Merle, gerade gelang Ihnen ein hauchdünner Sieg über 1500 Meter. Ihre Taktik war ja wohl, lange im Windschatten der Konkurrenz zu bleiben?

Ich kenne die spätere Zweite recht gut und lange. Ich habe gehofft, dass ich mit ihr zusammen fahren kann und das konnte ich dann ja auch. Und dann habe ich am Ende eben versucht, vorbeizuziehen, was ja auch geklappt hat.

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Bei den Rennradfahrern gilt es nicht als kollegial, länger im Windschatten der Konkurrenz zu bleiben, beim Triathlon ist das sogar verboten. Wie war das in diesem Rennen? Wie reagierte Ihre Konkurrentin?

Man darf in Sachen Windschatten eigentlich alles. Natürlich wäre es besser, wenn man sich abwechselt. Aber da ich jünger bin, hatte sie kein Problem damit. Sie hat auch schon vor dem Rennen gesagt, dass sie für mich fährt und der Rennverlauf war für sie okay.

Merle Menje (links) in Aktion bei den Deutschen Meisterschaften in Singen.
Merle Menje (links) in Aktion bei den Deutschen Meisterschaften in Singen. | Bild: Jürgen Rössler

Welches Handicap haben Sie und wie kamen Sie zum Sport mit dem Rennrollstuhl?

Ich habe eine angeborene Querschnittslähmung. 2011 waren hier die Deutschen Para-Meisterschaften und da hat mich jemand gefragt, ob ich nicht auch mal Lust hätte, einen Rennrutscher auszuprobieren. 2012 habe ich dann meinen ersten Schnupperlehrgang in Köln gemacht. Das hat mir total viel Spaß gemacht und seither bin ich dabei.

Welche Rolle spielen der Sport und Ihre Erfolge im Alltag?

Der Sport gibt mir unglaublich viel. Training und Schule erfordern unglaublich viel Disziplin. Der Sport spielt eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben und gibt mir viel Selbstbewusstsein.

Sie sind noch Schülerin. Wie gehen Ihre Mitschüler mit Ihren Erfolgen um? Registrieren sie, dass Sie hier um Deutsche Meistertitel kämpfen?

Das weiß ich gar nicht so genau, ob die das wissen. Aber nach Erfolgen bekomme ich schon Glückwünsche. Und vielleicht sind sie ja auch ein klein wenig stolz darauf, eine sportlich erfolgreiche Mitschülerin zu haben.

Wie hoch ist Ihr Trainingsaufwand und wie lässt sich das mit der schulischen Belastung im Gymnasium vereinbaren?

Es ist schon ein unglaublicher Aufwand, das unter einen Hut zu bekommen. Doch Schule hat bei mir immer Priorität, denn nur vom Sport werde ich nicht leben können. Ich würde gerne viel mehr trainieren, doch das geht wegen der Schule noch nicht.

Es gibt Nachfragen für TV-Reportagen, gerade eben standen Sie bei einem Interview vor der Kamera – das Interesse ist also da. Schlägt sich das auch in Sachen Sponsoring nieder?

Nein, im Moment noch nicht. Aber es ist unglaublich wichtig für den Behindertensport, dass man zeigt, was da alles gemacht wird. Und vielleicht ergibt sich dann ja auch etwas mit Sponsoren.

Sie sind hier in Singen über mehrere Distanzen, von 100 bis 1500 Meter, am Start. Ist Ihr Sportgerät immer das gleiche oder wird, je nach Distanz, gewechselt?

Nein, der Rennrutscher ist immer der gleiche.

Video: Jürgen Rössler

Das ist ein technisch aufwändiges Sportgerät. Sind die Wettbewerbe auch ein wenig eine Frage des Materials?

Ja, man braucht dafür viel Material, das auch sehr teuer ist. Daher wären Sponsoren auch unglaublich wichtig. Der Rennrutscher allein ist schon sehr teuer.

Im nächsten Jahr finden die Paralympics in Tokio statt. Ist das für Sie ein Ziel?

Die Paralympics sind ein unglaublich hohes Ziel für mich. Davor kommen aber noch andere Schritte, Junioren-Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und erst dann kommen irgendwann die Paralympics. Ich bin jetzt 14 Jahre alt, im nächsten Jahr, wenn die Paralympics in Tokio sind, erst 15. Und mit 15 Jahren darf man noch nicht an den Paralympics teilnehmen.

Also ist Tokio für Sie noch kein Ziel. Aber dann Paris 2024?

In Tokio will ich nächstes Jahr ins Jugendlager gehen. Und für 2024 ist die Teilnahme an den Paralympics mein Ziel. Davor kommen aber noch andere Wettkämpfe und Qualifikationen.

Sie gehen über fünf Distanzen an den Start. Gibt es für Sie einen Schwerpunkt oder sind die Chancen für Sie überall gleich?

Im Moment starte ich von 100 bis 1500, manchmal auch über 5000 Meter. Generell mag ich lieber die langen Distanzen, und ich denke, längerfristig wird das bei mir auch auf die längeren Distanzen hinauslaufen. Aber in meinem Alter wird empfohlen, dass man alle Distanzen absolviert.

Über Ihre Ziele im Sport haben wir gesprochen. Ein anderes Ziel ist das Abitur am Friedrich-Wöhler-Gymnasium. Was für Pläne haben Sie nach dem Abitur abseits des Sports?

Ich möchte nach dem Abitur ein Lehramtsstudium beginnen.

Fragen: Jürgen Rössler