St. Georgen Ein Rektor und drei Schulen: Wie Jörg Westermann das Delegieren lernte

Der Schulleiter über seine Aufgaben und darüber, wie die St. Georgener Schulen besser zusammenarbeiten und für Kinder und Jugendliche durchlässiger werden.

Herr Westermann, sehen Sie heute noch alle drei Schulstandorte?

Nein, heute sehe ich nur zwei. Der dritte, die Rupertsbergschule, ist morgen früh dran. Eigentlich sehe ich alle drei Standorte jede Woche mindestens einmal.

Sie leiten seit Sommer 2015 die Rupertsbergschule, ein Jahr später haben Sie auch noch die Grundschule in Peterzell übernommen. Wie hat sich ihr Arbeitstag verändert?

Der Arbeitstag ist nicht länger geworden, die Arbeit hat sich verlagert, es sind mehr Aufgaben hinzugekommen. Ich bin nicht nur im Rektorat der Robert-Gerwig-Schule, sondern auch in Peterzell und am Rupertsberg. Dienstagmorgens bin ich am Rupertsberg und mittwochmorgens in Peterzell. Dazu kommen Termine wie Konferenzen, Elternsprechtage und Elternabende Es hängt jetzt mehr an der Konrektorin der Robert-Gerwig-Schule und andere Dinge werden einfach nicht so schnell bearbeitet, wie das normal der Fall wäre. Besonders intensiv sind Zeiten, bei denen ich die gleiche Aufgabe an den drei Schulen habe. Bei der Schulanmeldung im Mai zum Beispiel oder bei den Abschlüssen der 4. Klassen oder derzeit mit der Erstellung der Grundschulempfehlungen für die Viertklässler.

Haben Sie keine Angst, dass dies zur fixen Konstellation wird?

Nein, die habe ich eigentlich nicht. Zumal es seitens der Kommune starke Interessen gibt, dass die Schulleitungen wieder besetzt werden. Momentan haben wir mit Realschule, den zwei Grundschulen und dem Sonderpädagogisches Beratungszentrum vier unbesetzte Schulleitungen in St. Georgen. Ich hoffe, dass zum Ende des Schuljahres diese Stellen wieder besetzt werden.

Gab es bei der Stadt keine Überlegungen, die von ihnen derzeit geleiteten drei Schulen unter einer Schulleitung fest zu vereinigen?

Nein, die gab es nie. Im Schulnetzwerk haben wir diverse Szenarien durchgespielt, aber es war immer klar, dass alle drei Standorte erhalten bleiben. Es gab und gibt das klare Bekenntnis von Herrn Bürgermeister Rieger und dem Gemeinderat keine Schulen zu schließen. Standort heißt seitens der Kommune auch immer eigene Leitung. Das hat auch organisatorische Gründe. Würden Rupertsberg und Peterzell Außenstellen der RGS, würden die Verwaltungsstunden des Schulleiters wegfallen. Momentan haben die Schulen jeweils eigene Verwaltungsstunden. So lassen sich Aufgaben viel besser und den Kollegen vor Ort verteilen.

Wie ist derzeit die Bewerbersituation?

Soweit ich weiß, gibt es derzeit keine Bewerber auf diese Stellen. Was auf dem Schulamt vorliegt, weiß ich nicht.

Warum ist es heute offenbar weniger attraktiv, Schulleiter zu werden?

Vermutlich gibt es vielfältige Gründe. Die Bezahlung kann ein Grund sein. Das Aufgabenspektrum ist größer geworden in den letzten Jahrzehnten. Die Verwaltungsstruktur ist größer geworden, auch das Schulamt. Die Ansprechpartner haben ein größeres Gebiet. Andere Gründe liegen womöglich in der Altersstruktur. Es gibt es immer Einstellungswellen. Es gab Jahre da wurden wenige Kollegen in den Schuldienst des Landes eingestellt, die wären jetzt in dem Alter, in den sie Schulleitungsaufgaben übernehmen könnten. In fünf bis zehn Jahren gibt es vermutlich wieder mehr Kolleginnen und Kollegen, die Interesse an solchen Aufgaben haben.

Haben Sie in dieser Zeit das Delegieren neu gelernt?

Ich habe eher das Loslassen neu gelernt. Das heißt Aufgaben abgeben und sagen, der- oder diejenige wird das schon richtig machen. Das war bei mir vorher nicht so ausgeprägt.

Und es funktioniert?

Ja, es funktioniert gut und ich werde es auch beibehalten, wenn ich nur noch Schulleiter der RGS bin.

Unterrichten Sie selbst noch?

Ich unterrichte dieses Schuljahr vier Stunden. Das ist das Minimum, was ein Schulleiter unterrichten muss. Das liegt aber auch daran, dass wir mit Herrn Jochen Mürdter und mit mir nur zwei Techniklehrer haben und wir die sechste Klasse für den Technikunterricht geteilt haben. Zudem unterrichte ich Informatik in der siebten Klasse.

Ihre Bilanz nach anderthalb Jahren: Haben sich regelmäßige Besprechungen als wichtiger erwiesen oder moderne Kommunikationsmittel?

Es ist sicher eine Mischung aus beidem. Viel läuft über E-Mail-Kontakte, weil die Weiterleitung durch eine Sekretärin mich schnell auf den neuesten Stand bringt. Grundsätzlich sind die Sekretärinnen Ursula Schiller und Nicole Hildbrand wichtige Stützen für die Schulen. In der derzeitigen Situation natürlich noch viel mehr. Auch spielen die regelmäßigen Besprechungen an den einzelnen Schulen immer eine wichtige Rolle, weil man da Dinge abklären kann. Im Team können dann auch Entscheidungen fallen.

Welchen Beitrag kann das Schulnetzwerk zu dieser Situation beitragen?

Die Erleichterung besteht schon darin, dass sich die Grundschulkolleginnen und –kollegen regelmäßig treffen und versuchen bestimmte Dinge anzugleichen. Zum Beispiel ist es jetzt an allen drei Grundschulen üblich Halbjahresgespräche in Klasse zwei zu führen. Oder die Zusammenführung der Einschulung auf eine Woche. Oder der neue Bildungsplan für Klasse drei. Da sitzen die Kollegen schon mal zusammen und überlegen, wie wir das in St. Georgen handhaben wollen. Gesucht ist der kleinste gemeinsame Nenner, dass alles gleich angefasst werden kann. Wünschenswert wäre natürlich, wenn die Abstimmungen auch unter neuen Schulleitungen Bestand hätten.

Gibt es auch bei den weiterführenden Schulen Verknüpfungen?

Auf jeden Fall. Es gibt eine regelmäßige Schulleiterbesprechung von Gymnasium, Realschule und uns. Angestrebt ist, dies auf alle Schulleitungen auszudehnen, wenn die wieder besetzt sind. Da gibt es Absprachen, wenn es in Richtung neuer Bildungsplan geht. Im neuen Bildungsplan gibt es den Basiskurs Medienbildung. Da arbeiten wir im zweiten Halbjahr zusammen, Gesucht wir ein Modell, wie die Medienbildung an allen drei weiterführenden Schulen im Prinzip ähnlich gehandhabt wird. Es geht auch darum, auch mal unseren Fünft- oder Sechstklässlern den Cyberclass-Room am Gymnasium zugänglich zu machen. Mit der Wiedereröffnung des Hallenbades haben wir eine „Fachschaft Schwimmen“ gegründet. Der gehören alle sechs Schulen an und das Material für den Schwimmunterricht, z.B. Schwimmnudeln, wird jetzt gemeinsam angeschafft und genutzt.

Hat sich die angestrebte Durchlässigkeit zwischen den Schulen bewahrheitet?

Ja, schon mehrfach. Wir haben momentan zwei Schüler aus der sechsten Klasse, die schnuppern gerade ein, zwei Wochen an der Realschule. Bei ihnen sind die Notenvoraussetzungen vorhanden. Die Zeit braucht es, um herauszufinden, ob sie sich dort wohlfühlen und im Stoff mitkommen. Danach wird im Elterngespräch entschieden, ob das sinnvoll ist. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Oft sind es da siebten oder achte Klasse, dass die Anforderungen in der Realschule zu hoch sind. Dann schnuppern sie hier und der Wechsel findet ebenfalls statt.

War das früher schwieriger?

Im Sinne der Kinder legen wir Schulleiter die gesetzlichen Grundlagen inzwischen weit aus. Schnuppertage ermöglichen etwas kennenzulernen, bevor man eine Entscheidung treffen muss. Oftmals läuft das dann nach zwei, drei Telefonaten. Im Schulnetzwerk versuchen wir den Schülerinnen und Schülern in St. Georgen eine schulische Heimat zu geben. Dazu gehört auch einen möglichst sanften Wechsel zwischen den Schularten zu gestalten.

Die personelle Sondersituation geht einher mit neuen Anforderungen. Ich nenne nur die Stichworte Integration und Inklusion. Schüler kommen aus sozial schwierigeren Verhältnissen als früher. Ist das alles noch leistbar?

Mit der Leitung hat das relativ wenig zu tun. Direkte Arbeit am Kind leisten die Kolleginnen und Kollegen in den Klassen. Dabei sind die Anforderungen anders geworden. Die Integration von Flüchtlingskindern mit den großen sprachlichen Anforderungen ist sicher eine Herausforderung für die Kollegen. Wir haben zirka 35 Flüchtlingskinder, verteilt zwischen Klasse 1 und Klasse 9. Inklusion spielt weniger eine Rolle, weil wir ja noch das Sonderpädagogische Beratungszentrum haben. Seit fünf Jahren haben wir eine inklusive Außenklasse in einer normalen 9. Klasse.

Und die Elternarbeit?

Sie ist sicher intensiver geworden. Man hat erkannt, wie wichtig der Austausch mit den Eltern ist. Ich denke, wir erreichen viele. Es gibt immer eine Minderheit derer, die nicht erreichbar sind für das, was Schule sagt. Dabei ist bei Migranten die Kommunikation mit den Eltern nicht immer einfach. Zu sehen ist eine positive Entwicklung. Zwischenzeitlich kommen Eltern, die das Gespräch mit dem Sekretariat mit Hilfe ihrer Kinder führten, auch alleine. Bei vielen Familien merkt man, dass sie einen Neuanfang wollen. Und dazu braucht es einen Sprachkurs. Da gibt es hier in St. Georgen viele Angebote.

Wie sieht es an ihrer Schule personell aus? Die Konrektorenstelle konnte besetzt werden. Stehen am Ende des Schuljahrs größere Wechsel an?

Die neue Konrektorin Melanie Hog ist ein Glücksfall, zumal sie unsere Wunschkandidatin war. Für alle drei Schulen sind wir zu hundert Prozent ausgestattet. Wir haben die komplette Lehrerversorgung. Im nächsten Schuljahr könnten wir Bedarf an einer neuen Lehrkraft haben. Das liegt daran, ob wir eine zweite fünfte Klasse haben. Die Zahlen deuten darauf hin.

Fragen: Jens Wursthorn

Zur Person

Jörg Westerman (56) übernahm 2012 das Rektorat der Robert-Gerwig-Schule, einer Grund- und Werkrealschule. Zuvor war er achteinhalb Jahr Rektor der Grund- und Hauptschule Pfaffenweiler. Erste Schulleiteraufgaben übernahm er vor 18 Jahren als Konrektor in Mönchweiler. Die Robert-Gerwig-Schule wird im Schuljahr 2016/17 von 376 Kindern und Jugendlichen besucht. Davon weist die Grundschule 220 Schüler auf, die Werkrealschule 146. Die Grundschule Peterzell besuchen laut Statistischem Jahresbericht der Stadt 50 Kinder, die Rupertsbergschule 151. (wur)

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