Rottweil/Schwarzwald-Baar Juden feiern Einzug in neue Synagoge

Einweihungsfest der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen: Kretschmann und Kauder unter den Festrednern

Wenn Juden die Schriftrollen der Thora unter einem Baldachin singend durch Rottweils historische Innenstadt tanzen, ist das ein eindrucksvolles Schauspiel. Und ein besonderer Tag: Am Sonntag wurde die neue Synagoge in Rottweil eingeweiht. Und viele, auch nichtjüdische Rottweiler begleiteten den Zug, der die drei Thorarollen der Israelitischen Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen vom bisherigen Betsaal in der Oberen Hauptstraße in die neue Synagoge am Nägelesgraben brachte. Die Thorarollen – sie enthalten die fünf Bücher Mose und sind von ganz wesentlicher Bedeutung für den jüdischen Gottesdienst – wechselten dabei mehrfach den Träger, am Ende durfte auch Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß eine davon tragen.

Landesrabbiner Moshe Flomenmann leitete die Zeremonie und erklärte auch immer wieder die Bedeutung der Rituale. So das Anbringen der Mesusa am Eingang der neuen Synagoge. Die Mesusa ist ein in einer Kapsel steckendes Stück Pergament mit religiösen Texten, das an Eingangstüren etwa von Häusern, Wohnungen und Zimmern angebracht wird und sie schützen soll.

Flomenmann betonte in seiner Ansprache zur anschließenden Amtseinführung des neuen Rabbiners Levi Yitschak Hefer, dieser sei zwar noch jung und unerfahren, "doch die Jugend ist eine Sache, die vergeht." Rabbi Jehuda Puschkin, der die orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands vertrat, betonte, dass die Synagogeneinweihung und die Amtseinführung des Rabbiners nicht voneinander getrennt werden könnten. "Ohne Rabbiner ist eine Synagoge eine Waise!"

Pfarrer Christian Honold von der evangelischen Gemeinde Rottweils zeigte sich dankbar, Seite an Seite mit den jüdischen Mitbrürgern stehen zu können. Dies sei eine Ehre, Pflicht und Freude, die Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde zu zeigen. Er überreichte, gemeinsam mit Pfarrerin Esther Kuhn-Luz und dem katholischen Dekan Martin Stöffelmaier einen Olivenbaum, der auch für die Christen eine symbolträchtige Pflanze sei.

Hefer selbst gab zu, sehr aufgeregt zu sein. "Das ist eine große Ehre und Verantwortung für mich." Er hoffe auf aufstrebendes jüdisches Leben in der Stadt, und "dass die Synagoge in ein paar Jahren zu klein sein wird!"

Für Rami Suliman, dem Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, war es ebenfalls ein besonderes Ereignis, ein bewegender Moment: "Wir schlagen ein neues Kapitel auf!" Er betonte erneut: "Wer ein Haus baut, will bleiben. Ja, wir gehören hierher."

Ein Tag der Freude war es auch für den Ministerpräsidenten, der aber auch auf die 79 Jahre blickte, die seit der Schändung der damaligen Synagoge Rottweils im Novemberpogrom 1938 vergangen sind. "Das muss uns auch Mahnung sein!", betonte Winfried Kretschmann. Für ihn ist es unerträglich, dass sich Antisemitismus wieder in Deutschland breit mache und sogar im Landtag ein Antisemit sitze. "Wir stehen vor und hinter Ihnen! Baden-Württemberg ist ein tolerantes und weltoffenes Land!"

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, war ebenfalls nach Rottweil gekommen. Er lobte das Durchhaltevermögen der Rottweiler ("Sie haben keine Mühen gescheut!") und wie gut sich der Neubau in Rottweils Innenstadt einfüge.

Auch der Unionsfraktionsvorsitzende im Bundestag aus Tuttlingen, Volker Kauder, gratulierte der Israelitischen Kultusgemeinde, er fühle sich beschenkt. Deutschland habe dem Judentum Ruhm und Glanz zu verdanken, nicht nur in der Wissenschaft. Kauder betonte, das so genannte Dritte Reich sei eine Schande gewesen, "aber ich empfinde es auch als Schande, dass ein Rabbiner in Berlin sich nicht mehr auf die Straße trauen kann!"

Landrat Wolf-Rüdiger Michel gratulierte zum Neubau mit einem Geschenk des Landkreises: einem Beitrag zur Anschaffung einer der Thorarollen. Und Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß hatte ein Faksimile des wohl ältesten Dokuments aus dem Rottweiler Stadtarchiv dabei: eine jüdische Handschrift, die wahrscheinlich aus dem 12. Jahrhundert stammt.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Die leckersten Gins vom Bodensee und Schwarzwald
Neu aus diesem Ressort
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar-Kreis
Schwarzwald-Baar
Schwarzwald-Baar-Kreis
Schwarzwald-Baar
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren