Schwarzwald-Baar Nahversorgung im Blick: Der stille Kampf um Kunden im Schwarzwald

Heimatcheck, Teil drei: Traditions-Händler gegen die Großanbieter. Wie ein Metzger in St. Georgen und ein Bürgermeister in Unterkirnach reagieren. Steak im Internet hier und der Schultes als Unternehmer dort.

Nahversorgung findet jeder gut. Einen Bäcker, einen Metzger, eine Apotheke und einen Supermarkt fußläufig erreichen zu können, das ist vielen Menschen wichtig. Viele kaufen auch so ein. Bummeln von Geschäft zu Geschäft ist ein Stück Lebensqualität. Die Vielfalt der Innenstädte ist jedoch bedroht. Steigende Pachten, hohe amtliche Auflagen sind für Familienbetriebe oft nur erschwert zu stemmen.

Hans Peter Rieckmann blickt nach vorne, sucht seine Zukunft durch Gestaltung. Die Geschäftsräume sind frisch renoviert, an urigen Tischen können sich Kunden hier ihre Bratwurst schmecken lassen. Und: Dieser Schwarzwald-Metzger hat ein zusätzliches Standbein. Er schlachtet auch für direkt vermarktende Landwirte. 90 Prozent seiner Ware ist hausgemacht, zusätzlich erfüllt er seit 1999 die Auflagen für das Bioland-Siegel.

Tiere aus der Region

Was merkt der Kunde davon: „Wenn das Schnitzel in der Pfanne gleich groß bleibt“, schmunzelt Hans Peter Rieckmann. Rieckmann kauft seine Tiere im Umkreis von maximal 30 Kilometern. „Ich kenne meine Bauern und sie kennen mich. Ich weiß, was jeder füttert“, ergänzt er. Rieckmann hat den Kampf gegen die Supermärkte dieser Welt längst angenommen. Er spricht gut über sie. „Sie machen auch Spitzenware“, sagt er ganz faktisch. „Bloß“, ergänzt er, „dort schmeckt es immer gleich“, sagt er in Anspielung auf industriell orientierte Großfertigung. Bei ihm ist das anders. Er würzt nicht mit fertigen Mischungen. Sondern von Hand. „Das ist Erfahrung“, sagt er knapp und stolz. Deshalb schmeckt bei ihm handwerkliche Wurst auch anders. Er beschreibt die Wurstherstellung wie das Malen eines Bildes.

Der aus seiner Sicht „enorme Kaufkraftabfluss aus den Innenstädten auf die grüne Wiese“ sei im „bequemen Einkaufen“ begründet. Er beobachtet das auch bei sich vor dem Geschäft. „Ist kein Parkplatz für den Kunden frei, fährt er vielleicht noch eine Runde und schaut noch einmal. Dann ist er weg. Ob der Kunde immer daran denkt, dass jede seiner Kaufentscheidungen über die Bestückung der Innenstadt mit-entscheidet? Für Rieckmann ist klar: Das größte Plus der Großkonkurrenz sind die Öffnungszeiten. Einkaufen bis 24 Uhr kann er nicht bieten. Da schläft er längst. Sein Tag beginnt um sechs Uhr früh.

Dieser Metzger hat den Kampf gegen die scheinbar übermächtigen Supermärkte aufgenommen. Nicht nur mit einer ausdifferenzierten Ware. Bei der Internetseite „myrollbraten.de“ ist er jetzt mit dabei. Der Kunde kann sich seine Ware aussuchen und bekommt sofort einen Abholtermin genannt. Moderne Zeiten, fünf Klicks und das Grillpaket wartet. „Ich habe mein Angebot so ins Internet verlagert“, sagt Rieckmann selbst. Der Betrieb mit acht Mitarbeitern wurde 1962 von Gerhard und Rosemarie Rieckmann gegründet. 1997 war der Generationswechsel.

Den stillen Kampf sehen viele nicht. Etwa dies: Woher weiß der Metzger eigentlich, was der Kunde nächste Woche kaufen mag? „Das Einkaufsverhalten ist schon anders geworden“, sagt Rieckmann. Der Verbraucher hat das große Angebot, wo auch immer. „Und bei mir kann es sein, dass ich Freitagabend, wenn alle Grillwürste brauchen, plötzlich ausverkauft bin.“ Oder umgekehrt, wie letzte Ostern. Fisch war bei ihm im Angebot, aber kaum jemand griff zu. Ein Drama.

Die großen Krisen wie Rinderwahnsinn hat diese Metzgerei überstanden. Ob die Digitalisierung die große Herausforderung ist, wird sich erst noch zeigen. „Am schwierigsten ist es, wenn plötzlich jemand ganz schnell 500 Wurstwecken braucht“, sagt Heike Rieckmann. Sie lacht dazu. Sie weiß: „Wir schaffen auch das.“

In der Nachbargemeinde Unterkirnach hat der Bürgermeister höchstpersönlich ins Geschehen eingegriffen. In dem 2600-Einwohner-Ort hat die Gemeinde den örtlichen Supermarkt übernommen. Vom früheren Betreiber übernahm man alle Mitarbeiter. Laut Braun „verlassen Jahr für Jahr fünf Millionen Euro Kaufkraft unseren Ort“. Der 500 Quadratmeter große Markt ist rege besucht. Viele kaufen hier klein ein: die fehlende Butter, einen Liter Milch. „Unser Projekt läuft gut“, sagt Braun nach eineinhalb Jahren Betrieb. Bei 90 000 Übernachtungsgästen im Ort pro Jahr könnte der Umsatz aber auch deutlich höher sein, moniert er.

 

Wie Strukturwandel Innenstädte prägt

Im Land gibt es weniger Bäckereien und Metzgereien. Von 2008 bis 2016 ging die Zahl der Bäckereien von 2318 um 23 Prozent auf 1792 zurück. Bei den Metzgereien waren es Ende 2016 laut Landeswirtschaftsministerium noch 2371 Betriebe. Das ist ein Rückgang in acht Jahren um rund 21 Prozent. 2008 gab es noch 3013 Metzgereien. Der Strukturwandel im Angebot ist frappierend. Malerische Innenstädte wie Villingen verlieren immer mehr familiengeführte Handelsgeschäfte. Telefonläden und Kebabanbieter breiten sich ebenso aus wie Spielhöllen. Gegen die Daddel-Buden geht im Oberzentrum jetzt die Kommune vor. Ob erfolgreich, bleibt abzuwarten. In Villingen gab es früher zwei Porzellanfachgeschäfte. Sie haben längst geschlossen. Porzellan gibt es in der Stadt nur noch bei einem Großanbieter im Untergeschoss. Im selben Geschäft gibt es auch Damenstrümpfe, Taschentücher, Parfüm und Spielzeug. Wem das Angebot nicht ausreicht, der bestellt im Internet oder fährt nach Freiburg, um dort die zerbrochene Henkeltasse für sein Geschirrset nachzukaufen. Ein Villinger Kleindungsgeschäft schloss vergangenes Jahr seine Cityadresse. Es existiert im Datennetz weiter – ohne dass es Mietkosten hat. (tri)

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