Villingen-Schwenningen Die Uhr tickt: Der Förderkreis des Uhrenindustriemuseums appelliert an den Gemeinderat

Im Kampf um die Übernahme des Uhrenindustriemuseums in städtische Obhut spielt der Förderkreis vor der Entscheidung des Gemeinderats am Mittwochnachmittag seinen letzten Trumpf aus: Einen Einblick hinter die Kulissen des Museums und der Menschen, die es am Leben erhalten.

Siegfried Heinzmann, der Vorsitzende des Förderkreises Lebendiges Uhrenindustriemuseum, sitzt am Dienstagvormittag auf einem Klappstuhl im hinteren Teil besagten Museums und findet klare Wort: "Wir fordern, auch im Namen der 140 hinter uns stehenden Mitglieder, den Gemeinderat auf, uns nicht im Stich zu lassen."

Was er will: eine halbe Stelle für einen künftigen Museumsleiter und eine Übernahme des Museums durch die Stadt. Der bisherige Trägerverein (bestehend aus Stadt und Landkreis) und de facto Finanzier des Museums, könnte sich auflösen und man würde die Weichen stellen für ein angedachtes Museumsquartier mit dem Heimatmuseum und der Städtischen Galerie.

Die Situation ist vertrackt: Die finanzielle Unterversorgung war allen Beteiligten längst bekannt, sagt Heinzmann. Als die Stadt dann dieses Jahr tatsächlich handeln will, ist der Förderkreis als Betreiber des Museums überrumpelt. Die Stadt will den Trägerverein auflösen, der Förderkreis will den Gemeinderat vorher abstimmen lassen.

Dementsprechend groß war dann auch die Verwirrung im Verwaltungsausschuss in der vergangenen Woche. Keiner der Gemeinderäte wusste, was genau das Problem ist und wie eine Lösung aussehen könnte. Einig war man sich nur in einem Punkt: Das Museum müsse unter allen Umständen erhalten bleiben. Heinzmann versteht die Verunsicherung. Er sagt aber auch: "Wir treten nicht als Bittsteller auf." Wenn der Gemeinderat den Übergang nicht genehmige, dann gehe es so weiter wie bisher. "Und dann fährt das Museum gegen die Wand."

Um 14.30 Uhr wird sich der Gemeinderat am Mittwoch zu einem Vor-Ort-Termin im Uhrenmuseum treffen. Oberbürgermeister Kubon hatte das versprochen, er wollte, als Vorsitzender des Trägervereins, für Klarheit sorgen. "Viele", sagt Siegfried Heinzmann, "werden um die Uhrzeit wohl nicht kommen, aber die die kommen, werde ich durch das Museum führen". Die anschließende Sitzung, bei der der Gemeinderat über die Zukunft des Museums entscheiden wird, beginnt um 16 Uhr. Die Uhr tickt also.

So funktioniert das Museum bisher

Siegfried Heinzmann hat schon lange aufgehört zu zählen. Er weiß nicht, wie viele Kilometer er in den letzten acht Jahren gefahren ist, seit er den Vorsitz des Vereins übernommen hat, um Lieferanten zu besuchen, Material abzuholen und Verhandlungen über die Preise zu führen. "Es läuft wie in der Industrie", sagt er. 10 000 Euro stehen ihm zur Verfügung. Davon werden die Skelett-Uhr und der Wecker gefertigt. 300 dieser Uhren und 2700 Wecker wurden in den vergangenen 23 Jahren seit Bestehen des Museums verkauft. Neben den jährlichen Zuschüssen der Stadt (93 400 Euro) und des Landkreises (30 000 Euro) ist der Museumsverkauf neben Spenden und Eintrittsgeldern eine kleine Einnahme-Quelle für den Förderkreis.

Klaus Lonzer, 74 Jahre alt, ehemaliger Werkzeugmachermeister, ist einer der 15 Ehrenamtlichen, die das Museum lebendig halten. Sie sind Ingenieure, Werkzeugbauer, Uhrmacher oder Feinmechaniker. Sie reparieren Werkzeuge, stellen neue Montagevorrichtungen her, nutzen, pflegen und warten die Maschinen im Museum, an denen sie auch die Uhren für den Verkauf herstellen. Wer über Spezialwissen verfügt, gibt Sonderführungen. Zweieinhalb bezahlte Stellen gibt es für das ganze Museum. Dazu kommt die Geschäftsführerin. Sie sind angestellt beim Trägerverein und zuständig für die Kasse, die Führungen, den Schriftverkehr, die Verwaltungsaufgaben. Mitunter müssen sie auch selber putzen. Eine Putzfrau kann sich der Förderverein nämlich nicht leisten.

Lonzer war schon dabei, als das Museum nur eine Idee war. Vor knapp 30 Jahren hat er geholfen, die alten Maschinen zu finden und für das Museum nutzbar zu machen. Heute sitzt er immer dienstags von 10 bis 12 Uhr an einer dieser Maschinen und stanzt die Werkträger für den Doppelglockenwecker. Ist Not am Mann, ist er öfter da. "Die Tradition", sagt er, "muss erhalten bleiben".

Der Idealismus der Mitarbeiter hat das Museum die vergangenen Jahre am Leben gehalten. "Darum", sagt Heinzmann, "hat es auch keiner gemerkt, weil es ja funktioniert hat". Alle zwei Jahre haben Sie eine Ausstellung kuratiert, jährlich eine Publikation herausgebracht, beinahe täglich Führungen angeboten. Rund 5000 Besucher hat das Museum im Jahr. Das Gästebuch gleicht einer Weltreise: Gruppen und Einzelpersonen aus den USA, Italien, Japan, China, Israel, Uganda, Kanada, Neuseeland, Finnland und Afrika, haben sich eingetragen. Die Auszubildenden aus Glashütte – dem Zentrum der deutschen Uhrmacherkunst – kommen nach Schwenningen, um sich die frühere Fertigung mechanischer Uhren anzuschauen. Das Museum und seine Mitarbeiter, da ist sich der Förderverein sicher, sind das kulturelle Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Für dessen Erhalt kämpfen sie schon seit Jahren. Seit ein paar Wochen nun auch öffentlich.

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