferenz mit allen europäischen Sektionen. Sie wollen abstimmen, wie man die neu gewonnene Aufmerksamkeit jetzt nutzen kann. Mitunter beantwortet er bis ein oder zwei Uhr nachts E-Mails oder verfasst Blogeinträge für den Internetauftritt der Organisation.

Lohrer ist kein Träumer, kein verbissener Weltverbesserer, Lohrer ist einer, dem es einfach nicht egal ist, was auf der Welt passiert. "Zivilgesellschaft", sagt er, "funktioniert nur durch Beteiligung". Einer, der, wenn er für sein Engagement mit den Worten "Du bist im Kalten Krieg hängen geblieben" belächelt wird, sofort detailliert alle Vorfälle der jüngsten Geschichte aufzählen kann, in denen die Welt nur durch Glück einem atomaren Krieg entkommen ist.

Einmal im Jahr fährt er nach Büchel in der Eifel. Dort liegen die letzten Atomwaffen der Amerikaner. Wasserstoffbomben, von denen jede einzelne die 15-fache Sprengkraft der Hiroshima Bombe hat. Sie besetzen dort die Tore. Letztes Mal haben sie ein Rockkonzert davor veranstaltet. "Es soll auch ein bisschen Spaß machen", sagt er und schiebt hinterher: "Auch wenn es ein komischer Spaß ist." Die Welt zu retten ist mitunter wunderlich.

Rettet Lohrer einmal weder die Welt noch behandelt er Patienten, dann fährt er Mountainbike, geht in den Jazz-Club, ist im Vorstand der katholischen Sozialstation aktiv. Villingen ist seine Heimat. "Ich mag die Menschen, die Überschaubarkeit."

In einem seiner Sprechzimmer hängt eine Weltkarte. Lohrer ist auch Reisearzt. Geht ein Patient in ein Land, in dem vorher keiner war, setzt Lohrer dort ein Fähnchen. Die roten, sagt er, sind meine. Viel Karibik, Kasachstan, einmal Boston, der Hauptsitz der IPPNW.

"Das hier", sagt er beim Rausgehen und deutet auf einen Aufkleber auf seinem Laptop, darauf zu sehen das Peace-Zeichen und eine durchgebrochene Atombombe, "habe ich schon lange auf meinem Laptop". Bisher hat das Logo von Ican niemand erkannt. Das wird sich jetzt ändern.

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