Schwarzwald-Baar Tagesmütter sprechen schon von Streik

Niedrige Vergütung löst Frust und Ärger aus – und macht die Gewinnung von neuen Tagespflegepersonen immer schwieriger, obwohl die Nachfrage nach Betreuungsplätzen steigt

Schwarzwald-Baar/Rottweil – Da hat sich ordentlich was aufgestaut bei den Tagesmüttern und -vätern. So sehr, dass im Kreis Rottweil gar von einem Streik die Rede ist. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis ist der Frust spürbar.

Besonders ärgern sich die Tagesmütter über die Bezahlung. Generell erhalten die Tagespflegepersonen pro Stunde und betreutem Kind 5,50 Euro für unter Dreijährige und 4,50 Euro für Kinder über drei Jahren. Das ist ein landesweiter Orientierungswert für die Kommunen. „Er ist schon seit langer Zeit eingefroren“, sagt Petra Wahl, Vorsitzende des Vereins Tageskinder-Pflege-Service (Taps), der für den Schwarzwald-Baar-Kreis außerhalb von Villingen-Schwenningen zuständig ist. Obendrein sei dieser Satz nicht einmal rechtsverbindlich.

Dazu kommt, dass es dieses Geld nicht netto gibt: Tagespflegepersonen müssen ihr Honorar als Selbständige versteuern und Sozialabgaben bezahlen, erläutert Andrea Krisp vom Rottweiler Tagesmütterverein: „Da bleibt unterm Strich sehr wenig.“ Wenn eine Tagesmutter mehrere Kinder gleichzeitig betreuen könne, sehe es schon besser aus, so die Vorsitzende des Rottweiler Vereins, Anneliese Bendigkeit. Aber dafür müssten die Tagesmütter eine sehr große Flexibilität zeigen. Wenn die Schulen und Kindergärten Ferien machen – „wir sind immer da.“

Weil die Tagesmütter mit den Umständen seit Jahren unzufrieden sind, haben sie sich an die Landesregierung gewandt. Sie fordern für die Tagesmütter „mindestens den Mindestlohn“. Im Juli hat die zuständige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) im Landtag erklärt, in den kommenden zwei Jahren sei mit einer Erhöhung er Geldleistungen nicht zu rechnen. Das empört die Vorsitzende des Landesverbands Kindertagespflege, Christina Metke: Diese Weigerung sei „ein starkes Stück“ und sende „ein fatales Signal an alle Tagesmütter und -väter“.

So sehen es auch die Verantwortlichen im Kreis Rottweil. „Wir werden auch dazu aufrufen, an einem Tag nach Stuttgart vor den Landtag zu ziehen“, kündigt Bendigkeit an. Der Termin sei zwar noch offen. Aber: „Unsere Geduld ist am Ende.“ Beim Verein Taps im Schwarzwald-Baar-Kreis äußert man sich zwar etwas zurückhaltender – schließlich ist der Verein keine Gewerkschaft, der Mitglieder zum Streik aufrufen kann. Doch die Dringlichkeit des Themas sehen Petra Wahl und Sozialpädagogin Patricia Neugart ebenso – und man könne sich schon vorstellen, „etwas zu organisieren.“ Denn, so Wahl: „Das Land muss schon sagen, was die Arbeit einer Tagesmutter wert ist.“ Derzeit sei nicht immer sicher, ob so mancher Tagesmutter unterm Strich der Mindestlohn bleibe.

Immerhin sei die Lage im Schwarzwald-Baar-Kreis besser als in manch anderen Landkreisen, lobt Wahl, weil das Kreisjugendamt generell 5,50 Euro zahle. Und zudem bei seinen Zahlungen auch vierwöchige Ausfallzeiten der Tagespflegepersonen von bis zu vier Wochen berücksichtige. Hälftig würden auch Sozialversicherungsbeiträge übernommen, ferner Kosten für die Berufsgenossenschaft. Derzeit stehe der Verein zudem „in Verhandlungen“ mit dem Kreisjugendamt, für Tagesrandzeiten etwa frühmorgens und abends einen Zuschlag zu gewähren. Die Stadt Villingen-Schwenningen, die sich selbst um das Thema Tagespflege kümmert, zahlt Tagespflegepersonen ebenfalls 5,50 Euro pro Kind und Stunde. Unterstützung gebe es gegebenenfalls bei den Betriebskosten der Betreuungsräume.

Ein finanzielle Aufstockung wäre freilich sehr wichtig für die Gewinnung weiterer Tagesmütter. Das Einkommen sei zwar nur einer von mehreren Aspekten, weil es hier „nicht nur um Beruf, sondern auch um Berufung“ gehe, betonen Wahl und Neugart vom Verein Taps. Doch in wirtschaftlich guten Zeiten zögen viele Frauen einen Arbeitsplatz als Angestellte vor, berichtet die Taps-Vorsitzende. „Auch langgediente Tagesmütter gehen jetzt nach zehn, zwölf Jahren wieder in ihre früheren Berufe zurück“, auch wegen eines geregelten, gesicherten und besseren Einkommens. „Dabei könnten wir mehr Leute brauchen“, betont Petra Wahl, „aber die Zahl der Tagesmütter ist rückläufig.“ So geht es auch der Stadt Villingen-Schwenningen: „Es wird auch für uns immer schwieriger, neue Tagespflegepersonen zu finden und zu qualifizieren. Die Anforderungen sind in den letzten Jahren gestiegen, die Vergütung in dem Maße aber nicht“ – und Selbstständigkeit sei nicht für jeden eine Option.

Tagespflege

  • Schwarzwald-Baar-Kreis: Außerhalb der Stadt Villingen-Schwenningen werden im Landkreis derzeit 240 Kinder und Teenager im Alter bis zu 14 Jahren von derzeit 106 Tagespflegepersonen betreut – es waren aber auch schon einmal rund 150 Tagesmütter und -väter.
  • Stadt Villingen-Schwenningen: Das städtische Jugendamt hat für Kinder von 0-14 Jahren derzeit 291 Tagespflegeplätze registriert, belegt sind aktuell 264 Plätze bei 85 Pflegepersonen, darunter zwei Männer. Ziel ist eine Aufstockung auf 100 Anbieter
  • Kreis Rottweil: Derzeit arbeiten im Kreis Rottweil gut 200 Tagespflegepersonen. Sie bieten derzeit etwa 450 Betreuungsplätze im Kreis an. "Wir hatten schon mal deutlich mehr", erinnert sich Krisp.

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