Blumberg "Die Windkraftindustrie zerstört die Natur"

In die Diskussion um die geplanten zwölf Windräder auf der Länge bei Hüfingen, Blumberg und Donaueschingen hat sich Naturschützer Wolfgang Epple eingeschaltet.

Herr Epple, Sie haben sich in die Diskussion um die zwölf geplanten Windräder auf der Länge eingeschaltet, als der BUND Sie in seiner Antwort an die Bürgerinitiative „Gegenwind“ mit auf den Verteiler setzte. Der BUND antwortete der Initiative, dass er nach einer gründlichen Abwägung das Vorhaben auf der Länge unterstützen könne und vor dem Hintergrund der aktuellen Energiewende sogar unterstützen müsse. Sie wiederum werfen dem BUND in Ihrer Antwort vor, der BUND opfere Natur und Landschaft zu Gunsten eines industriellen Komplexes rund um die „Erneuerbaren Energien“. Was läuft in der Diskussion Ihrer Meinung nach falsch?

Es wird im Falle des Konflikts Windkraft/Naturschutz eben nicht gründlich abgewogen! Die Windkraftindustrie drängt gezielt in die letzten einigermaßen intakten, noch nicht industriell überformten Landschaften – zunehmend stehen die Waldgebirge Süddeutschlands und speziell Baden-Württembergs im Fokus. Dabei wird das knappste Gut in unserem stark zerstückelten und zersiedelten Land geopfert. Es ist das Tafelsilber des Landschafts- und Naturschutzes, das auf dem Altar der sogenannten Energiewende landet. Dies zu Gunsten einer ineffizienten Industrie-Technologie, die man mit brachialer Gewalt noch in die bisher stillsten Winkel der Wälder baut. Eine naturfressende Industrie soll die Natur retten. Dies ist ein Widerspruch in sich.

Im Rahmen der Invasion der Windkraft werden schmerzliche inhaltliche und ethische Defizite des Naturschutzes sichtbar: Das Eingriffshandeln zu Lasten der wehrlosen Natur wird erleichtert, Bürgerrechte sollen beschnitten werden – alles angeblich alternativlos und verbrämt als Weltrettung durch Klimaschutz. Die etablierten Umweltverbände setzen dieser naturzerstörenden Entwicklung kein wirklich tiefgreifendes kritisches Hinterfragen entgegen, wie es eigentlich ihr selbstbeglaubigter Auftrag als „Anwälte der Natur“ wäre. Den derzeit Regierenden geben diese Umweltverbände im Grundsatz freie Bahn für die Invasion der Windkraftindustrie in die Natur, trotz erkennbar desaströser Folgen.

Der Glaube, mit Erneuerbaren Energien Natur und Welt zu retten, ist in Wirklichkeit die Fortsetzung und Verfestigung des gefährlichsten Mythos der Moderne: es ist der ökonomische Mythos vom Wachstum, nun im neuen Kleid einer „Green economy“. Das Zauberwort dieser letztlich alten Naturausbeutung in neuer Verkleidung heißt „Nachhaltigkeit“. Es wird suggeriert, dass mit Erneuerbaren Energien ein „Weiter so“ im Energiehunger und in den Nutzungs-Ansprüchen gegenüber der Natur möglich ist. Die Natur soll hierfür noch verstärkt sogenannte Ökosystem-Dienste leisten. Eine Folge dieses anthropozentrischen Nutzendenkens ist die offenbar für selbstverständlich gehaltene Möglichkeit, der wehrlosen Natur für die Erneuerbaren Energien selbst wertvollste Flächen zu entreißen. Ethik wird im Zusammenhang mit der verschärft fortgesetzten Ausbeutung der Natur – nun auch im Rahmen der sogenannten Energiewende – nur sehr oberflächlich angesprochen. Das Ergebnis einer Umfrage lautete in 2017 sinngemäß: „Der Zeitgeist ist grün, die Natur bleibt fremd“.

Seit 48 Jahren engagieren Sie sich für den Naturschutz. Wie fing es an?

Als 16-jähriger Schüler habe ich in meinem Wohnumfeld im Landkreis Böblingen die Zerstörung eines Feuchtgebietes – zunächst als unerfahrener Jüngling im Alleingang – verhindert. Später habe ich als junger Biologe einen Ortsverband des heutigen NABU mit Mitstreitern gegründet, dessen Landesgeschäftsführer in Stuttgart ich in den späten 1980er-Jahren war. Naturschutz war die Motivation für mein Studium der Biologie.

Im August 2017 haben Sie die Denkschrift „Windkraftindustrie und Naturschutz sind nicht vereinbar“ veröffentlicht. Hat der Naturschutz nicht mehr die nötige Lobby?

Der Naturschutz wird in der Diskussion über die Energiewende und die erneuerbaren Energien ganz gezielt in den Hintergrund gedrängt. In meiner Denkschrift habe ich aufgezeigt, dass der Begriff „Klimaschutz“ den Naturschutz nicht nur verdrängt, sondern in der öffentlichen Debatte sogar ersetzt. Diese diffuse Gleichsetzung hat Methode und wirkt sich zunehmend tragisch aus. Richtig verstandener Naturschutz verlangt vom Menschen eingedenk der Endlichkeit aller Ressourcen, die wir nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit dem außermenschlichen Leben teilen, Verzicht und Zurückhaltung. Ganzheitlicher Naturschutz ist der umfassende Begriff, der den Schutz nicht nur des Lebens, sondern auch seiner Randbedingungen umfasst – was auch das Klima einschließt. Naturschutz ist damit auch eine Frage der Ethik, die hierfür eine Sprengung des rein auf den Nutzen des Menschen bezogenen Standpunkts leisten muss. Hans Jonas hat dies in seinem „Prinzip Verantwortung“ angedacht. Kurz könnte man formulieren: Verzicht auf das Machbare zu Gunsten des Verantwortbaren.

Ihr letzter Satz lässt sich inhaltlich auch aus der Enzyklika „Laudato Si“ (2015) von Papst Franziskus lesen.

Das stimmt. Viele Gedanken der Verantwortungsethik sind in der Umweltenzyklika aufgegriffen, die ich bewusst auch in meiner Denkschrift zitiere. Der Gedanke des Eigenwertes der Natur ist zentral – aus ihm folgen auch im Zuge der Windkraftindustrialisierung entscheidende Fragen, – etwa die, ob es noch Tabus im Umgang mit der Natur als Schöpfung gibt. Papst Franziskus betont in der Enzyklika unter anderem: „…stetige Forschung müsste auch zu der Erkenntnis führen, wie sich die einzelnen Lebewesen zueinander verhalten und die größeren Einheiten bilden, die wir heute „Ökosysteme“ nennen. Wir ziehen Sie nicht nur zur Ermittlung ihrer vernünftigen Nutzung in Betracht, sondern auch, weil sie einen eigenständigen Wert besitzen.“ An anderer Stelle schreibt Papst Franziskus: „Wir erinnern an das Vorbild des heiligen Franziskus von Assissi, um eine gesunde Beziehung zur Schöpfung als eine Dimension der vollständigen Umkehr des Menschen vorzuschlagen.“ Das schließe auch ein, die eigenen Fehler einzugestehen, sie zu bereuen, sich von innen her zu ändern. Die australischen Bischöfe hätten die Umkehr im Sinn einer Versöhnung mit der Schöpfung so ausgedrückt: „Um diese Versöhnung zu verwirklichen, müssen wir unser Leben prüfen und erkennen, auf welche Weise wir die Schöpfung Gottes durch unser Handeln und durch unsere Unfähigkeit zu handeln geschädigt haben. Wir müssen eine Umkehr beziehungsweise einen Wandel des Herzens erfahren.“ Der Wandel des Herzens betrifft das Innerliche, wo auch Emotionen und Intuitionen gefragt und berechtigt sind.

Wie würde sich das „Prinzip Verantwortung“, oder die Umkehr des Herzens auf den Bereich der Windkraft auswirken, um die es im Fall der Länge geht?

Ich plädiere in meiner Denkschrift an zwei wesentlichen Punkten für das Zulassen und die Berechtigung von Intuition und Emotionen, wenn es um Schönheit einer Landschaft geht und wenn es um Mitgefühl mit den Wildtieren geht, die durch unser Handeln ihre Lebensgrundlagen verlieren. „Herzensangelegenheit“ ist die Metapher für Innerlichkeit. Äußere, zählbare und messbare Fakten berücksichtigen und innerliche Emotionen zulassen sind keine Widersprüche. Die Schönheit und Anmutung einer Landschaft kann man nicht messen, ebenso wenig ist – um Worte von Hans Jonas zu gebrauchen – der stumme Appell um Schonung, der von der wehrlosen Schöpfung ausgeht, mit äußerlicher Datenerhebung in den Griff zu bekommen. Man muss im Herzen berührt sein vom Schicksal der Wildtiere, in deren Wohnstätten man Industrie mit brachialer Gewalt installiert, wie dies im Falle der Windkraft geschieht. Man muss die Ästhetik einer noch unverbrauchten Landschaft als verinnerlichtes Erlebnis zulassen, um die Verschandelung naturnaher Gebiete voll zu erfassen. Schon die alten Griechen hatten in ihren philosophischen Schulen den Dreiklang des Menschseins erfasst: Das Schöne (Ästhetik), das Gute (die Ethik) und das Wahre (die Fakten) ergänzen sich zum Ganzen. Im Rahmen der Auseinandersetzung um die Invasion der Windkraft in selbst sensibelste Naturräume und Heimatlandschaften werden regelmäßig Emotionen verpönt, ethische und ästhetische Dimensionen unterbelichtet oder als rein subjektiv und relativierbar herabgewürdigt.

Umkehr der Herzen würde im Falle der Windkraft dazu führen müssen, gerade diese subtilen innerlichen Belange der Conditio humana, der Grundbedingungen des Menschlichen, im Rahmen des Konfliktes verstärkt ins Blickfeld zu nehmen. Eine entscheidende Folge erkannter Verantwortung ist die mögliche Hereinnahme des echten Verzichts zu Gunsten der Natur. Das Gegenteil geschieht im Rahmen der Energiewende.

Zur „Energiewende" gehört auch das Nutzen von Biomasse, um Energie zu erzeugen. Was sagen Sie als Biologe dazu?

So wie die Invasion der Windkraft in die letzten Naturrefugien das Gegenteil dessen bedeutet, was man vorgibt, erreichen zu wollen: nämlich Naturzerstörung anstelle „effizienten Naturschutz“, so erzeugt speziell die Monotonie von Mais- und Raps-Monokulturen, in den Tropen von Palmölplantagen, die im Rahmen der Energiewende um sich greifen, einen ungeahnten Negativ-Effekt in vormals vielfältigen Natur- und Kulturlandschaften. Auch die buchstäbliche Verheizung der Wälder als Biomasse ist im Rahmen sogenannter „regenerativer Energienutzung“ höchst problematisch, führt weltweit und in Teilen Europas bereits zu Entwaldungstendenzen und in einigen Ländern sogar zum Eindringen der Holzindustrie in die letzten intakten Urwälder – als Beispiel sei Rumänien genannt.

Welche Auswirkungen hat die Energiewende auf die Natur?

Es lässt sich zusammenfassen: Für die Natur sind überwiegend negative bis sogar verheerende Auswirkungen zu beklagen. Die Rettung der Natur durch eine naturfressende Industrie ist ein Widerspruch in sich, wie ich schon vor Jahren publizierte.

Welchen Part hat bei dieser Entwicklung die Windkraft?

Wie ich in meiner Denkschrift aufzeige, spielt die Windkraftindustrie die inzwischen aggressivste Rolle innerhalb dieser vorgeblichen „Weltrettung“ im Rahmen der Energiewende. Begleitet wird dies durch fragwürdige Umstände, vom Erstellen von Gefälligkeitsgutachten bis hin zu Ungereimtheiten in Genehmigungsverfahren und vom gezielten Aufweichen bisheriger Schutzvorschriften des Naturschutzrechtes bis zum Nichtanwenden höherrangigen Gemeinschaftsrechts.

Was passiert, wenn jemand dies kritisiert?

Fachlich fundierte Kritik wird ausgegrenzt und Skeptiker werden niedergemacht. Altruistischer Naturschutz, für den ich mit Nachdruck plädiere, wird zum Hindernis, die Verteidiger der Natur werden als Verräter an der Weltrettung verketzert.

Wie könnte Ihrer Meinung nach der Weg zur Energiewende aussehen?

Die ökonomischen Probleme und physikalischen Grenzen der derzeitigen „Energiewende“ können wir hier nicht ausleuchten. Nur soviel: Diese „Energiewende“, die den ökoindustriellen Komplex rund um die „Erneuerbaren Energien“ in die vermeintliche Rolle der „Weltretter“ gespült hat, ist in Wirklichkeit eine klima-unwirksame Stromwende zu Gunsten dieser Industrien. Noch nicht einmal im Bereich der drängenden Gesamt-Energiefragen kann von einer wirklichen Wende gesprochen werden. Speziell beim naturzerstörenden Zubau der Windkraft jedoch wäre eine Denk- und Verschnaufpause dringlichst. Ein Moratorium wird von skeptischer Seite seit Jahren fundiert gefordert, alleine, um anderen Gedankengängen zur Lösung der fraglos bestehenden Probleme überhaupt Raum zu geben. Trotz ausbleibender Effekte für den CO2-Ausstoß aber wird eher noch verschärft und noch hektischer in Richtung „steiler Ausbaupfade“ agiert. Bei einer rechtverstandenen „Wende“ der Menschheit geht es jedoch nicht alleine nur um Energie.

Worum geht es dann?

Im Wort „Wende“ steckt der Sinn einer Umkehr, wie sie in der erwähnten Enzyklika gefordert wird – ein Begriff, der mir in dieser Frage viel besser gefällt. Die Menschheit benötigt insgesamt eine Umkehr – weg von der Übernutzung des Planeten, hin zu einer gerechten Teilung und Verteilung aller Güter und Ressourcen, nicht nur unter Menschen: Es geht auch um eine gerechte Teilung der Erde mit der uns umgebenden, behütenden, ernährenden und manchmal auch bedrohenden Natur. Wollen wir auch künftig Wildnisse, intakte Natur- und Kulturlandschaft, Wildtiere und Wildpflanzen in großer Fülle um uns haben? Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten, benötigen wir in der Tat eine Umkehr.

Dazu müssen der Standpunkt und die Perspektive geweitet werden: Von der Menschlichkeit über die Mitmenschlichkeit zur Mitgeschöpflichkeit, zum Bejahen der Bewahrung des Ganzen, uns Menschen eingeschlossen. Demut und Ehrfurcht, Verzicht und Gerechtigkeit sind Begriffe, die hier nicht als leere Formeln stehen bleiben dürfen, sondern mit Leben gefüllt werden wollen. Ich bekenne mich in diesem Zusammenhang zur kritischen Überprüfung des Wachtsums-Dogmas der heutigen Mainstream-Ökonomie und Mainstream-Politik, in das sich der ökoindustrielle Komplex der „Erneuerbaren Energien“ nahtlos einfügt.

Aus der Sicht der biologischen Wissenschaft und einer umfassenden Natur-Ethik geht es um das Offenhalten der evolutionären Pfade des Lebens in die Zukunft. Soll die Menschheit eine Zukunft haben in der Fülle und von der Fülle genetischen Lebens dieses Planeten, muss der Artenschwund, der Verlust der biologischen Vielfalt und Breite, auf der unsere Existenz gründet, als Top-Punkt der Agenda erkannt und mit allem Nachdruck wieder in den Mittelpunkt der Umweltdebatte gerückt werden.

Was ist Ihr größter Wunsch als Biologe für die Natur und die Zukunft der Menschheit?

Dass wir den Nutzen-orientierten anthropozentrischen Denkrahmen gemeinsam sprengen, und als Menschheitskollektiv auf das Machbare verzichten zugunsten des Verantwortbaren.

Fragen: Bernhard Lutz

 

Literatur: Epple, W. (2009): 30 Jahre Hans Jonas „Das Prinzip Verantwortung“: Zur ethischen Begründung des Naturschutzes. Osnabrücker Naturwiss. Mitteilungen 35: 121-150.Epple, W. (2017): Windkraftindustrie und Naturschutz sind nicht vereinbar. Windkraft-Naturschutz-Ethik. Herausgeber. Naturschutzinitiative e.V., 140 Seiten. Die in ehrenamtlicher Arbeit entstandene Denkschrift ist erhältlich zum Selbstkostenpreis bei der Naturschutzinitiative e.V.:http://naturschutz-initiative.de/neuigkeiten/207-windkraftindustrie-und-naturschutz-sind-nicht-vereinbar

 

Zur Person

Wolfgang Epple mit seinem Hund "Duke". Bild: Epple
Wolfgang Epple mit seinem Hund "Duke". Bild: Epple

Wolfgang Epple wurde 1953 in Esslingen geboren und ist seit 48 Jahren für den Naturschutz aktiv. Zunächst ehrenamtlich mit der Gründung eines Nabu-Ortsverbands, nach dem Biologie- und Chemie-Studium ab 1981 hauptberuflich für den Nabu (damals Deutscher Bund für Vogelschutz), dessen Landesgeschäftsführer Baden-Württemberg er in den späten 1990er Jahren war. Für den Naturschutz war er außerdem für eine obere Sonderbehörde des Landes tätig, in den 1990er Jahren war er viele Jahre Gutachter für das damalige Niedersächsische Landesamt für Ökologie, jeweils an der Schnittstelle Naturschutz/Naturnutzung und Landwirtschaft. Seit 1987 befasst er sich vertieft mit dem Schutz von Arten im Interessenkonflikt und mit der Ethik des Naturschutzes. (blu)

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