Villingen-Schwenningen Nach 47 Jahren ist Schluss: Villinger Traditionsgeschäft Rohrer schließt

Mit Wehmut gibt Birgit Rohrer-Spazier ihr Strumpf- und Kindermodengeschäft in der Niederen Straße Ende Mai auf. Die Miete wurde erhöht, junge Kunden kommen nicht mehr genügend nach. Es sind die immer gleichen Gründe, die dazu führen, dass wieder ein Traditionsgeschäft in der Villinger Innenstadt schließt.

Rohrer Strumpf- und Kindermode ist eines der Geschäfte in der Villinger Innenstadt, bei denen es einfach weh tut, wenn sie aus dem Stadtbild verschwinden. Doch Birgit Rohrer-Spazier sieht keinen anderen Weg, sie muss ihren Laden an der Niederen Straße Ende Mai schließen. Und damit hat Villingen wieder ein Traditionsgeschäft verloren – wie so manch andere in den letzten Jahren und Jahrzehnten.

Noch drei Jahre, dann hätte das Familienunternehmen Rohrer, das vor 47 Jahren als Strumpf-Lädele gegründet wurde und sich im Laufe der Jahrzehnte zum topmodernen Strumpf- und Kindermodengeschäft entwickelt hat, das 50-jährige Bestehen feiern können. Es sollte nicht sein. Ende Oktober läuft der bisherige Mietvertrag aus, das bekannte Prozedere nimmt seinen Lauf: Die Miete wird erhöht, dazu will der Hausbesitzer einen zehnjährigen Mietvertrag. Beide Forderungen kann Birgit Rohrer-Spazier nicht ohne zu großes Risiko für sich eingehen.

Und so gehört Rohrer Strumpf- und Kindermode nun zu den Fachgeschäften, die Opfer der unseligen Entwicklung im innerstädtischen Einzelhandel wurden. Die Mieten in den Top-Lagen steigen, Kunden wandern in die großen Einkaufszentren oder in den Internethandel ab. Familienunternehmen oder einzelne mutige Innenstadt-Händler erwirtschaften nicht mehr genug, um hier mithalten zu können. Sie müssen allzu oft das Feld den großen Filialketten überlassen. Einen längeren Atem haben teils nur noch die Einzelhändler, die ihre Geschäfte im eigenen Haus betreiben können.

Dass sie für ihr Fachgeschäft irgendwann im Rentenalter einmal keinen Nachfolger finden würde, das dachte sich Birgit Rohrer-Spazier schon. Doch Altersgründe sind es nicht, die sie zum Aufgeben veranlassen. „Ich hätte gerne noch die 15 Jahre weitergemacht bis zu meiner Rente“, gesteht Birgit Rohrer-Spazier und schluckt tapfer die Tränen runter.

Doch eine höhere Miete kann sie in dieser Branche nicht erwirtschaften. Und wie sich die Geschäfte in zehn Jahren entwickeln kann sie auch nicht einkalkulieren. Auf ihre Stammkunden kann sie sich zwar verlassen, doch diese sind in 47 Geschäftsjahren auch älter geworden, jüngere Kunden kommen nicht in gleicher Zahl nach, wandern teils in die großen Einkaufszentren ab. „Das Kaufverhalten hat sich einfach verändert“, sieht sie.

So muss sie sich in diesen Wochen nun von ihren lieb gewonnenen Stammkunden verabschieden. Da fließen auch gelegentlich Tränen. Immerhin stand Birgit Rohrer-Spazier seit ihrem 15. Lebensjahr im Laden – und das nun seit 35 Jahren. Da ist viel Wehmut zu spüren, bei der Geschäftsfrau wie bei den Kunden. Denn manche Familien kennt sie über drei Generationen.

Gerade die älteren Kunden ohne Internet-Kenntnisse waren immer dankbar für die Beratung vor Ort, bekamen auch immer ihre gewohnten Wollstrümpfe, auch wenn sie noch mit Strapsen eingeklinkt werden mussten. Manche kamen auch einfach gern zu einem Schwätzle vorbei. Und nun eben zum Abschiednehmen. Manche bringen Blumen oder kleine Geschenke mit. Birgit Rohrer-Spazier ist überwältigt.

Doch trotz all dem Abschiedsschmerz, den Tränen und wehmütigen Erinnerungen wünschen alle Birgit Rohrer-Spazier Glück für ihren weiteren beruflichen Lebensweg, für einen Neustart. Denn mit 50 Jahren ist sie noch viel zu jung, zu aktiv und unternehmungslustig für ein Rentendasein. Ihre neue berufliche Herausforderung findet ab Juni in der neuen Säge in Niedereschach-Kappel statt. In einem sanierten historischen Gebäude entsteht dort ein Erlebnis- und Gastronomiekonzept, in dem Birgit Rohrer-Spazier in einem Cafe mit Shop in ihrer gewohnt herzlichen Art für Gäste und Kunden da sein wird. Doch in der Villinger Innenstadt wird sie mit ihrem Fachgeschäft fehlen.

 

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