Königsfeld Eine Dokumentation des Grauens

Vortrag über Genozid am Volk der Jesiden. Jan Ilhan Kizilhan spricht im Haus des Gastes.

Manch einer hatte Tränen in den Augen, die Beklommenheit lag fühlbar im Raum. Jan Ilhan Kizilhan berührte die Menschen mit seinem Vortrag über den aktuellen Genozid am Volk der Jesiden zutiefst. Das Haus des Gastes dürfte selten zuvor so voll gewesen sein wie am Sonntag. Knut Schröter, Vorsitzender des einladenden Historischen Vereins, interpretierte die unerwartet hohe Resonanz als Indiz für ein breites Bedürfnis nach vertiefender Auseinandersetzung mit den Hintergründen des IS-Terrors.

Die Stühle reichten nicht aus, etliche Besucher mussten stehen. Das Auditorium repräsentierte nicht nur die Königsfelder Bevölkerung, es waren auch etliche türkisch-stämmige Patienten aus der Balint-Klinik gekommen, wo der Psychologe und Orientologe die muttersprachliche Trauma-Therapie für Migranten etabliert hat. In Kizilhans Regie wurden im vergangenen Jahr mehr als tausend jesidische Frauen und Kinder von Flüchtlingscamps im Nordirak nach Baden-Württemberg gebracht, eine Gruppe lebt im Schwarzwald. Ziel des Sonderprogramms der Landesregierung ist die therapeutische Aufarbeitung schwerster Traumata.

Wie barbarisch die Terroristen des so genannten Islamischen Staats (IS) vorgehen, ließen Filmsequenzen und Fotos erahnen, mit denen der Nahost-Spezialist bei seinen vielen Reisen in die Kriegsgebiete unvorstellbares Grauen dokumentiert. Fassungslos sahen die Besucher Bilder von wild umher schießenden Männern und marschierenden Kindersoldaten, von Leichen und Leichenteilen, von brennenden Dörfern und weinenden Menschen. „Wo ist Gott? Wo ist Menschlichkeit?“, fragten sie verzweifelt in die Kamera.

Am Beispiel des Dorfes Kocho rekapitulierte Kizilhan die Systematik des Grauens. 413 jesidische Männer hatten sich geweigert, zum sunnitischen Islam zu konvertieren. Sie wurden in Gruppen aufs Feld getrieben und mit Maschinengewehren erschossen. Neun überlebten verletzt, weil sie unter Leichen lagen und für tot gehalten wurden. „Sie konnten fliehen und erzählten mir ihre Geschichten.“ Frauen und Kinder wurden auf Sklavenmärkten in den gesamten arabischen Raum verkauft und werden von wechselnden Eigentümern missbraucht und gefoltert. Unter denen, die ihren Peinigern entkommen konnten, musste Kizilhan jene Frauen auswählen, die jetzt in Deutschland therapiert werden. Ein Bild zeigte eine von ihnen, die sich mit Benzin übergoss und anzündete, um ihr Gesicht zu entstellen. „Sie wollte nicht mehr attraktiv für Vergewaltigungen sein.“

Inzwischen sprechen auch die Vereinten Nationen von einem Genozid an den Jesiden; Kizilhan schilderte ihn in historischem Kontext. Die uralte, monotheistische Religion erlaube weder Aus- noch Eintritte, sie missioniere nicht und setze auf Isolation als Überlebensstrategie statt auf Expansion wie Christentum und Islam. Mit der Schaffung künstlicher Grenzen zwischen Irak, Iran und Türkei seien Familien und religiöse Gemeinschaften zerrissen worden. Im sunnitisch-alevitischen Bruderkampf im Nahen und Mittleren Osten gebe es keine Gruppe, die nicht mal Täter und mal Opfer war.

Der IS sei freilich keine islamische Organisation, sondern eine faschistische islamisierte Terrorbewegung, deren Ziel die Weltherrschaft sei. In blinder Überzeugung, dass alle Ungläubigen Unmenschen seien, würden Massenmorde und Vernichtung alter Kulturstätten gerechtfertigt. „Sie wollen das kollektive Gedächtnis der Menschen und damit ihre Identität zerstören.“

Verstört, verschreckt, gleichwohl gefesselt lauschte das Auditorium und vernahm erleichtert, dass immerhin die Jesidinnen in Deutschland eine Chance auf ein neues, lebenswertes Leben haben. „Sie sind kräftig und es besteht die Hoffnung, dass sie an der Katastrophe wachsen.“ Dazu gehöre Anpassungsbereitschaft und die Einsicht, dass Religionen nicht starr bleiben dürfen.


Hilfe für Flüchtlinge

„Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ heißt ein dokumentarisches Buch, das Jan Ilhan Kizilhan zusammen mit der Journalistin Alexandra Cavelius verfasst hat und dem Publikum in Königsfeld vorstellte. Es geht um die Geschichte der 17-jährigen Shirin, die von IS-Terroristen verschleppt und als Sex-Sklavin verkauft wurde. Der Historische Verein hielt etliche Exemplare zum Verkauf bereit. Mit dem Erlös und mit den Spenden, die nach Kizilhans Vortrag erbeten wurden, sollen Flüchtlingsprojekte unterstützt werden. (cn)

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