60:00 steht auf der Anzeigetafel – und 28:28. Das Spiel ist aus, unentschieden zwischen der HSG Konstanz und dem SV Kornwestheim.

Ein Freiwurf geht noch

Denkste. Im Handball ist alles anders, denn 60:00 muss eben noch nicht das Ende sein. Ein Freiwurf, vor Ablauf der Zeit gepfiffen, geht immer noch. Und so ist es am Samstagabend. Einen letzten Versuch haben die Konstanzer noch, aber bitte, wer soll denn Ball über sechs hoch gewachsene Kornwestheimer ins Tor bringen? Und dort, zwischen den Pfosten, steht ja auch noch ein gewisser Pascal Welz, der zuvor manchen Wurf pariert hat.

Tom Wolf schnappt sich den Ball

Felix Krüger hat den Ball in der Hand, doch dann schlurft Tom Wolf heran und schnappt sich die Kugel. Einer gegen sieben, Wolf guckt, streckt und dreht sich leicht nach links, wirft. Der Ball fliegt über die Sechser-Mauer und flitzt rechts oben in den Torwinkel. Eigentlich müsste da ja dieser Welz im Wege sein, doch Kornwestheims Keeper hat die Torwartecke aufgemacht. Klarer Fall von Irrtum, Welz glaubte, der HSG-Kapitän würde es über die kleinsten der Langen in der Schwaben-Mauer, Peter Jungwirth und Christian Wahl, versuchen.

Kein Halten mehr in der Schänzlehalle

Der Ball im Tor, der Sieg für die HSG Konstanz, es gibt kein Halten mehr in der Schänzlehalle. Tom Wolf spurtet einfach drauf los, seine Mannschaftskameraden direkt hinterher. An der entlegenen Hallenmauer ist der Wolf gefangen, eine blaugelbe Meute wirft sich auf ihn drauf. Nur um ihn eine halbe Minute später wieder freizugeben, damit er sich noch einmal den ebenso ausgeflippten Fans zeigen kann. Wie Herkules baut sich Tom Wolf auf und schreit noch immer seine Freude heraus. Was für ein Ereignis, was für Augenblicke, was für Glücksgefühle.

Wohlverdientes Bier nach dem Husarenstück

Eine halbe Stunde später sitzt Tom Wolf auf der Tribüne, eine Flasche wohlverdientes Bier in der Hand. Aufklären soll er über seine Zauberei. War es ein gezwirbelter Wurf? War der Ball von einer Schwabenhand abgefälscht? "Ich weiß es nicht", sagt Wolf, "keine Ahnung." Gibt's das denn, da gelingt einem ein echtes Husarenstück, und der weiß nicht, wie? "Ich hatte vor der Ausführung ein wenig Zeit, ich habe mir die Gegner angeschaut, auf meiner Seite waren zwei etwas kleinere", erzählt Wolf, "über die wollte ich werfen." Hätte er es getan, wäre womöglich Welz im Spiel gewesen. Aber Wolf zirkelt den Ball dann mit einer speziellen Handbewegung Richtung rechtes Toreck, "erst dachte ich, der geht drüber. Vielleicht war er ja doch abgefälscht."

Bogenlampe in den Kasten

Nein, war er nicht. Die harzige Kugel sauste als schnelle Bogenlampe in den Kasten. "Ich habe auf jeden Fall nichts gesehen", sagt Wolf, "aber dann aus 1300 Kehlen gehört, dass er drin ist." Gut so. Und dann ist er losgelaufen, einfach so, ziellos, der Gegenwart entrückt. "Da kannst du nichts mehr kontrollieren", sagt Tom Wolf, der Mann, der mit dem Ball zwirbelt. (tim)