Villingen-Schwenningen „Igel sind recht undankbare Patienten“ – So gelingt das Überwintern trotzdem

Im Interview mit der Igel-Expertin Iris Müller aus Dornhan wird klar: Das Überwintern fällt den Tieren immer schwerer. Schuld sind unsere modernen Gärten – die sind zu gepflegt.

Es ist kalt geworden für Mensch und Tier. Die Tiere brauchen in dieser Jahreszeit oft Hilfe, um den Winter überleben zu können. Besonders betroffen sind die stachligen Gesellen unter ihnen – die Igel. Die Tiere befinden sich normalerweise schon im Winterschlaf. Begegnet einem tagsüber also so ein kleiner Igel, benötigt er höchstwahrscheinlich Hilfe. Wer sich mit Igel-Fragen an den Tierschutzverein Villingen-Schwenningen wendet, wird an Igel-Expertin Iris Müller vermittelt. Sie kümmert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich, aber professionell um die Tiere und erklärt im Gespräch mit dem SÜDKURIER wie man helfen kann, ohne zu schaden.

Iris Müller hat ein großes Herz für Igel: Seit acht Jahren kümmert sie sich um die Tiere und hilft Ratsuchenden aus der Region. So arbeitet sie eng mit dem Tierschutzverein Villingen-Schwenningen zusammen.
Iris Müller hat ein großes Herz für Igel: Seit acht Jahren kümmert sie sich um die Tiere und hilft Ratsuchenden aus der Region. So arbeitet sie eng mit dem Tierschutzverein Villingen-Schwenningen zusammen. | Bild: Iris Müller

Seit wann kümmern Sie sich schon um Igel?

Ich habe vor etwa acht Jahren damit angefangen. Erst habe ich Igel gefüttert, dann habe ich Igel überwintert, später kamen die Aufzucht von Waisen und die Pflege verletzter Igel dazu. Ich hab also das ganze Jahr über Igel in Pflege. Ich mache das alles privat und bezahle zum Beispiel auch den Tierarzt selbst.

Geht die Population der Igel zurück?

Ja, ganz sicher. Da spielen viele Fakten eine Rolle. Der Lebensraum der Igel ist im Vergleich zu früher stark eingeschränkt. Viele der Gärten sind zu gepflegt. Ihnen fehlen also Totgehölz- und Laubhaufen als Brutstätte. Zweitens gibt es nicht mehr genug Insekten, von denen sich Igel ernähren können. Ein weiteres Problem ist für Igel, dass Gärten zu sehr gegeneinander abgegrenzt sind, sodass sie nicht durch Zäune schlüpfen können.

Woran erkenne ich, dass ein Tier Hilfe braucht?

Der Igel ist ein nachtaktives Tier und steht erst in der Dämmerung auf. Daher kann es also generell ein Zeichen sein, dass er Hilfe benötigt, wenn er tagsüber unterwegs ist. Möglicherweise hat er nicht genügend Futter gefunden, um Winterspeck anzusetzen, oder er ist noch zu klein, um den Winter ohne Hilfe zu überstehen und die Mutter hat sich schon zurückgezogen. Ein zu geringes Gewicht ist ein weiteres Indiz dafür, dass das Tier Hilfe braucht.

Gedränge am Futternapf: Die kleinen Tierchen haben einen gesunden Appetit.
Gedränge am Futternapf: Die kleinen Tierchen haben einen gesunden Appetit. | Bild: Iris Müller

Ich habe einen Igel gefunden, was mache ich dann am besten?

Nachschauen ob er abgemagert, verletzt oder von Parasiten befallen ist. Mit Handschuhen oder einem Handtuch in einen etwa 50 Zentimeter hohen Karton setzen, der zudem so ausgepolstert ist, dass er sich verstecken kann, und dann warm stellen. Dann ist es am besten, eine Igelstelle zu kontaktieren. Die können fachlichen Rat geben. Zum Beispiel ist auch auf meiner Internetseite alles genauestens erklärt. Besondere Eile ist geboten, wenn man Igel-Babys ohne Mutter findet.

Nun hat man einen Igel gefunden, was sollte man ihm zu fressen geben?

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, fressen Igel keine Nacktschnecken oder Regenwürmer. Von denen werden sie nämlich krank. Der Igel ist ein reiner Insekten- und Fleischfresser. In der Pflege wird der Igel mit Katzennassfutter/-trockenfutter, Rührei (ohne Gewürze oder Milch), gegartes Rinderhackfleisch, gekochte Hühnerflügel und vielem mehr ernährt. Von Käfern und Insekten aus der Natur nimmt man Abstand, da die Parasitenbelastung nicht nachvollzogen werden kann und man bei einem kranken geschwächten Tier diesbezüglich kein Risiko eingeht.

Wichtig ist: Igel vertragen und benötigen keine Milch, sie können durch Milch schweren tödlichen Durchfall bekommen. Auch Äpfel interessieren den Igel nicht, höchstens für den Wurm im Fallobst unter einem Baum, zu dem er sich dann durchknabbert. Wenn Igel Nüsse oder Vogelfutter fressen, dann nur aus Verzweiflung. Nähren tut es ihn nicht. Er verhungert praktisch vor dem vermeintlich gedeckten Tisch.

Dieses Igeljunge wird von Iris Müller aufgepäppelt. Es ist gerade einmal so groß wie ein Wattestäbchen.
Dieses Igeljunge wird von Iris Müller aufgepäppelt. Es ist gerade einmal so groß wie ein Wattestäbchen. | Bild: Iris Müller

Warum sind Sie gerade den Igeln verfallen?

Igel sind recht undankbare Patienten, aber trotzdem tolle Tiere. Die haben ganz unterschiedliche Charaktere. Manche sind Morgenmuffel, manche ganz lieb und zutraulich, andere wiederum eher zurückhaltend. Es macht Dreck und Arbeit, aber es mach auch Spaß sich um sie zu kümmern, etwas zu bewirken. Allein letztes Jahr habe ich rund 20 Igeln geholfen. Und wenn man sie wieder auswildern kann, ist das ein tolles Erlebnis.

Wie kann man Igeln ein Quartier über den Winter hinaus bieten?

Man kann für einen Igel ein kleines Häuschen bauen, in denen sie geschützt sind. Man muss allerdings geduldig sein. Es könnte eine Zeit dauern, bis ein Igel dieses Quartierangebot akzeptiert. Weitere Überwinterungsmöglichkeiten bieten Totholz- und Laubhaufen, wo sich die Igel eingraben können und ungestört sind. Das mögen Igel nicht nur im Winter. Igel können immer mal wieder aus ihrem Winterschlaf aufwachen und benötigen dann eine Notration an Futter und Wasser. Also sollte man auf die Schlafstelle ein wachsames Auge haben und öfter mal kontrollieren. Igel haben immer Durst, also ist auch unterm Jahr ein mit Wasser gefüllter Blumentopfuntersetzer sehr hilfreich.

Das Igeljunge hat es sich auf der Hand der Tierschützerin bequem gemacht.
Das Igeljunge hat es sich auf der Hand der Tierschützerin bequem gemacht. | Bild: Iris Müller

Fragen: Sabine Naiemi

 

Zur Person

Iris Müller, 37, aus Dornhan-Weiden ist von Beruf Kauffrau im Groß- und Außenhandel. Sie kümmert seit acht Jahren ehrenamtlich und auf eigene Kosten um Igel und arbeitet eng mit dem Tierschutzverein Villingen-Schwenningen zusammen. Auf ihrer Internetseite sind eine Menge Tipps und Informationen zur Pflege von Igeln zu finden: www.igelhilfe-dornhan.de, www.facebook.com/IgelhilfeDornhan

 

Drei Igel kuscheln zwischen Handtüchern.
Drei Igel kuscheln zwischen Handtüchern. | Bild: Iris Müller

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