Eishockey: Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen. Als das siebte Spiel in der diesjährigen Finalserie der NHL anstand, wollte Cedric Schiemenz dies unbedingt am Fernseher verfolgen. Problem an der Sache: die Zeitverschiebung. Denn am nächsten Morgen stand für ihn, wie für die anderen Spieler der Wild Wings, die nächste Einheit des Sommertrainings auf dem Programm. „Also fragte ich bei unserem Athletiktrainer Hendrik Kolbert an, ob ich an diesem Tag ausnahmsweise die gemeinsame Einheit schwänzen und stattdessen später allein trainieren könne“, erzählt der Schwenninger Neuzugang. Der war zwar nicht begeistert, wollte dem 20-Jährigen aber, gerade weil es das Highlight in der besten Liga der Welt war, keine Steine in den Weg legen. Und so konnte Cedric Schiemenz den ersten Triumph der St. Louis Blues überhaupt in der Geschichte des Stanley Cups am Bildschirm verfolgen.

„Beide Finalteilnehmer gehören zwar nicht zu meinen Lieblingsteams. Deshalb konnte ich dieses Entscheidungsspiel auch relativ entspannt anschauen. Aber eine siebte Begegnung im Finale der NHL darf man sich einfach nicht entgehen lassen“, stellt der Stürmer klar. Für wen aber schlägt sein Herz? „Für die New York Rangers“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Das Ganze hat auch einen Hintergrund. Klein-Cedric war gerade mal sieben Jahre alt, da nahm sein Vater ihn mit nach New York. „Wir haben uns damals das Saison-Eröffnungsspiel zwischen den Rangers mit Jaromir Jagr als Kapitän und den Washington Capitals mit Alexander Ovechkin ausgeschaut“, erinnert er sich. Nicht nur für einen Knirps war dies ein unvergessliches Erlebnis. „Seitdem bin ich Fan der Rangers. Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich auch die Vegas Golden Knights ziemlich cool finde und ein Besuch dort auf jeden Fall noch auf meiner Agenda steht“, so Cedric Schiemenz weiter.

Die Vita des gebürtigen Berliners liest sich für einen Eishockey-Spieler ein klein wenig ungewöhnlich. Zu Beginn lief noch alles normal, da spielte er bei seinem Heimatverein bis zur Schüler-Bundesliga. Doch statt im Nachwuchsbereich den nächsten Schritt in der DNL zu machen, zog es ihn zum ersten Mal weg von zuhause. „Ich bekam die Möglichkeit, mir die Akademie von Red Bull in Salzburg anzuschauen“, berichtet er. Kaum hatte er die ersten Dinge dort gesehen und die ersten Gespräche geführt, stand sein Entschluss fest: „Hier muss ich hin.“ In der Rückschau betrachtet genau die richtige Entscheidung. „Weil es mit dem Trainerteam sowie den Gegebenheiten dort ideal und für meine persönliche Entwicklung das Beste war, was mir passieren konnte“, betont Schiemenz.

Im Jahr drauf war er plötzlich noch weiter entfernt von heimischen Gefilden, diesmal lag sogar ein ganzer Ozean zwischen ihm und seiner Familie. Die Kitchener Rangers in der Ontario Hockey League, eine der Top-Juniorenligen in Kanada, hatten sich seine Dienste gesichert. Und so machte er sich erstmals auf den Weg über den großen Teich. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Denn dieses Engagement hat viel verändert im Leben des Cedric Schiemenz, sportlich wie privat. Vielleicht sogar vor allem privat. Zum einen war er zu der Zeit bei einer Gastfamilie untergebracht, zu der er auch heute noch ein sehr enges Verhältnis hat. „Sie werden mich sogar diesen Sommer hier in Schwenningen besuchen“, verrät er. Was aber noch viel wichtiger war: eines Tages lernte er Amanda kennen. „Sie arbeitete nebenbei in einem Café-Shop, in welchem ich oft war. Also habe ich sie irgendwann angesprochen und nach ihrer Nummer gefragt. Wir haben uns getroffen und sind so zusammengekommen“, macht er kein Geheimnis aus seinem Privatleben.

Seit mehr als zweieinhalb Jahren sind die beiden nun ein Paar. Die Liebe hält, selbst über diese Entfernung hinweg. „Wir sehen uns dennoch mehrmals im Jahr“, erzählt Schiemenz. Entweder ist er für einige Zeit in Kanada, oder sie kommt zu ihm nach Europa. Möglich ist dies, weil Amanda zusammen mit einer Freundin eine eigene Tanz-Academy führt und sich auch mal eine etwas längere Abwesenheit gönnen kann. „Insgesamt bekommen wir das gut hin“, betont er. Um mit einem Schmunzeln anzufügen: „Während einer Saison will ich mich auf Eishockey konzentrieren. Oft bin ich nach dem Training einer der Letzten, der geht. Und da will ich nicht das Gefühl haben, nach Hause zu müssen, weil da jemand wartet.“

Sein ganzes Augenmerk ist im Moment auf den Sport gerichtet, weil er sich bei den Wild Wings durchsetzen will. Nach einer Spielzeit in Dresden, einem erneuten Abstecher in die OHL und der vergangenen Saison, in der Cedric Schiemenz zwar einen Vertrag in Berlin besaß, jedoch fast ausschließlich per Förderlizenz bei den Lausitzer Füchsen in Weißwasser spielte, ist er nun in Schwenningen gelandet. Durch die drei Begegnungen, die er für die Eisbären in der DEL ran durfte, ist er so richtig auf den Geschmack gekommen. „Als ich zurückgeschickt wurde, war dies im ersten Moment schade. Ich habe es aber als zusätzliche Motivation angesehen“, erinnert er sich. Und weiter: „Abgesehen davon, dass ich vom Kopf her offensichtlich gereift bin, habe ich den Sommer über extrem hart an mir gearbeitet und fast zehn Kilogramm an Masse zugelegt.“

Damit trat Cedric Schiemenz einem Vorwurf entgegen, der ihn immer wieder begleitete. „Wenn du von vielen Seiten gesagt bekommst, dass du über ein enormes Talent verfügst, es dir aber an den körperlichen Voraussetzungen fehle, muss da wohl etwas dran sein. Irgendwann glaubst du es und bist von nun an selbst dafür verantwortlich, deinen Traum zu erfüllen.“ Dass es ausgerechnet die Neckarstadt wurde, hat zwei Gründe. „Wir haben mit verschiedenen Clubs gesprochen. Dabei hat Jürgen Rumrich einen klaren Plan aufgezeigt, was er mit mir vorhat. Für mich persönlich ist es wichtig dorthin zu gehen, wo mir Vertrauen entgegengebracht wird. Deshalb ist Schwenningen für mich der beste Ort, um zu einem guten DEL-Spieler zu werden. Ganz abgesehen davon wollte ich etwas Längerfristiges. Obwohl ich erst 20 Jahre alt bin, habe ich doch schon einige Stationen hinter mir“, verweist er auf seinen Drei-Jahres-Vertrag bei den Wild Wings.