Villingen-Schwenningen Mahnwache in Villingen: Zwei im Kampf gegen das Vergessen

Heinz Lörcher und Friedrich Engelke halten die Geschichte wach. Was sie dafür in Kauf nehmen und welche Schicksale sie finden, ein Blick hinter die Organisation der Mahnwachen in der Villinger Innenstadt.

Neun Namen stehen im Inhaltsverzeichnis der Broschüre zu den diesjährigen Mahnwachen der Initiative Pro Stolpersteine VS. Neun Namen, hinter denen für Friedrich Engelke eine Familie steht, eine Geschichte, ein Schicksal. Ewald Huth, ermordet in Stuttgart. Erich Honer, überlebte mehrere Jahre im KZ. Louis Bikart, umgebracht in Auschwitz.

Gut 400 Namen hat Heinz Lörcher im Kopf. Die Namen der jüdisch stämmigen Menschen, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum 20. Jahrhundert einmal in Villingen gelebt haben. Lörcher wiegelt ab. So viel sei das nicht, schließlich wüsste er ja nicht alle über die Personen. Aber es würde wohl klingeln, hörte er einen der Namen und er wüsste, wo er weiter nachsehen muss. Lörcher ist ein bescheidener Mann, Friedrich Engelke weiß das, darum sagt er: "Wenn ein Mensch jüdischen Glaubens ab 1900 die Stadtmauern nach Villingen überschritten hat, dann weiß das Herr Lörcher."

Lörcher ist 74 Jahre alt, in der Schule hat er angefangen, sich für die Opfer in den Konzentrationslagern zu interessieren, hat begonnen, einzelne Namen und deren Schicksale zu recherchieren. Mal mehr, mal weniger intensiv. Früher füllten die Schicksale Aktenordner, heute die Festplatte in seinem Computer. Warum er das macht? "Weil ich ein stückweit verstehen will, wie das alles gekommen ist. Es ist so unfassbar."

Engelke und Lörcher kennen sich schon lange, beide sind Gründungsmitglieder der Initiative „Pro Stolpersteine VS“, die sich 2013 formierte, als der Gemeinderat dagegen stimmte, Stolpersteine im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. "Ein großer Fehler", findet Engelke bis heute. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben. Irgendwann wird er den Antrag erneut stellen, die 19 bereits angefertigten Stolpersteine liegen noch in seiner Garage.

Bis dahin sind die Mahnwachen nicht nur Gedenken, sondern auch Zeichen. "Steter Tropfen", sagt Engelke, "hölt den Stein". Engelke war Physiker, er muss es wissen. Im Schnitt kommen zwischen 25 und 30 Personen zu einer Mahnwache, zwölf sind der harte Kern, die immer dabei sein, der Rest wechselt. Elf Mahnwachen machen sie dieses Jahr. Eine Biografie zusammenzustellen, wie sie sie bei den Mahnwachen vorlesen, kann zwischen Tagen und Jahren dauern. Recherchiert wird, wenn Lörcher nicht eh schon alles gesammelt hat, im Stadt- oder Landesarchiv. Wann hören sie auf zu suchen? "Nie", sagt Lörcher. "Wir gehen den Schicksalen immer mehr nach". Jede Geschichte ist ein Mosaik und der letzte Stein ist immer der Beginn einer neuen Geschichte, ein neuer Name der auftaucht, ein neues Schicksal, das es zu ergründen gilt.

Die Mahnwachen sind mehr als Gedenkveranstaltungen für jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Lörcher und Engelke geht es auch darum, den Opfern der Euthanasie einen Namen und eine Geschichte zu geben.

In Grafeneck im Kreis Reutlingen wurde die erste der insgesamt sechs Tötungsanlagen im Rahmen der NS-”Euthanasie”-Aktion T4 eingerichtet. Fast 11 000 geistig und körperlich behinderte Menschen haben die Nazis dort vergast. Mindestens 44 stammten aus Villingen. Einer davon war Joseph Münzer. Es gibt ein Foto von Joseph Münzer, aufgenommen an seinem Geburtstag, da sitzt er in einem großen Karton und wartet darauf, zu seiner Mutter nach Hause geschickt zu werden. Der Karton steht in der Heilanstalt für Epileptiker in Kork bei Kehl. 1935 wurde er dort nach einem erneuten Anfall von seiner Mutter eingewiesen. Joseph Münzer sei ein gutmütiger Patient, so steht es in den ersten Einträgen in seiner Krankenakte. Er habe sich gut eingelebt, er arbeite fleißig und gern. Dann ändert sich etwas. Plötzlich heißt es in den Akten Münzer sei störrig und trotzig, wolle nicht Arbeiten, sei laut und schwierig. Man bereite die "Verlegung" des Patienten vor. Auf dem Foto in dem Karton wird Münzer 33 Jahre alt. Das ist im März 1940. Acht Monate später wird er nach Grafeneck transportiert und noch am selben Tag ermordet.

In Schwenningen findet am 8. Januar eine Mahnwache statt, in der dem Schicksal von Joseph Münzer und Anna Maria Schlenker, ebenfalls ein Opfer der Euthanasie aus Schwenningen, gedacht wird. Kurt Schlenker, ein Neffe von Anna Maria Schlenker, wird als Zeitzeuge dabei sein.

Hat man irgendwann nicht genug Leid, Tod und Grausamkeit gesehen und gelesen? "Manchmal", sagt Lörcher, "muss man eine Pause machen". "Das positive Gefühl", sagt Engelke, "ist die Dankbarkeit der Angehörigen der Opfer, dass man sie nicht vergessen hat." Zwei bis drei Emails hat er in der Woche in seinem Postfach. Anfragen von Angehörigen von Opfern aus der ganzen Welt. Wenn man Engelke fragt, ob es ein Schicksal gibt, das ihn besonders berührt hat, dann sieht er einen für einen kurzen Moment ungläubig an, bevor er sagt: "Eines?"

Die nächste Mahnwache

Am Sonntag, 18. Dezember, findet um 19 Uhr auf dem Münsterplatz Villingen eine Mahnwache in Gedenken an Familie Zaitschek statt. Heinz Lörcher hat die Spuren dieser aus Tschechien stammenden Familie, die zuletzt in der Sebastian-Kneipp-Straße 36 gelebt hatte, über 20 Jahren verfolgt und wird am Abend über die Stigmatisierung, Verfolgung und Vertreibung, und schließlich Vernichtung von Teilen dieser einst angesehenen Familie berichten.

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