Schwarzwald-Baar-Kreis Kunkis-Becker: Zweiter Anlauf unter neuen Vorzeichen

In unserer SÜDKURIER-Serie zur Bundestagswahl 2013 stellen wir die Bundestagskandidaten des Wahlkreises im Porträt vor. Heute: Cornelia Kunkis-Becker, Bündnis90/Grüne.

Jaaa, der „Veggie Day“. Mit diesem Thema wird die grüne Bundestagskandidatin Cornelia Kunkis-Becker gerade öfters konfrontiert, gibt sie zu. Die Forderung stammt aus dem grünen Wahlprogramm und zielt darauf ab, dass öffentliche Kantinen künftig an einem Tag pro Woche keine Fleischgerichte anbieten, um so den Fleischkonsum zu senken und etwas gegen Massentierhaltung tun.

Kunkis-Becker nimmt's aber gelassen: Ihr „Veggie Day“ war und ist sowieso immer freitags. Traditionell kommt dann Fleischloses auf den heimischen Tisch – wie immer noch in vielen Familien, gerade in katholisch geprägten Gegenden. „Da gibt's dann bei uns eben eine Suppe oder Apfelküchle oder auch mal ein Risotto oder Kartoffeln mit Quark“, erzählt sie beim Interview im Garten ihres Hauses in der Villinger Südstadt bei Eiskaffee und Apfelsaft von der Ostbaar.



Ansonsten esse sie gerne auch mal Fleisch, sagt die 53-jährige verheiratete Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Die Idee hinter dem „Veggie Day“ findet sie gut, aber er soll freiwillig sein: Ob man sich daran hält, „das soll jeder für sich selbst entscheiden können“.

Für die gebürtige Tribergerin, die seit 1986 in VS-Villingen lebt, ist es bereits der zweite Bundestagswahlkampf – und es hat sich manches verändert im Vergleich zum Debüt 2009. Ein Hauptunterschied: Bündnis90/Grüne sind inzwischen Regierungspartei und stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten. „Das war vor vier Jahren noch völlig undenkbar“, sagt sie. Und ergänzt mit einem Lächeln, dass jetzt „ganz professionelles Verhalten“ gefragt sei. Man müsse sich schon genauer überlegen als noch damals in der Opposition, was man sagt.

Was sie dabei nicht hervorkehrt, aber dennoch klar ist: Nun wird auch die grüne Bundestagskandidatin als Vertreterin der (Landes-)Regierungsmacht wahr- und ernstgenommen. Das bringt ihr bei ihren Besuchen in den Städten und Gemeinden des Wahlkreises schon größere Aufmerksamkeit. Außerdem wird sie nun auch auf allerlei Themen und Anliegen angesprochen, die oft mit Landespolitik zu tun haben. Da geht es zum Beispiel um den Bau einer Windkraftanlage auf dem Hohen Randen bei Blumberg, oder um die Zukunft der Musikhochschule Trossingen.

Zwar hat Letzteres weder etwas mit der Bundestagswahl zu tun, noch liegt Trossingen im Wahlkreis Schwarzwald-Baar. Aber Kunkis-Becker hat sich trotzdem hinter den Kulissen dafür eingesetzt, dass die drastischen Verkleinerungspläne der grünen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer für die Hochschule nicht einfach so umgesetzt werden – zusammen mit anderen Grünen aus der ganzen Region. Nun ist sie froh, dass das Erfolg hatte und Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine Überarbeitung der Pläne eingeleitet hat.

Und noch etwas ist anders für Kunkis-Becker anders geworden: Sie ist inzwischen Kommunalpolitikerin. Vor anderthalb Jahren kam sie als Nachrückerin in den Kreistag und ist auf demselben Wege 2012 auch noch Gemeinderätin in Villingen-Schwenningen geworden. Zeitgleich war übrigens ihr heute 23-jähriger Sohn Julien nach drei Jahren als grüner VS-Gemeindrat wieder ausgeschieden, weil er wegen seines Masterstudiums als Wirtschaftsingenieur an der Uni Darmstadt für das Gremium nicht mehr genug Zeit hatte.

Wo wir gerade bei der Familie sind: Der 19-jährige Justin studiert nach seinem Abi nun Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim. Er folgt damit beruflich den Spuren seiner Eltern, denn Vater Bernhard Becker ist bei einer Bank in Villingen-Schwenningen tätig, und Cornelia Kunkis-Becker ist Betriebswirtin und als Vertriebsbeauftragte für Firmen-Software im ganzen Südwesten und Bayern unterwegs.

Wie gefallen Kunkis-Becker die bisherigen Erfahrungen in der Kommunalpolitik? „Das macht tatsächlich viel Spaß, es gibt in allen Fraktionen sehr nette Kollegen“, betont sie. Oft verfolge man parteiübergreifend dieselben Ziele, überhaupt zähle Parteizugehörigkeit nur selten: „Es wird wesentlich mehr Sachpolitik betrieben als auf anderen Ebenen“. Und man könne auch als Einzelne durchaus etwas bewegen.

„Moment mal, bitte“, unterbricht sie dann kurz das Interview. Sie muss sich schnell mit dem Holzlieferanten absprechen, der gerade einen Berg Buchenholz-Nachschub anliefert. „Wir kaufen das immer in Riedböhringen“, erzählt sie – auf der Baar, wo es Laubwälder gibt. Die Holzscheite werden im Winter via Kachelofen einen wichtigen Beitrag zum Heizen liefern, denn das 50er-Jahre-Haus mit modernem Anbau lässt sich „nur schwer warm kriegen“, wie Kunkis-Becker erzählt.

Apropos erneuerbare Energien: Bei dem Leib- und Magenthema der Grünen verweilt Kunkis-Becker gerne länger. „Der Strompreis muss runter“, fordert sie klar. Dazu sollten unter anderem die von Schwarz-Gelb ausgeweiteten Privilegien für viele Unternehmen, die die Energiewende nicht über die sonst üblichen Strompreis-Zuschläge mitfinanzieren müssen, wieder deutlich reduziert werden. Das entlaste dann alle Verbraucher.

Auch halte sie eine Absenkung der Zuschüsse etwa für Sonnenstromanlagen für richtig. Überhaupt laufe bei der Energiewende manches aus dem Ruder, etwa beim massiven Mais-Anbau für Biogasanlagen auf der Baar: „Das ist ein Unding!“. Hauptgrund sei, dass die politisch Verantwortlichen in Berlin viele Fehler gemacht hätten. „Die jetzige Bundesregierung hat zum Beispiel vier Jahre verstreichen lassen, ohne beim Stromnetz-Management etwas zu tun“. Die Grünen setzten mehr auf dezentrale Energieerzeugung, damit neue Stromtrassen von Nord nach Süd gar nicht notwendig werden.

Freilich ist das in der Praxis nicht ganz einfach, gibt sie zu. Etwa, wenn eine Windkraftanlage nicht gebaut werden könne, wenn in der Nähe ein Milan brüte. Die Abwägung Klimaschutz gegen Artenschutz sei gerade für Grüne schwierig. Nicht einfach ist auch der Bereich Straßenbau – aber neue Ortsumgehungen findet auch Kunkis-Becker dort gerechtfertigt, wo der Transitverkehr überhand nehme.

Ein schwieriges Thema ist für die Partei bisweilen auch die Mitverantwortung für die Agenda 2010 und die Hartz-IV-Gesetze. Kunkis-Beckers Einschätzung dazu: „Die Agenda 2010 war richtig. Daran müssen wir jetzt nicht alles ändern, aber manches nachsteuern“. Vor allem müssten faire Arbeitsbedingungen sowie später ein Rentenniveau, das ein Leben in Würde ermögliche, besser sichergestellt werden. Im sozialpolitischen Bereich sei darüber hinaus eine familienfreundlichere Politik nötig: „Das ist für mich ein Herzensthema“, so Kunkis-Becker.

Der Wahlkampf hat für die Kandidatin übrigens noch einen willkommenen Nebeneffekt: Er ist eine Gelegenheit, die Schönheit und Stärken des Wahlkreises wieder oder neu zu entdecken. Das ging ihr schon so, als sie jetzt im Sommer mit einer Freundin einen Ast des Jakobswegs über die Baar und Fützen bewanderte: „Ich war begeistert, wie schön es bei uns ist. Der Wahlkreis hat wirklich etwas für sich!“

 

Zur Person

Cornelia Kunkis-Becker (53) stammt aus Triberg und wohnt in Villingen-Schwenningen. Sie ist Mitglied im Kreisvorstand für Bündnis90/Grüne, Kreisrätin im Kreistag Schwarzwald-Baar-Keris und Gemeinderätin in Villingen-Schwenningen. Sie arbetiet als Vertriebsbeauftragte für Computerprogramme, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

 

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