Villingen-Schwenningen Kunst und Stolpersteine: Gedenken im Kleinen zollt dem Einzelschicksal Tribut

Funktioniert die Kultur des Erinnerns auch im Kleinen? In der zweiten Diskussionsrunde von Pro Stolpersteine VS debattieren Experten die künstlerischen Aspekte des Gedenkens an jüdische Mitbürger.

Ist der Stolperstein zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus eine geeignete Form der Kunst? Und wenn ja, inwieweit kann sie ihre Ansprüche an sich selbst realisieren? Den künstlerischen Aspekten der Stolpersteindebatte in Villingen-Schwenningen begegnete die Initiative Pro Stolpersteine VS bei ihrer zweiten Podiumsdiskussion. 30 Bürger kamen dazu ins Martin-Luther-Haus.

Dass die Kunst als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel in ihrer Miteigenschaft als Sprache einen Vorteil im Einzug in die Erinnerung eines Wahrnehmenden genießt, darüber waren sich die Diskussionsteilnehmer schnell einig. „Nicht vieles läuft schneller und direkter in die Erinnerung als Bilder“, erklärte Axel Heil, Künstler und Lehrer am Gymnasium am Deutenberg.

Die „Kultur des Erinnerns“ war das Motto der Veranstaltungen. Sie dürfe jedoch mit ihren Bildern und künstlerischen Mitteln nicht nur die Vergangenheitsbewältigung von älteren Menschen bedienen, sondern müsse insbesondere die Jugend ansprechen.

„Zeitzeugen sterben für einen unmittelbaren Bezug weg, die Jugend wird oberflächlich mit Bildern zu diversen Sachverhalten bombardiert. Gleichzeitig sind faschistische Tendenzen bei aktuellen Ereignissen in der Ukraine feststellbar“, bemerkte der Kunstkritiker Jörg Tisekn.

Der Einbezug moderner Medien wie bei den virtuellen Stolpersteinen dürfe nicht vernachlässigt werden. Schüler der St.-Ursula-Schulen in Villingen hatten mit Aufklebern in der Nähe von ehemaligen Häusern jüdischer Mitbürger auf eine Info- und Gedenkseite im Internet verwiesen.

„Das Abwägen aktueller Ereignisse für Frieden in Europa, kann durch die Erinnerung an die Vergangenheit gefördert werden“, fuhr Tisken fort. „Die Kunst also als Botschaft für die Zukunft? Wie sieht es mit den Stolpersteinen aus, man liest den Namen, Zahlen und Daten auf den Steinen. Nimmt Beruf und Glaubensrichtung des Opfers wahr. Ist der Stolperstein genug oder bedarf es eher eines Monuments“, fragte der Gesprächsleiter Hans-Peter Mattes.

Die Steine seien vorteilhaft in ihrer Funktion als kommunikativer Anker für das gelittene Individuum. „Sie erinnern nicht einfach nur an tausend Tote, sondern zollen dem Schicksal des Einzelnen Tribut“, war Hanna Lehmann von der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg der Meinung. „Dieser Meinung bin ich auch“, stimmte Axel Heil zu. Das künstlerische Moment liege hier in seiner Analogie zur Bescheidenheit der Mittel. „Wir brauchen zwar die Gruppe, um solchen Geschehnissen gegenübertreten zu können und eine größere Gedenkstätte ist einer Gemeinschaft sicherlich zugänglicher. Das Individuum kann aber erst durch seine persönlichen Daten aus der Masse hervortreten“, sagte er.

Bernhard Fabry vom Kunstverein Villingen-Schwenningen steht dem künstlerischen Zusammenhang der Stolpersteine skeptisch gegenüber: „Kunst ist hier schwer zu definieren. Ist es eine Kunstlosigkeit in der Ausführung, Konzeptkunst, ein Massenprodukt?“ Sicherlich werde die Anonymität durch die Nennung des Namens beendet und die Steine von Gunter Demnig würden nicht maschinell hergestellt. „Ästhetik heißt ja auch Wahrnehmung und die Steine sollten in erster Linie als Teil eines Netzwerks der Erinnerungskultur wahrgenommen werden“, sagte Fabry.

„Diese Wahrnehmung sollte sich jedoch nicht zu sehr nach hinten richten, sondern uns stets zu Gedanken über unsere aktuellen Taten veranlassen. Der Aspekt moderne Medien ist hier hilfreich“, sagte Heil. Der Stolperstein brauche ein Update.


Gründungsversammlung

Am 12. Mai findet um 20 Uhr die Gründungsversammlung des Vereins zur Initiative Pro Stolpersteine VS im Martin-Luther-Haus statt. Anlässlich der Diskussionen wird im kommunalen Kino Guckloch dann am 20 Mai, ab 20.15 Uhr, der Dokumentarfilm „Stolperstein“ aufgeführt. Informationen zu aktuellen Terminen gibt es im Internet: pro-stolpersteine-vs.de

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