Villingen-Schwenningen Vorwurf an Stolperstein-Gegner: „Diese Leute haben kein Interesse an der Geschichte“

In der ersten Podiumsdiskussion der Initiative Stolpersteine erinnern die Teilnehmer an die deportierten jüdischen Bürger der Stadt. Seit den 1960er Jahren verhindern einflussreiche Kreise das Erinnern an dieses dunkle Kapitel der Geschichte – so ihre Kritik.

Die Bürger der Stadt Villingen-Schwenningen tun sich offenbar schwer mit der Erinnerung an die Vergangenheit. Zu diesem Schluss kamen die Teilnehmer der ersten von drei angekündigten Podiumsdiskussionen, die die Initiative Stolpersteine startete. 70 Zuhörer verfolgten die Diskussion um die Erinnerungs- und Denkmalkultur in der Stadt mit.

Anlass für die Runde war die Ablehnung des städtischen Gemeinderats gegen die Installation der Stolpersteine, mit denen den Opfern des Nazi-Regimes in Villingen-Schwenningen gedacht werden soll. Auf dem Podium versuchten der ehemalige Lehrer am Romäusgymnasium, Wolfgang Heitner, der Vorsitzende des Freundeskreises städtischer Museen, Heinz Lörcher, die Historikerin und Vorsitzende des Schwenninger Heimatvereins, Annemarie Conradt-Mach, und der Schwenninger Pfarrer Frank Banse zu erörtern, weshalb bis heute versucht wird, das dunkle Kapitel der Nazizeit möglichst nicht mehr aufzuschlagen.

„Seit den 1960er Jahren hat sich wenig geändert“, formulierte es Wolfgang Heitner. Schon damals hätten es einflussreiche Bürger mit ihrer Schlussstrich-Mentalität geschafft, entsprechende Anstrengungen zu verhindern. Auch heute würde im Gemeinderat damit argumentiert, dass die Stolpersteine den Wert der Häuser herabsetzen würden. „Diese Leute haben kein Interesse an der Geschichte“, sagte Heitner Entsprechende Gedenktafeln oder Stelen, wie sie beispielsweise auf dem Villinger Bahnhofsvorplatz an die Deportation der Juden erinnern, seien meist auf private Initiativen entstanden.

Journalist Klaus-Peter Karger leitete die Diskussionsrunde. Im Gespräch erinnerten sich die Teilnehmer an viele Ereignisse, die im Zusammenhang mit den jüdischen Bürgern stehen, die 1940 deportiert, in Konzentrationslager verschleppt und umgebracht wurden.

Der Unterschied zwischen den damals eigenständigen Städten Villingen und Schwenningen wurde dabei deutlich. In Villingen lebten etliche jüdische Familien und „waren dort in das gesellschaftliche Leben integriert“, wie Historiker Hein Lörcher sagte. In Schwenningen gab es kaum jüdische Bürger.

Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Schwenningen, Frank Banse, erinnerte an eine jüdische Opernsängerin, die im Pfarrhaus versteckt wurde und die sich in einer Bombennacht 1945 das Leben nahm.

Tricks für würdiges Begräbnis

Das Problem für die Kirchenbediensteten: Wie sollte jemand bestattet werden, der sich illegal aufhielt. Doch dank couragierten Helfern erhielt die Verstorbene rumänische oder russische Papiere – und ein würdiges Begräbnis.Heinz Lörcher und Annemarie Conradt-Mach erörterten, weshalb die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP in den 1930er Jahren vor allem in Villingen eine große Anhängerschar an sich binden konnte. „Die Menschen hatten wieder Arbeit und es ging ihnen gut“, so Lörcher. Unter anderem fiel der Bau der Villinger Südstadt in diese Zeit.

Viele Menschen hätten auch die Kriegszeit nicht als so schlecht empfunden. „Das kam oft erst rückblickend.“Zuhörer Michael Zimmermann störte sich an der Tatsache, dass sich die ganzen Diskussion um Erinnerungskultur nur auf die Juden beschränkt. Sie seien „die Privilegierten unter den Opfern gewesen“. Er sei überzeugt, dass man auf eine Opferzahl käme, „die der einer Kleinstadt von der Größe etwa Bräunlingens entspricht.“ Wenn man alle Opfer des Nazi-Regimes aus Villingen und Schwenningen zusammenrechne und dabei Minderheiten wie Sinti und Roma, Homosexuelle und Querulanten zusammenrechne. 

Nächster Termin

Die nächste Podiumsdiskussion der Veranstaltungsreihe „Kultur des Erinnerns“ findet am Montag, 5. Mai, um 19.30 Uhr im Martin-Luther-Haus statt.

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