St. Georgen Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe: Die Teilnehmer werden immer jünger

25 Jahre "Blaues Kreuz" in St. Georgen: Mario Forderung spricht über seine Arbeit mit alkoholsüchtigen Menschen.

Herr Forderung, Sie sind Leiter der christlichen Selbsthilfegruppe Blaues Kreuz. Wie sind sie zu der Begegnungsgruppe gekommen?

Ich bin selbst trockener Alkoholiker. Meine Eltern hatten für meine Zwillingsschwester und mich genaue Vorstellungen, wie unser Werdegang auszusehen hat. Sie haben entschieden, welche Schulen wir besuchen und welchen Beruf wir einmal erlernen sollten. Ich kam dann durch meine Mitgliedschaft im Fußballverein und bei der Feuerwehr mit jungen Menschen in Kontakt. Sie können sich sicher vorstellen, dass in gemütlicher Vereinsrunde auch gerne mal getrunken wird.

Obwohl ich keine großen Mengen und nie während der Arbeit Alkohol konsumiert habe, wurde ich abhängig. 1977 folgte meine erste Entwöhnung im Kloster Ettenheimmünster. Damals dauerte eine Entwöhnung noch ein halbes Jahr, heute sind es höchstens 16 Wochen. Als die Entwöhnung vorbei und ich wieder in meinem Freundeskreis war, reagierten meine Freunde erstaunt und meinten, eigentlich hätten sie eine Entwöhnung viel nötiger gehabt als ich. Nachdem ich zehn Jahre trocken war, folgte 1987 ein Rückfall.

Auf das Blaue Kreuz wurde ich während meiner zweiten Entwöhnung 1999 in St. Georgen aufmerksam, als mich der Gründer Hans Ekkehard Reimann im Krankenhaus besuchte. In der Gruppe schöpfte ich durch die Zuwendung der Teilnehmer im spirituellen Bereich neue Kraft. Ich lernte, dass meine Seele krank war.

Was für Menschen suchen Hilfe beim Blauen Kreuz?

Oft kommen die Angehörigen von alkoholabhängigen Menschen zu uns und suchen Rat. Meines Erachtens ist das sehr wichtig, denn nach einer absolvierten Therapie wollen Betroffene zu Hause plötzlich das Zepter übernehmen. Das kann Angehörige wahnsinnig machen. Nicht selten wünschen sich die Kinder dann: Hoffentlich fängt der bald wieder mit dem Saufen an. Sie kennen ihren Vater nur im betrunkenen Zustand. In unserer Gruppe sehen die Betroffenen, wie andere Mitglieder dieses Problem gelöst haben.

Allerdings ist der Gruppenbesuch ein Prozess und sollte unbedingt über einen längeren Zeitraum dauern. Doch leider gibt es ein Problem mit der Altersstruktur. Die potenziellen Teilnehmer werden immer jünger. Andere suchen unsere Hilfe zu spät und kommen erst, wenn sie schon "faulen". Das ist ein gesellschaftliches Problem. Viele Teilnehmer haben Angst, in der Öffentlichkeit ihr Ansehen zu verlieren. Das Bild des erfolgreichen Managers darf nicht leiden. Das ist kontraproduktiv für die Genesung. Aus diesem Grund ist die Zahl der Gruppenbesuche rückläufig.

Können Sie die hilfesuchenden Menschen mit der Selbsthilfegruppe wirklich erreichen?

An dieser Stelle sollte man berücksichtigen, dass wir eine christliche Einrichtung sind. Wir haben Teilnehmer, die ihren christlichen Glauben benutzen, um ihre verteufelte Lebensweise zu entschuldigen. Das wird uns von weltlichen Gruppen, wie beispielsweise Suchtberatungen, vorgeworfen. Das Blaue Kreuz ist nicht dazu gedacht, suchtkranke Personen zu therapieren, sondern auf dem Weg zu einer gesunden und suchtfreien Lebensweise zu unterstützen. Doch in der Regel wird unsere Hilfe dankend angenommen.

Warum ist die Entwöhnung nicht ausreichend, um alkoholabhängige Menschen zu therapieren?

Grundsätzlich ist eine Alkoholabhängigkeit keine Frage der Menge, sondern von Kontrollverlust und Gewohnheit. Um eine Heilung zu erreichen, gehört die Einsicht, dass man ein Alkoholproblem hat. Der Wert der Abstinenz wird in Klarheit und Wahrheit definiert. Oft belügen sich Alkohioliker, verstecken die Flaschen oder suchen nach einem Grund für ihr Trinkverhalten. Zur Entwöhnung kommen Menschen und sagen, sie trinken, weil sie von ihrer Frau verlassen wurden. Solche Leute werden oft wieder nach Hause geschickt. Die Festmachung an einem Ereignis ist meistens nicht der eigentliche Saufgrund. Der liegt viel tiefer.

Gehen Ihnen die Schicksale der Gruppenteilnehmer persönlich nahe?

Natürlich bewegen mich die Schicksale, aber ich habe dafür einen kleinen Trick. Zur Sicherheit habe ich immer ein Taschentuch in der Tasche. Das erinnert mich an ein Erlebnis aus meiner Kindheit, als meine Schwester und ich nach der Schule nach Hause kamen und meine Mutter weinend mit einem Taschentuch am Fenster stand. Diese Erinnerung hilft im Umgang mit den einzelnen Schicksalen. Und wenn ich in Versuchung komme, Alkohol als Problemlösung zu nutzen. Unsere Teilnehmer versuchen, die entstandenen Löcher ihres Alkoholkonsums in ihrer Freizeit zu füllen und verpasste Dinge nachzuholen. Das wird „Schweizer-Käse- Modell“ genannt. Die Betroffenen machen sich mit ihrem Bemühen selbst Stress, wodurch sich das Risiko für einen Rückfall erhöht. Diese Löcher waren aber meistens nicht so groß, wie die Teilnehmer sie wieder zu füllen versuchen.

Die Leitung der Selbsthilfegruppe ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht jeder übernehmen könnte. Was ist Ihr Beweggrund, diese Verantwortung zu übernehmen?

Purer Egoismus. Das Blaue Kreuz versteht sich als Familie. Ich selbst tanke viel Kraft aus unseren Treffen, um nicht rückfällig zu werden. Besonders im Sport liest man ja oft, dass irgendwelche Trainer ihrer Mannschaft das Vertrauen zurückzahlen wollen. Ich halte das für schmierig. Ich besuche zusätzlich die Ehemaligen-Treffen, die von den Kliniken organisiert werden. Selbst 18-Jährige werden heute schon zu Alkoholikern. Ein frühes Lebensende ist da absehbar. Die Sucht kann man nur innerhalb der Gemeinschaft lösen. Es lässt sich schnell erkennen, ob bei Betroffenen ein Alkoholmissbrauch oder eine Alkoholabhängigkeit vorliegt.

Das Blaue Kreuz wird auch von Teilnehmern aufgesucht, die ihren Führerschein aufgrund von Alkoholmissbrauch verloren haben. Macht Sie das wütend?

Die Zahl der Teilnehmer, die uns nur für die Unterschrift zur Medizinisch-Psychologische-Untersuchung besuchen, wächst. Wütend macht mich das nicht. Das Problem ist, die graue Zahl alkoholisierter Fahrer ist deutlich größer. Sobald diese Leute ihren Führerschein zurück haben, übernehmen sie wieder ihre Eigenstruktur. 30 Prozent aller Teilnehmer kommen daher ein zweites Mal wegen Entzugs der Fahrerlaubnis zum Blauen Kreuz, 60 Prozent sogar ein drittes Mal.

Was machen Sie als Gruppenleiter anders als Ihr Vorgänger Hans Ekkehard Reimann?

Ich bin im Unterschied zu Herrn Reimann kein Theologe. Ich habe mich 2005 aufgrund meiner Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer für die Nachfolge qualifiziert. Ich wurde aber eher ins kalte Wasser geschmissen. Verändert hat sich im Wesentlichen nicht viel. Mein Vorgänger war allerdings deutlich musikalischer und konnte unsere Lieder auf dem Klavier und der Mundharmonika begleiten. Ich hingegen habe eine CD mit Gebetsliedern gekauft, die ich zu Beginn unserer Treffen abspiele. Das bringt Ruhe und Entspannung. Ich versuche den Teilnehmern beizubringen, befreit leben zu lernen. Im Himmel sehen wir: "Alles was einem Übel dünkt, ist ein Werk der Gnade."

Fragen: Lukas Schäfer

Zur Person

Mario Forderung wurde 1946 im Markgräflerland geboren und arbeitete als Industriekaufmann in leitenden Positionen. Forderung ist selbst trockener Alkoholiker. Nach zwei Entwöhnungen und einer Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer ist Forderung seit 2005 Gruppenleiter der Selbsthilfegruppe. Heute arbeitet er zwei Mal pro Woche als betrieblicher Suchtkrankenhelfer und leitet dienstags ab 18.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus der Lorenzkirche die Begegnungsgruppe. Seine Erfahrungen helfen ihm in der Arbeit mit der Selbsthilfegruppe. In der Gemeinschaft will Forderung verhindern, dass Teilnehmer rückfällig werden. (lsc)

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