Eishockey: „Crunch time“ nennen es die Amerikaner, wenn ein Spiel oder eine Saison in die entscheidende Phase geht. Bei den Wild Wings ist am Mittwoch ab 19.30 Uhr „crunch time“. Den Schwenningern stehen auf dem Weg in die möglichen Playoffs nicht nur die wichtigsten Spiele in der aktuellen Saison bevor. Es sind die Partien mit der größten Bedeutung seit der DEL-Rückkehr 2013.

Die Woche der Wahrheit beginnt in der ausverkauften Helios-Arena mit dem Baden-Württemberg-Derby gegen die Adler Mannheim. Zwei Tage später geht es für den Tabellenzehnten zu den Iserlohn Roosters und am Sonntag steigt das letzte Hauptrunden-Spiel der Wild Wings zu Hause gegen Wolfsburg (14 Uhr).

Schon im Duell mit den Mannheimern könnte eine Vorentscheidung zugunsten der Wild Wings fallen. Gewinnt Schwenningen und der Tabellenelfte Düsseldorfer EG verliert zeitgleich in Nürnberg, wäre die Tür zur Finalrunde für die Schwäne weit offen, sehr weit sogar. Cheftrainer Pat Cortina will von derlei Rechenspielen nichts wissen. „Wir müssen unser Spiel durchziehen und dürfen nicht auf andere schauen“, betont der 53-Jährige.

Dass die Adler zu knacken sind, bewiesen die Wild Wings einen Tag vor Weihnachten mit ihrem grandiosen Derby-Sieg in Mannheim. Allerdings ist Cortina überzeugt, „dass wir es nun mit wesentlich stärkeren Gegner zu tun haben“. Doch wie stark werden die Mannheimer Olympia-Helden sein? Die leidenschaftlichen Leistungen (und die Feierlichkeiten) in Pyeongchang dürften vor allem die Feldspieler Marcel Goc, Marcus Kink, Matthias Plachta und David Wolf einiges an Kraft gekostet haben. Cortina geht allerdings nicht davon aus, dass die Silbermedaillengewinner müde sein werden. Im Gegenteil: „Ich glaube eher, dass sie euphorisiert sind durch den Erfolg“, sagt der Coach. Insgesamt sind im Adler-Team sieben Olympia-Teilnehmer. Neben Goc, Kink, Plachta und Wolf sind dies Sinan Akdag (musste verletzt frühzeitig abreisen), Torhüter Dennis Endras (wurde nicht eingesetzt) und Chad Kolarik (spielte für die USA).

Von Seiten der Wild Wings wird es an die Medaillengewinner vor der heutigen Partie offizielle Glückwünsche geben. Cortina hat dies bereits gemacht: „Ich kenne fast alle Spieler aus meiner Zeit als Bundestrainer. Deshalb habe ich schon nach dem Finale einige SMS geschrieben und den Jungs gratuliert.“

Schwenningens Verteidiger Kalle Kaijomaa hatte wenig Interesse an den Olympischen Spielen, hofft aber, dass das Turnier in Südkorea bei den deutschen Spielern kräftemäßig Spuren hinterlassen hat. „Gut möglich, dass einige Mannheimer müde sind. Es könnte aber auch sein, dass ihnen der Erfolg Auftrieb gibt.“ Eines ist auf jeden klar: Eine Verschnaufpause können sich Goc und Co. nicht leisten. Auch die Mannheimer, derzeit auf Rang neun, könnten noch aus den Playoff-Rängen rutschen. Deshalb stellte Adler-Geschäftsführer Daniel Hopp klar: „Der Fokus der Spieler muss jetzt wieder zu 100 Prozent auf der DEL liegen.“

Bei den Wild Wings ist dies offensichtlich der Fall: „Meine Mannschaft war in den vergangenen Tagen sehr konzentriert und fokussiert. Sie hat intensiv trainiert“, freut sich Pat Cortina. Auch seinen Spielern ist die Bedeutung der bevorstehenden drei Partien klar: „Es sind die wichtigsten Spiele in meiner Schwenninger Zeit“, sagt Kaijomaa, der 2016 an den Neckar kam.

Personell hat Pat Cortina mit Beginn der „crunch time“ nahezu die Qual der Wahl. Marc El-Sayed und Tobias Wörle werden zwar verletzungsbedingt fehlen, die anderen 23 Spieler sind jedoch fit. Somit muss der Trainer zwei Spieler auf die Tribüne setzen. Es dürfte einen der acht Verteidiger und Angreifer Lennart Palausch treffen.

Der Gegner der Wild Wings

Adler Mannheim: Es ist schon eine sehr spezielle Situation, in der das immer bedeutungsvolle Derby gegen die Kurpfälzer dieses Mal stattfindet. Nicht nur, dass die Adler sechs Silbermedaillengewinner von Pyeongchang mitbringen, wobei der vorzeitig verletzt heimgereiste Sinan Akdag auch dabei sein soll. Die Frage nach deren Fitness und mentaler Verfassung darf man zwar stellen, sie sollte aber für die Wild Wings keine Rolle spielen. Immerhin erhielten die Mannen um DEB-Kapitän Marcel Goc gestern trainingsfrei. Ab heute sollen und müssen sie ihre ganze Konzentration auf den Liga-Alltag richten. Markus Kink sieht darin kein Problem: „Wir stehen voll im Saft. Körperlich ist das kein Thema. Die Euphorie wird uns durch diese Spiele tragen.“ Sollten sie auch, denn angesichts von Platz neun und einer bisher enttäuschenden Saison ist man in Nordbaden im Alarmzustand. So hat man in der Olympia-Pause noch einmal nachgelegt und seine letzte Ausländerlizenz an den amerikanischen Verteidiger Patrick Mullen vergeben. (tif)