Villingen-Schwenningen Ein Blick hinter die Fassade der Bedürftigkeit

In Schwenningen gibt es bald drei Kleiderkammern. In einer werden die Klamotten umsonst ausgegeben. Ein Blick in die Welt derer, die sich ihr Leben nicht aussuchen können.

Petra Armbruster und Olga Falkenberger sind flink. Die Klamottenstapel aus drei Tüten, die sie gerade vor sich auf dem Tisch ausgepackt haben, sind keine zwei Minuten später zusammengelegt und sortiert: Ein bisschen so, als würden sie sich morgens einen Kaffee kochen: die Handgriffe sind automatisiert, aber nicht gleichgültig. In die Kisten hinter ihnen im Regal kommt, was für den Sommer ist, in den Korb auf dem Tisch kommt, was in die Regale im Raum nebenan einsortiert wird. Dort liegen Jeans, T-Shirts und Pullover fein säuberlich nach Größen (von 122 bis 42) und Geschlecht sortiert. Auf vier Kleiderstangen reicht die modische Bandbreite von der 80er-Jahre Trainingsjacke in pink-lila Ballonseide über die rote Kinder-Cord-Jacke bis zum trendigen Parka.

Ein eingespieltes Team: Olga Falkenberg (links) und Petra Armbruster sortieren die gespendeten Kleider und sorgen in der Kleiderkammer für Ordnung.
Ein eingespieltes Team: Olga Falkenberg (links) und Petra Armbruster sortieren die gespendeten Kleider und sorgen in der Kleiderkammer für Ordnung.

Es ist kurz nach halb vier an einem Mittwochnachmittag. Die Kleiderkammer der Pro-Kids-Stiftung in Schwenningen hat seit einer halben Stunde geöffnet. Es sind sechs Kunden da – drei Männer und drei Frauen, mittleres Alter, alle stammen aus Syrien, sind miteinander verwandt oder kennen sich zumindest – aber der Geräuschkulisse in dem kleinen Raum nach zu urteilen, könnte man sich auch auf einem arabischen Wochenmarkt befinden. Es wird viel gelacht, mal aus tatsächlicher Freude, mal aus Hilflosigkeit, oft aus Dankbarkeit. Lachen ist die Sprache des Herzens, das verstehen sie hier.

Wer hierherkommt, hat in der Regel keinen deutschen Pass. Wer hierherkommt, hat irgendwann einmal alles verloren. Wer hierherkommt, kann nirgendwo anders hin. Wer hierherkommt, versucht zwischen all den Jacken, Schuhen und Pullovern ein bisschen Leben zu erstehen.

Mohamma Al Hassein ist 54 Jahre alt, spricht kaum deutsch, vor rund drei Jahren ist er aus Syrien geflohen, seit zweieinhalb Jahren ist er nun in Schwenningen. Ein- bis zweimal in der Woche kommt er in die Kleiderkammer. Meist ist seine Frau dabei, Dalal, 50 Jahre alt. Sie haben sieben Kinder, irgendeines braucht immer was. In der Einkaufstüte heute liegen eine Männerjeans, ein paar Socken und eine warme Jacke.

Sie zählen nicht, was jeder mitnimmt. Ob ein paar Socken oder drei Säcke voll. "Wenn die Leute was finden, dann sollen sie es mitnehmen", sagt Spitz. "Wir fragen nicht, wir haben ja genug da." Als Spitz das sagt, packt nebenan ein Mann gerade die letzte Jacke in zwei prall gefüllte Reisetaschen. Dass sie einige der Sachen im Nachhinein auf der Internetplattform Ebay wiederfinden, ist schon lange nicht mehr vorgekommen.

Seit April dieses Jahres befindet sich die Kleiderkammer im zweiten Stock des Asylbewerberheims in der Alleenstraße, gegenüber des Spektrums. Die Jahre zuvor waren sie im DRK-Gebäude ein paar hundert Meter weiter untergebracht. Dort gibt es jetzt eine eigene Kleiderkammer. Inzwischen die dritte im Umkreis von 500 Metern. Eine weitere wird von der Diakonie betrieben. Der Unterschied: Bei der Pro-Kids-Stiftung gibt es die Klamotten umsonst. "Wir bekommen die Sachen geschenkt, warum sollte ich sie dann verkaufen?", sagt Joachim Spitz, Leiter der Pro-Kids-Stiftung.

Ein kurzes Gefuchtel mit den Armen, ein freundliches Lächeln: Petra Armbruster weiß, was gemeint ist. Die junge Frau aus Syrien möchte das Oberteil, dass Armbruster gerade aus einer der Taschen ausräumt und zusammenlegen will, sofort mitnehmen. Armbruster ist 48 Jahre alt, trägt Brille, Jeans und eine abgetragene Bomberjacke. Über das Arbeitsamt kommt sie vor vier Jahren zur Kleiderkammer. Damals als 1,50-Euro-Jobber, heute macht sie es ehrenamtlich.

Dalal (rechts) und Mona Siam sind syrische Flüchtlinge. Sie kommen ein bis zwei mal in der Woche in die Kleiderkammer und holen, was sie gerade brauchen. Diesmal war es eine Männerjeans, eine Winterjacke und ein paar Socken.
Dalal (rechts) und Mona Siam sind syrische Flüchtlinge. Sie kommen ein bis zwei mal in der Woche in die Kleiderkammer und holen, was sie gerade brauchen. Diesmal war es eine Männerjeans, eine Winterjacke und ein paar Socken.

Armbruster versteht die Menschen hier. Auch ohne Arabisch-Kenntnisse. Sie versteht, wenn die Menschen damals, als sie aus den Erstaufnahmeeinrichtungen hierherverteilt wurden mit nichts mehr, als dem, was sie am Leib trugen, die Klamotten anfangs Säckeweise rausgetragen haben. "Wenn ich nichts habe, nehme ich, was ich kriegen kann." Jetzt nehmen sie meist nur noch das, was sie brauchen.

Mitnehmen ist das eine in einer Kleiderkammer. Mitbringen sollten die Menschen mitunter aber auch etwas: Anstand. Wer reinkommt und gleich nach Nike und Adidas fragt, wird enttäuscht werden. "Wir lassen sie dann schimpfen. Was sollen wir auch sonst machen?" Das sind die Ausnahmen. Die Regel sind die, die reinkommen mit einem Lächeln im Gesicht, die versuchen, mit ihnen zu reden und die sie auf einen Kaffee zu sich nach Hause einladen. Manchmal, sagt Armbruster, nimmt sie die Einladungen an.

"Die Leute, die hierherkommen, könnten nicht kommen, wenn sie was zahlen müssten", sagt Ulrike Lichte. Lichte, eine schlanke, weißhaarige resolute Frau, ist unter anderem für die Baby-Kleiderkammer zuständig. Die Kammer ist in Wahrheit ein weißer Schrank, der im Aufenthaltsraum im Obergeschoss des Spektrum eine gesamte Wandseite einnimmt. In Arabisch, Englisch und Deutsch steht auf einer Tafel an der Wand, dass es hier keine Selbstbedienung gibt. Lichte und ihre Kolleginnen geben nur auf Anfrage aus. Wer eine Hose für seine einjährige Tochter will, fragt. Wer ein Babystarter-Set für ein Neugeborenes braucht, der macht mit den Mitarbeiterinnen im Vorfeld eine Liste, was alles drin sein soll. Rund 20 solcher Sets geben sie im Jahr aus. Von Babyflasche über Spieluhr bis zum Strampler ist alles drin.

Sara Paul ist nicht das erste Mal hier. Die junge Mutter steht um kurz nach vier in der Tür, in der Hand drei Taschen voll mit Spielsachen, Klamotten ihrer Kinder und von sich selbst. "Ich hab immer das Gefühl, wenn ich die Sachen hier abgebe, freut man sich darüber. Es wird hier auch wirklich gebraucht."

15 bis 20 Säcke werden pro Woche abgegeben, aktuell vor allem Frauenkleidung und Schuhe. Das meiste sind Spenden von Privatpersonen. Geht einmal eine bestimmte Ware aus, startet Joachim Spitz einen öffentlichen Aufruf. Manchmal bekommt er auch die B-Ware aus dem Einzelhandel. Was kaputt ist oder dreckig, werfen sie weg. Den Anzug des verstorbenen 80-jährigen Ehemanns, der seit Jahrzehnten unbenutzt im Schrank hing, auch den sortieren sie mitunter aus. "Wir sind kein Schrottplatz hier", sagt Spitz. Was nach vier bis sechs Wochen nicht abgeholt wurde, schmeißen sie raus. Das Schicksal wird wohl auch die Skischuhe ereilen, die aussehen, als stammten sie aus den 80er-Jahren.

Drei Mitarbeiter kümmern sich fest um die Kleiderkammer, die anderen helfen, wo Not am Mann ist. Zwischen 25 und 30 Leute kommen während der drei Stunden vorbei. Kommt einer erst um 18 Uhr, "dann schauen wir nicht auf die Uhr. Wir bleiben dann eben einfach länger", sagt Armbruster. Sie macht die Arbeit gerne. "Man ist hier nicht allein, jeder hat ein offenes Ohr für uns. Es ist wie eine große Familie." Olga Falkenberg, die heute mit Armbruster Dienst hat, ist 55 Jahre alt, 1-Euro-Jobberin, sie redet nicht viel, lächelt dafür umso mehr und vor allem strahlt sie Wärme aus. Sie nickt, auf die Frage, ob sie hier gern arbeitet, schiebt den Kleiderständer beiseite und räumt weiter die Kinderjeans ins Regal.

Die Kleiderkammer in der Alleenstraße ist montags, mittwochs und freitags zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. Wer saubere und gut erhaltene Kleidung abgeben möchte, kann dies ab 14.30 Uhr im Spektrum tun.

 

Weitere Kleiderkammern in VS

  • Der Diakonieladen in der Jakob-Kienzle-Straße 11 in VS-Schwenningen wird seit 20 Jahren von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt. Die Öffnungszeiten sind: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 15 bis 18 Uhr. Mittwoch und Samstag von 9.30 bis 12.30 Uhr.
  • Der Jumbo – Second Hand Markt in der Bahnhofsstraße 9 in VS-Villingen, der Teil der diakonischen Arbeit in Villingen ist, bietet auf einer Verkaufsfläche von 1000 Quadratmetern Möbel, Hausrat, Kleidung, Bücher, Elektrogeräte und Fahrräder. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr und Samstag von 10 bis 13 Uhr.
  • Die Kleiderläden des DRK in der Bickenstraße 22, in VS-Villingen hat an derzeit drei Tagen geöffnet. Jeweils dienstags von 9 bis 17 Uhr, donnerstags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 14 Uhr. Am 19. Januar eröffnet der DRK-Kleiderladen in der August-Reiz-Straße 20 in VS-Schwenningen. Dienstag und Donnerstag, von 14 bis 18 Uhr, wird der Laden geöffnet sein. (ang)

 

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