VS-Villingen So sicher ist die Villinger Färberstraße

Die beliebte Kneipenmeile lockt nach wie vor viele Partygäste nach Villingen. Die Polizei und die Stadtverwaltung räumen nun mit Vorurteilen zur Sicherheit auf. Mit Videos und interaktiver Grafik!

Rund 20 Kneipen, Bars und Restaurants, verteilt auf etwas über 400 Metern Länge: Die Färberstraße ist eine beliebte Ausgehmeile, die bis weit über die Villinger Stadtmauern hinaus Anziehungskraft hat. Nirgendwo sonst in der Region finden Menschen ein derart buntes Angebot, um essen zu gehen oder zu feiern. Vor allem an Wochenenden treffen sich hier viele Menschen. Doch wie sicher sind die Gäste? Nach einer Aufsehen erregenden Gewalttat im Sommer konnte man in vielen Diskussionen – vor allem in den sozialen Medien – den Eindruck gewinnen, die Gewaltspirale drehe sich nach oben. Doch was ist dran an dieser These? Sieht die Realität anders aus? Was sagen Polizei, Stadtverwaltung, Gäste und Wirte zum Thema? Sticht die Färberstraße in der Kriminalitätsstatistik heraus? Der SÜDKURIER hat genau hingeschaut und das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

  • Wirte: Domenico Wittkopf, Inhaber der Gaststätte Ott, ist sich sicher: „Vor 20 Jahren war die Situation viel schlimmer.“ Das könne man mit heute nicht vergleichen. Ein aktuelles Sicherheitsproblem sieht er nicht. Sein Publikum sei im Durchschnitt älter geworden. Probleme gebe es, wenn überhaupt, vor seinem Lokal. Mehrfach wurde die lebensgroße Hirschfigur am Eingang beschädigt. Es sei auch nervig, dass immer wieder Frauen auf der Straße angemacht werden. Einen Grund sieht Wittkopf in den Menschentrauben, die sich bis spät in die Nacht vor manchen Bars aufhalten. Nicht selten seien darunter auch Minderjährige anzutreffen. „Was hat ein 16-Jähriger nach Mitternacht noch in der Färberstraße zu suchen?“ fragt er und wünscht sich, dass der Jugendschutz künftig stärker kontrolliert wird. Zum Partylärm fügt er noch hinzu: „Vielleicht sind wir da auch zu sensibel geworden.“ Michael Steiger, Wirt des Irish Pubs und der Gaststätte s`Hüttle, sieht es ähnlich und zieht einen Vergleich zum Fußball: „Soll der FC Färberstraße nicht mehr antreten dürfen, nur weil wenige Fans aus dem Schwarzen Block Ärger machen?“ Es sei auf jeden Fall ruhiger geworden, so Steiger. Weil ab 20 Uhr Poller die Zufahrt blockieren, gebe es weniger Verkehr. Die Umgestaltung der Färberstraße im Jahr 2013 habe die Straße aufgewertet. Die Möglichkeit der Außenbewirtung bis 23 Uhr schaffe bis dahin eine Öffentlichkeit vor den Lokalen, die Störenfriede lieber meiden. Weil sich zahlreiche Vorfälle auf der Straße abspielen, spricht sich Steiger für eine Ausweitung der Videoüberwachung aus. Während der Fastnacht habe das Konzept dafür gesorgt, dass es deutlich ruhiger geworden ist.
  • Gäste und Anwohner: Bei einer Straßenumfrage hat sich der SÜDKURIER unter Gästen, Passanten und Bewohnern der Färberstraße zum Thema Sicherheit umgehört. Die meisten der Befragten gaben an, dass sie sich eigentlich sicher fühlen und sich die Situation verbessert hat. Alle gaben an, dass ihnen selbst noch nie etwas passiert sei. Von Freunden und Bekannten wollen aber viele schon von Problemen gehört haben. Einige berichten von einer erhöhten Polizeipräsenz in den letzten Monaten, was das Gefühl von Sicherheit erhöhe. Eine junge Frau erzählt, dass sie sich auch nachts traue, alleine durch die Kneipenmeile zu laufen. Angst habe sie dabei nicht. Ein älterer Mann sagt: „Bis Mitternacht fühle ich mich sicher.“ Danach und während der Fastnacht meide er die Straße. In den Stunden nach Mitternacht seien häufig Betrunkene unterwegs und es komme immer wieder zu Schlägereien, berichtet eine Anwohnerin. Unter dem Strich habe sich die Situation aber verbessert. Die Polizei zeige permanenter Präsenz. „Diese Tatsache ist aber auch ein Zeichen dafür, dass es notwendig ist“, fügt sie hinzu. Nur wenige der Befragten sagen, dass sich die Situation verschlechtert hat. Eine Frau führt deshalb immer ein Utensil zur Verteidigung mit sich. Andere Gesprächspartner haben dazu geraten, eher in einer Gruppe auszugehen.

    Umfrage in der Färberstraße

  • Streifenpolizist: Einer, der die Situation vor Ort gut einschätzen kann, ist Holger Dilger. Er ist seit knapp vier Jahren im Streifen- und Schichtdienst tätig und hat bereits zahlreiche Einsätze in der Färberstraße miterlebt. Er sagt: „Für den Normalbürger ist die Färberstraße sicher.“ Probleme würden dort meist dieselben Gruppen machen. Einige davon seien polizeibekannt und würden Konflikte häufig untereinander austragen. „Die Einsätze in der Färberstraße sind nur ein kleiner Teil unserer täglichen Arbeit“, erklärt Dilger. Die Einsatzzeiten seien jedoch belastend, weil sie sich oft bis in die frühen Morgenstunden erstrecken. Er beobachtet, dass Aggression und Gewaltbereitschaft allgemein zugenommen haben, auch gegen Beamte. „Bei einer Festnahme wurden wir von einer unbeteiligten Person angegriffen“, schildert er ein Beispiel. Ein Brennpunkt sei die Färberstraße nicht. Es gebe auch keine Anweisung, mehr Streifen zu fahren. „Wenn Zeit ist, zeigen wir aber Präsenz.“
  • Stadtverwaltung: „Es war schon unruhiger“, sagt Madlen Falke, Sprecherin der Stadtverwaltung. Bis auf bereits bekannte Probleme von Anwohnern über einer Gaststätte würden derzeit keine weiteren signifikanten Beschwerden vorliegen. „Sobald uns eine Beschwerde vorliegt, gehen wir dem Problem sofort nach“, erklärt Falke. Falke appelliert an Gäste uns Wirte, auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Anregung von Wirten, die Straße für Taxis nach 20 Uhr zu öffnen, um den nächtlichen Fußweg für Gäste zu verkürzen, lehnt die Stadtverwaltung ab. Das Nachtfahrverbot umfasse alle Verkehrsteilnehmer. Eine Ausnahmegenehmigung sei nicht darstellbar. Um Sicherheit zu gewährleisten, laufen Mitarbeiter des Ordnungsdienstes regelmäßig Streife, häufiger als in anderen Stadtteilen. Laut Stadt legen die Mitarbeiter dabei einen besonderen Fokus auf den Jugendschutz. Diese Streifen werden seit einigen Monaten auch in Zusammenarbeit mit den Jugendsachbearbeitern der Landespolizei gelaufen.

    Video-Interview mit Polizei und Stadtverwaltung:

  • Polizeipräsidium Tuttlingen: Während Polizeisprecher Michael Aschenbrenner in den letzten Einsatzberichten zur Färberstraße blättert, appelliert er an die Gäste: „Man kann auch mal mit weniger Alkohol feiern.“ Denn auf fast allen seinen Berichten sind Worte wie „Trunkenheit“ und „alkoholisiert“ zu lesen. Wichtig sei auch, dass Wirte mithelfen, die Regeln in und vor ihren Lokalen einzuhalten. Die Anzahl der Einsätze in der Färberstraße habe sich in den letzten Jahren kaum verändert, in der Gesamtstadt sei sogar ein leichter Rückgang der Kriminalitätsbelastung zu verzeichnen. „Wir wollen nichts beschönigen. Ein Wohngebiet ist sicherer als die Färberstraße“, so Aschenbrenner. Aber: Die Färberstraße habe dennoch keinen Sonderstatus. In Bereichen mit vielen Gaststätten und Kneipen komme es einfach häufiger zu Konflikten. Das sei in vergleichbaren Ausgehvierteln anderer Städte nicht anders. Die Zahl der Körperverletzungen sei im Stadtgebiet VS von 2015 auf 2016 um elf Fälle zurückgegangen.

 

 

 

Blick in die Kriminalitätsstatistik

Polizeisprecher Michael Aschenbrenner untermauert seine Aussage, dass die Färberstraße keine Problemzone ist, mit statistischen Daten aus den fünf Landkreisen, für die das Polizeipräsidium Tuttlingen zuständig ist

  • Färberstraße: 2015 musste die Polizei zu 195 Fällen in die Färberstraße ausrücken. Ein Jahr später waren es sieben Einsätze mehr. Bis Anfang November waren es in diesem Jahr 175 Einsätze. Die Zahlen bewegen sich demnach auf gleichbleibendem Niveau. In diese Statistik fließen alle Einsätze ein, von der Ruhestörung bis zur Körperverletzung.
  • Straßenkriminalität: Im Vergleich der absoluten Zahlen liegt der Schwarzwald Baar-Kreis 2016 mit 1522 dokumentierten Straftaten an der Spitze, gefolgt vom Kreis Tuttlingen (936). Der Kreis Rottweil hat mit einem Wert von 678 die wenigsten Straftaten zu verzeichnen. Im Städtevergleich liegt die Doppelstadt mit 816 Fällen weit vor Tuttlingen (403), Donaueschingen (228) und vor Schlusslicht Schramberg (111). Ein direkter Vergleich dieser Werte ist jedoch aufgrund der unterschiedlichen Einwohnerzahlen nicht möglich. Die Straßenkriminalität umfasst alle Straftaten, die zu öffentlichen Wegen, Straßen oder Plätzen einen speziellen Bezug haben.
     
  • Kriminalitätsbelastung: Diese Zahl spiegelt die Summe der Straftaten pro 100 000 Einwohner und macht die einzelnen Werte so vergleichbar. Sie ist der wichtigste Gradmesser für Gemeinden und Regionen. Villingen-Schwenningen landete hier im vergangenen Jahr mit dem Wert 5310 neben Rottweil (5278) im Mittelfeld, Tendenz fallend. Tuttlingen hat mit 7529 den höchsten Wert, vor Donaueschingen (7086) und Freudenstadt (6652). In Schramberg (3636) und Albstadt (3862) lebten die Bürger 2016 statistisch gesehen am sichersten. (jef)

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