Villingen-Schwenningen Virtuelle Stolpersteine mit Joseph-Haberer-Preis ausgezeichnet

Joseph-Haberer-Preis für ehemalige Schüler. Langer Applaus belohnt Fleiß der Jugendlichen.

Rund zehn Monate nach dem Start des Kunstprojekts „Virtuelle Stolpersteine“ wurden die beiden Villinger Felix Flaig und Johannes Hebsacker jetzt im Ratssaal des Alten Rathauses mit dem Joseph-Haberer-Preis ausgezeichnet. Seit Jahren ehrt die Stadt Schülerinnen und Schüler des Oberzentrums Villingen-Schwenningen, die sich für Demokratie und Toleranz einsetzen. Die mehrheitliche Ablehnung der geplanten Stolpersteine zur Erinnerung an die deportierten Juden aus Villingen im Gemeinderat inspirierte die ehemaligen Schüler der St.-Ursula-Schulen zu ihrer Arbeit.

Vor fast einem Jahr legten die beiden eine Internetseite an, um den Villinger Juden ein virtuelles Denkmal zu setzen. Die Seite informiert über zehn jüdische Opferfamilien, die alle in Villingen ihren Wohnort hatten. Die Recherchearbeiten lieferte der Geschichtslehrer Heinrich Schidelko. Und durch die Unterstützung ihrer Kunstlehrerin Anna-Maria Saurer und ihres Geschichtslehrers Heinrich Schidelko nahm die Internetseite nach und nach Gestalt an. Um auch Menschen in ihrem Alter für das Thema zu interessieren, brachten Felix Flaig und Johannes Hebsacker eigens gestaltete Aufkleber mit sogenannten QR-Codes in der unmittelbaren Umgebung der Häuser an, die bis zur Deportation von Villinger Juden bewohnt wurden. Die Codes können mit dem Smartphone einfach eingescannt werden und verweisen auf die Informationen auf der erstellten Website.

Oberbürgermeister Rupert Kubon verwies auf die Relevanz von Zivilcourage. „In der heutigen Zeit sind Probleme wie Rassismus und Antisemitismus noch immer präsent. Im Kontrast zu den dunkelsten Tagen der deutschen Geschichte gibt es aber noch Menschen, die sich mit der tragischen Geschichte auseinandersetzen“, betont er. Ein Beispiel für diese Zivilcourage seien Felix Flaig und Johannes Hebsacker. Sie haben ein bewegtes Bild von Verfolgung und Tod der Villinger Juden gezeichnet, so der OB. Das Projekt sei vor allem deshalb zu loben, da es in der Stadtöffentlichkeit in aller Munde war und ist. Das Ziel der Aktion, auf die bedrückenden Schicksale der Juden im Dritten Reich hinzuweisen und sie in den Gedanken der Gesellschaft zu bewahren, sei in vollem Umfang erreicht worden.

Felix Flaig bedankte sich bei der Jury für die Auszeichnung und bei allen Helfern, die die Internet-Seite zu der gemacht haben, die sie heute ist. Er nahm die Auszeichnung auch für Johannes Hebsacker an, welcher leider verhindert war. Er war aber telefonisch zugeschaltet. Einen Preis für die viele Arbeit haben die beiden nicht erwartet. Sie wollten vielmehr ihr Thema visualisieren, komprimieren und für alle greifbar machen: „Gerade die junge Generation hat kaum noch Bezug zum Holocaust. Im Unterricht klingt das Leid weit weg. Dass dies nicht so ist, haben wir mit dem Projekt zeigen können.“ Rund 18 000-mal wurde die Seite bis heute aufgerufen. Eine enorme Zahl, welche die Jungs sehr überrascht. „Mit solch einer positiven Resonanz haben wir überhaupt nicht gerechnet. Wir haben nur positives Feedback erhalten – und zwar aus aller Welt“, berichtet Felix stolz.

Das willkürliche Abziehen einiger Aufkleber durch Unbekannte hat die beiden Heranwachsenden geärgert. Dies sei namenlose Kritik gewesen, auf die nicht reagiert werden kann. Nichtsdestotrotz soll die Seite weitergeführt werden. Eine Projektgruppe der St.-Ursula-Schule werde sich mit den jüdischen Familien weiter auseinandersetzen und ihr Andenken bewahren. An der Diskussion um die Stolpersteine wollen sich die Jugendlichen aber nicht beteiligen. „Wir wollen nicht sagen, dass die Stolpersteine die richtige und einzige Form des Gedenkens sind. Wichtig ist uns, dass überhaupt gedacht wird.“

Die Stolpersteine im Netz:

virtuellestolpersteine.wordpress.com

Joseph-Haberer-Preis

Die Auszeichnung mit dem Joseph-Haberer-Preis wird zu Ehren des in Villingen geborenen jüdischen Professors Joseph Haberer vergeben. 1938 emigrierte er als Kind aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach England. Später lehrte er in den USA Politologie und setzte sich gegen Rassismus und Antisemitismus ein.

2010 hat die Stadt zu Ehren von Joseph Haberer ihren Geschichtspreis für Schüler nach ihm benannt. Joseph Haberer ist vergangenes Jahr verstorben. Teilnehmen können Schülerinnen und Schüler aus Villingen im Alter von 14 bis 20 Jahren. Der erste Platz wird mit einem Geldpreis von 300 Euro dotiert. (lip)

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