Herr Amin, eigentlich habe ich gar keine Lust auf dieses Interview, bin völlig unmotiviert. Außerdem wartet noch so viel Arbeit auf mich.

(lacht) Sie testen den Motivationstrainer, oder? Na gut, spielen wir mal mit. Wenn Sie einen harten Tag haben, stellen Sie sich ihm. Sagen Sie zu sich selbst: Na und, das macht mich nur härter. Erledigen Sie dann heute, was Sie können, und den Rest einfach morgen. Wenn Sie dann zurückblicken auf das Erreichte, werden Sie stolz sein. Garantiert.

Danke. Aber jetzt zu einem Personenkreis, der Aufbauarbeit wohl nötiger hat. Die HSG Konstanz hat drei Spiele in Folge verloren, steht kurz vor einem Abstiegsplatz. Sie als Mentaltrainer haben da wohl alle Hände voll zu tun.

HSG-Trainer Daniel Eblen hat mich gebeten, mich in dieser Woche mit den Spielern zu beschäftigen. Die sind unten, verständlich nach drei Pleiten in Folge. Ich freue mich darauf und werde alles tun, um ihnen zu helfen.

Wie gehen Sie da vor? Sagen Sie jedem Einzelnen, wie stark er ist?

Ganz einfach ausgedrückt, ja. Als Mentaltrainer arbeitet man mit Affirmationen, um eine positive Herangehensweise zu stärken. Es kommt darauf an, wie man mit sich selbst redet. Wenn ein strenges Programm auf einen wartet, das Wetter vielleicht miserabel ist und man vielleicht noch in eine Pfütze tritt, sagt man sich: Der Tag ist gelaufen. Und dann ist er auch gelaufen.

Und was hat das mit Sport zu tun?

Da ist es genau das Gleiche. Der krampfhafte Gedanke an negative Dinge – bei Sportlern zum Beispiel Niederlagen – erzeugt Druck, der alles andere als leistungsfördernd ist. Natürlich kann man ein nächstes Spiel verlieren, aber der Gedanke daran muss aus dem Kopf, darf nicht präsent sein. Wichtig ist, dass das Positive in den Köpfen ist. Dass man aufs Spielfeld läuft und sich freut, spielen zu dürfen und dass man siegen will, anstatt daran zu denken, dass man verlieren könnte.

Gehen Sie auf den Gegner ein, im Fall der HSG Konstanz am Samstag Bad Schwartau?

Auf keinen Fall! Der andere Verein auf dem Feld interessiert mich überhaupt nicht. Der einzige Gegner, den es zu bekämpfen gilt, ist der im eigenen Kopf. Und der ist oft der härteste Gegner. Natürlich kann man sich mit einer Mannschaft, auf die man trifft, genauer beschäftigen, kann sich deren Taktik ausgucken und darauf einstellen. Aber was ist, wenn der gegnerische Trainer ganz andere Spieler aufstellt oder die Taktik ändert? Dann kommt es nur auf einen selbst an.

Handball ist Kampf, Handball ist Körpereinsatz, ist auch Kraft. Welche Rolle spielt der Kopf bei diesem Sport?

Jeder Sport erfordert den Kopf. Wer denkt, dass er schwach ist, kann seinen Körper nicht kraftvoll einsetzen. Man muss an seine Stärke glauben, um stark zu sein – beim Handball und in jeder anderen Sportart.

Und wie bringen Sie das den Spielern näher?

Es gibt Spieler, auch bei der HSG Konstanz, die den Grundstock in sich haben, sich selbst motivieren zu können. Ansonsten muss man das trainieren. Für einen Bodybuilder reicht es schließlich auch nicht, einmal eine Hantel zu stemmen, um Muckis zu bekommen. Das muss er regelmäßig wiederholen, um Erfolg zu haben.

Wie wurden Sie Motivationstrainer?

Eigentlich war ich als Karatetrainer schon immer Motivationstrainer, ich habe es nur nicht gewusst. Konkret damit beschäftigt habe ich mich, als ich in einem Loch war. Durch Zufall bekam ich ein Buch in die Hand, das mich gepackt hat. Da wusste ich: Das ist das Richtige für mich. Ich wollte mir selbst helfen und jetzt helfe ich anderen. Das erfüllt mich.

Noch eine letzte Frage: Haben Sie Angst, dass Sie mit Ihrem Motivationstraining versagen und die HSG Konstanz am Samstag erneut verliert?

(lacht) Schon wieder ein Test, ich habe verstanden. Nein. An so was denke ich gar nicht. Das ist kein Thema für mich.

Und wenn das Spiel doch verloren gehen sollte?

Dann ist das dennoch ein Schritt auf der Treppe zum Erfolg. Die Chinesen haben ein Sprichwort: Wenn du hinfällst, fall auf den Rücken, dass du nach oben schaust. So muss man denken. Apropos: Sind Sie jetzt motiviert?

Ja, bestens. Danke!

Bitte!

Fragen: Markus Waibel

Zur Person

Tarek Amin wurde in Kairo geboren. Der 50-Jährige war bereits in Ägypten als Karatesportler erfolgreich, war unter anderem Militärweltmeister, Afrikameister und Mittelmeermeister. 1992 kam er nach Konstanz und gründete hier das Champion Kampfkunst & Fitness Dojo. Seit 2012 ist Amin Diplom-Mentaltrainer. Er war unter anderem als Mentalcoach für die Karate-Nationalteams von Österreich, Norwegen, England und Ägypten aktiv. In der Region betreut er mehrere Sportvereine, darunter Fußballer und seit 2014 die Handballer der HSG Konstanz. Tarek Amin hat zwei Söhne, die beide ebenfalls Karatekas sind: Noah (15) und Yasin (21). Letzterer hat bei der Konstanzer Fernseh-Fasnacht im Februar für Furore gesorgt. (mex)