Kreis Tuttlingen Wie ein junger Künstler aus der Region Vieldeutigkeit zum Kunstprinzip erhebt

Soziale, kulturelle und persönliche Bezüge verschmelzen in den Bildern von Jeremias Heppeler, die jetzt in Aldingen ausgestellt werden

„Im Grunde bin ich in allen Bereichen ein Autodidakt“, sagt Jeremias Heppeler während er sich gerade in einem ehemaligen Fabrikgebäude über eine große Pappe beugt und einen Kopf mit Buntstiften akribisch ausschraffiert. Begleitet wird dieser künstlerische Prozess von einer Körperkamera. Die filmische Dokumentation ist ab Sonntag, 23. April, in der Galerie im Altbau in Aldingen (Kreis Tuttlingen) ebenso zu sehen wie die großformatigen Bilder, die in den vergangenen Wochen vor Ort entstanden sind.

Was dann dort in Mischtechnik und als Graffiti wirklich zu sehen ist, kann vor Ausstellungseröffnung erahnt werden, kann sich aber auch alles wieder ändern. Denn schließlich lautet das Thema des Projekts „Der Prozeßß“. Der Titel assoziiert nicht zufällig Franz Kafkas Roman „Der Process“, inhaltlich wie strukturell.

Kafkas Schilderung einer absurden und sich verselbständigenden Bürokratie – sein einziges Werk, das nicht in linearer Abfolge entstand – ist schwierig zu interpretieren. Die Geschichte ist ziemlich absurd gehalten und an vielen Stellen verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Man kann nicht ausmachen, ob nur Teile oder doch alles metaphorisch gemeint ist. Passieren die Geschehnisse wirklich, oder stellen sie nur einen Traum des Protagonisten dar?

Der kleine Exkurs in die Literaturgeschichte ist für die Annäherung an das komplexe Kunstschaffen Heppelers durchaus sinnvoll. Schließlich ist das die akademische Grundlage, auf die der bekennende Autodidakt sein Werk aufbaut. Er studierte Germanistik und Geschichte in Konstanz und machte seinen Master im Studienfach "Literatur Kunst Medien". Heppeler ist auch als freier Texter, Filmemacher und Journalist tätig. Er versteht sich als intermedialer Künstler, der analoge und digitale Medien verbindet.

Im Mittelpunkt seines Werkes steht die stetige De- und Rekontextualisierung. Das Konzept Kontextualisierung bedeutet, dass Wörter oder Sätze nur aus dem sprachlichen Kontext und Bilder nur aus dem kulturgeschichtlichen Zusammenhang verstanden werden können. Man muss dabei nur die passenden Bezüge herstellen. Das ist wiederum auch abhängig vom jeweiligen Erfahrungsschatz.

Die irritierende Schreibweise des Projekttitels mit den beiden „ßß“ gehört eben auch zu Heppelers weit gefasstem Kunstverständnis. In seinem prozesshaften bildnerischen Gestaltungen sind diese kleinen Irritationen überaus wichtig. Das bildnerische Werk, das häufig mit Textfragmenten und Chiffren angereichert ist, lebt von diesen unerwarteten Überlagerungen. Alles ist in diesen Bildwelten auf Ambivalenz, also Vieldeutigkeit angelegt.

Das gilt für die intermedialen Collagen, die bereits in Tuttlingen und in Konstanz zu sehen waren, ebenso wie für die aktuelle zweidimensionale Arbeit in Aldingen. Die weit aufgerissenen Münder der verzerrten Köpfe erinnern an Picassos Guernica. Darunter sind in stetiger Wiederholung die Namen aktueller mehr oder weniger autokratisch handelnder Staatschefs zu lesen.

Bei Heppelers Angebot der unterschiedlichen Wirklichkeitsbezüge werden gesellschaftliche, kulturelle und persönliche Erinnerungen komplex miteinander vernetzt. Indem Heppeler intermedial arbeitet und bewusst verschiedene Medien, Techniken und Kunstansätze benutzt, erscheint sein Wirklichkeitsbezug immer im Zustand der Veränderung begriffen.

Franz Kafka übrigens gelang es trotz mehrerer Anläufe nicht mehr, seinen Roman zu vollenden. Bei Heppelers „Prozeßß“ ist dies unerheblich. Den Schlusspunkt setzt ganz im Sinne des Künstlers, der „am Nullpunkt, in der scheinbaren Bedeutungslosigkeit des weißen Rauschens gestartet ist“, der Betrachter.

„Jeremias Heppeler – Der Prozeßß“ in der Galerie im Altbau, Aldingen Uhlandstraße 52, bis 21. Mai. Donnerstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr. Eröffnung mit Performance am 23. April um 17 Uhr.

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