Villingen-Schwenningen 18-Jähriger aus Villingen-Schwenningen als Wahlbeobachter in der Türkei

Seine Eindrücke aus dem Einsatz als Wohlbeobachter im Osten der Türkei beschreibt Marvin Wiegand im SÜDKURIER. Er hält die jüngsten Wahlen dort nicht für demokratisch und frei.

Kaum eine ausländische Wahl wurde in Deutschland so interessiert verfolgt wie die Parlamentswahl in der Türkei Anfang November. Vor Ort waren auch internationale Wahlbeobachter, unter ihnen Marvin Wiegand aus Villingen-Schwenningen. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER erzählte der 18-Jährige von seinen Eindrücken und warum er nicht glaubt, dass die Wahl in der Türkei demokratisch und frei war.

 

Einladung durch die Opposition: Bereits zu den Wahlen im Juni habe die Demokratische Partei der Völker (HDP) internationale Wahlbeobachter eingeladen, um Wahlbetrug zu erschweren, sagte Wiegand. Besonders im kurdischen Gebiet im Osten des Landes habe die Opposition Wahlmanipulation befürchtet. Als Schwesterpartei der HDP entsandte die Linke eine Delegation aus Baden-Württemberg zu den Wahlen. Zu dieser habe er gehört, erklärte Marvin Wiegand.

Empfang der Beobachter: „Unsere Gruppe war eine mobile Einsatzgruppe, die zu Orten gerufen wurde, wo es Probleme gab“, erläuterte Wiegand. Mit seiner Gruppe war er in der Stadt Bismil in der Provinz Diyarbakir unterwegs. Auf dem Weg sei der Bus von der Polizei angehalten und kontrolliert worden. „Das war eine richtige Straßensperre mit zwei Panzerfahrzeugen“, sagte er. „Das ist für die Menschen dort Alltag.“ Auch vor den Schulen, in denen die Wahllokale eingerichtet waren, standen Panzerfahrzeuge der Polizei, die alles andere als begeistert von der Anwesenheit der Ausländer gewesen sei. „Man merkte, dass sie nicht erfreut waren, beobachtet zu werden“, schilderte Wiegand seinen Eindruck.Einen völlig anderen Empfang bereitete den Ausländern hingegen die Bevölkerung. „Viele Leute haben sich bei uns bedankt und uns eingeladen“, berichtet der Wahlbeobachter. Viele Menschen seien nur wählen gegangen, weil die Beobachter da waren. „Sie hatten ein Gefühl der Sicherheit“, sagte der junge Mann.

Polizeieinsatz in der türkischen Stadt Silvin während der Wahl.
Polizeieinsatz in der türkischen Stadt Silvin während der Wahl.

Keine freie Wahl: Auch wenn ihm in Bismil persönlich nichts aufgefallen sei, weigert sich der Wahlbeobachter, von einer freien Wahl zu sprechen. „Sie war nicht frei und nicht demokratisch.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm, dass gegen 21 Uhr bereits 70 Prozent der Stimmen ausgezählt worden sein sollen. Bei der Wahl im Juni seien es zu dieser Zeit etwa 40 Prozent gewesen. „Das ist nicht möglich“, ist Wiegand überzeugt. Außerdem gebe „es Dörfer, bei denen bekannt ist, dass 100 Prozent HDP gewählt haben.“ Bei der Auszählung sei dann aber etwas anderes heraus gekommen. Auch in den Monaten vor der Wahl sei die Bevölkerung durch Polizei- und Militärgewalt eingeschüchtert worden. So erzählte der 18-Jährige, dass die Polizei mit ihren Panzerfahrzeugen in den Straßen um sich geschossen haben soll. Einen Luftangriff der türkischen Luftwaffe auf einen kurdischen Friedhof solle es auch gegeben haben. „Das kann man sich erst vorstellen, wenn man vor Ort ist. Es mit eigenen Augen zu sehen, ist erschreckend.“

Nachhaltige Erfahrung: „Was mich besonders geprägt hat, war der Unterschied von Politik auf kommunaler und auf Landesebene“, verriet der Wahlbeobachter. Kommunalpolitik sei für die Kurden sehr wichtig, weil sie lange Zeit von den höheren Ebenen ausgeschlossen waren. Er gab zu, dass er sich auch selbst in der Vergangenheit zu wenig für Kommunalpolitik interessiert habe. „Das möchte ich für mich jetzt ändern“, versicherte er.
 

Zur Person


Marvin Wiegand ist 18 Jahre alt und in Villingen-Schwenningen geboren. In seiner Jugend ging er zunächst auf die Grundschule am Warenberg, dann auf das Gymnasium am Romäusring. Er ist einer der Mitbegründer des Ortsverbands der Linken in Villingen-Schwenningen und Kandidat für die Landtagswahl 2016. (tol)

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