St. Georgen Leben mit Behinderten auf Oberkirnacher Bauernhof

Ein Bauernhof in Oberkirnach beweist, wie vielseitig heutige Landwirte sein können: Familie Fichter betreut auf ihrem Hof in Oberkirnach geistig behinderte Menschen, weitere Standbeine für Gabi Fichter sind der Hofladen und ein Café.

Wenn zwischen 2 und 4 Uhr morgens bei Gabi Fichter der Wecker klingelt, werden die meisten Menschen wohl noch schlafen. Doch für die 47-jährige Oberkirnacherin ist ein früher Start in den Tag das Erfolgsrezept. „Ansonsten ist dieses Pensum am Tag nicht machbar“, erzählt sie. Drei Mal in der Woche backt die gelernte Hauswirtschafterin Brot im Holzbackofen – um die 200 Kilogramm pro Woche, die im eigenen Hofladen und an Direktvermarkter in der Umgebung verkauft werden. Nebenbei hat sie aber noch eine andere Berufung gefunden.

Seit rund vier Jahren gibt die Familie auf ihrem Hof in Oberkirnach geistig beeinträchtigten Menschen ein betreutes Zuhause mit Familienanschluss. „Ich habe drei Jahre lang meinen dementen Vater gepflegt und gemerkt, dass das eine schwierige, aber so schöne Aufgabe ist, dass ich das auch nach seinem Tod weitermachen wollte“, erzählt Fichter.

Eine, die auf dem Hof von Familie Fichter ein neues Lebensumfeld gefunden hat, ist Johanna Dilger. Sie wohnt seit rund einem Jahr auf dem Hof im großen Maierstal. Die 64-Jährige stammt aus Donaueschingen und hat über die Organisation „Netzwerker“ den Weg in das betreute Wohnen in Oberkirnach gefunden. Manche Menschen bleiben mehrere Jahre lang in den Gastfamilien, mitunter wird auch gewechselt, sagt Lothar Seiter vom Verein Netzwerker, der das Projekt „Alternativ in Gastfamilien“ begleitet. Bis vor kurzem lebte auch der 58-jährige Erich Holzapfel auf dem Hof, der vier Jahre lang sein Zuhause war. „Erich stammt von einem Hof, für ihn war es vor allem wichtig, dass er wieder Tiere um sich hatte, um die er sich kümmern darf“, erzählt Gabi Fichter.

Als sich die Fichters dafür entschieden, Gastfamilie zu werden, habe die Zukunft des kleinen Milchviehbetriebs auf der Kippe gestanden. „Es musste etwas passieren. Wir standen vor der Wahl, entweder noch einmal richtig durchzustarten oder den Betrieb aufzugeben“, erinnert sich Gabi Fichter. Die Familie entschied sich für Ersteres. Gut ein Jahr lang wurde der Hof umgebaut. Seit Anfang des Jahres befinden sich im Hof neben der Wohnung der Familie und den Stallungen für sieben Milchkühe auch ein Hofladen mit angrenzendem Café und drei separate Wohnungen für die geistig beeinträchtigten Menschen. Dass das Zusammenleben mit eigentlich fremden Menschen nicht immer ganz einfach ist, zeigt sich schon im Alltag. „Die Hauptvoraussetzung, dass so etwas überhaupt funktionieren kann, ist, dass die ganze Familie komplett hinter dem Projekt steht“, sagt Fichter.

Neben ihrem Mann Friedbert wird sie von den Kindern Tobias (20), Bianca (18) und Sabrina (17) bei der täglichen Arbeit unterstützt. „Toll ist auch, dass der Verein Netzwerker uns zuverlässig hilft. Wenn einmal etwas nicht so rund läuft oder es Probleme gibt, ist der Verein sofort da“, lobt sie. „Die Arbeit mit behinderten Menschen ist sehr anstrengend und intensiv, aber auch sehr dankbar“, erzählt sie. „Es gab zum Beispiel keinen Tag, an dem Erich mir nicht gesagt hat, wie gut ich gekocht hatte oder wie schön seine Wäsche zusammengelegt war“, sagt sie lächelnd.

Die Mitbewohner sind voll in den Alltag der Familie Fichter integriert. Nach dem Frühstück gegen acht Uhr werden die aufgetragenen Arbeiten erledigt. Dann stehen oft Arzttermine oder Friseurbesuche auf dem Programm. „Es ist wichtig, dass die Menschen eine Tagesroutine haben, an der sie sich orientieren können“, sagt Fichter. Nach dem Mittagessen ist die Mittagspause Pflicht. „Johanna mag dann gern ein Tässchen Kaffee trinken“, weiß Gabi Fichter. Auch bei der Körperpflege und im Haushalt werden die Mitbewohner von der Familie unterstützt. „Sie sollen hier so viel Familienanschluss wie möglich bekommen und sich wohlfühlen“, sagt Gabi Fichter.

Daneben hat sich Gabi Fichter ein weiteres Standbein geschaffen. Drei Mal wöchentlich öffnet sie ihren Hofladen, wo allerlei regionale Produkte verkauft werden. „Vieles sind Erzeugnissen von unserem Hof, wie Fleisch- und Wurstwaren, Brot und Kuchen. Dazu werden wir von Erzeugern aus der Umgebung mit Eiern, Honig, Gemüse und anderen Waren beliefert“, zählt sie auf. Das angrenzende Café lädt zum Verweilen ein und rundet das Angebot des Hofs ab.

Obwohl der Alltag der 47-Jährigen sehr arbeitsintensiv ist, bereut sie die Entscheidung nicht. „Ich stehe jeden Tag gerne auf und liebe diese Arbeit. Ich höre von so vielen, die ihren Job nicht mögen, das passiert mir nicht“, sagt sie. „Ich sehe das nicht als Arbeit, weil ich das so gerne mache“, sagt sie. Aber ohne eines wäre die Arbeit auf dem Hof für die Oberkirnacherin nicht möglich. „Meinen geregelten Schlaf, den brauche ich schon. Sonst wird das nämlich nichts“, sagt sie lachend.

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