Oh wie ist das schön. Wie schon vor dem Spiel gegen Eisenach legen sich auch diesmal die Konstanzer Fans wieder ins Zeug und sorgen schon vor Anwurf für eine beeindruckende Szenerie. 1650 Zuschauer in der Schänzlehalle schwenken einmal mehr die bereitgelegten gelben und blauen Fahnen. Gelb und blau sind die Farben der HSG Konstanz, das Fahnenmeer steht für die Sehnsucht am Bodensee – nach dem 31:31 im Hinspiel in der Rostocker Stadhalle soll nun der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelingen. Es ist heiß, es ist laut, es ist, wie es sein soll. „Das ultimative Endspiel“, wie es HSG-Torjäger Paul Kaletsch im Vorfeld der Partie formuliert hatte, kann beginnen.

Um 20.01 Uhr hat der Gegner Anwurf. „Hebet se, hebet se“, schreien die gelbblauen Fans im Stakkato, was in Restdeutschland so viel heißt wie: Haltet sie, haltet sie! Und die Jungs von Trainer Daniel Eblen halten die Rostocker, ein ums andere Mal fährt eine Konstanzer Hand den Ostdeutschen in den Angriff. Den ersten Wurf blockt Fabian Wiederstein, im Tempogegenstoß besorgt Samuel Wendel das 1:0. Beim zweiten Empor-Angriff stiehlt Fabian Schlaich den Ball, im Gegenangriff macht Felix Krüger das 2:0. So könnte es weitergehen aus HSG-Sicht, tut es aber erst mal nicht. Rostock kommt auf, gleicht aus und hält elf Minuten dagegen. 5:4 für die Konstanzer steht es da – und die kommen nun auf Touren.

Fabian Schlaich (HSG) gegen Tim Völzke (HC).
Fabian Schlaich (HSG) gegen Tim Völzke (HC). | Bild: Peter Pisa

Hinten steht der Abwehrverbund grandios. Und was durchkommt, wird immer öfter zur Beute von Torhüter Simon Tölke. Ja, der Mann mit der Nummer 12 im HSG-Kasten hatte in dieser Relegation noch keinen.Sonnentag erwischt, doch dass er viermal in Serie kein echter Faktor für die Mannschaft sein kann, das gibt‘s nicht. Bis zur Halbzeit parierte Tölke neun Würfe (!), darunter einen Siebenmeter. Selbst ein Kopftreffer von Rostocks Linksaußen Michael Höwt kann Tölke an diesem Abend nichts anhaben. Und seine Vorderleute erhöhen den Vorsprung kontinuierlich bis zum sagenhaften Halbzeitergebnis von 15:9. „Wir müssen die Stimmung als Düsenantrieb nutzen“, hatte Paul Kaletsch gesagt. Das klang gut, aber wie das umgesetzt wurde, war schlicht perfekt.

Michael Stotz (HSG) beim Wurf aufs Rostocker Tor.
Michael Stotz (HSG) beim Wurf aufs Rostocker Tor. | Bild: Peter Pisa

Auch Durchgang zwei beginnt nach Plan. Noch nicht mal vier Minuten sind vorbei, da muss Empor-Trainer Till Wichers nach vier Konstanzer und nur zwei eigenen Toren schon eine Auszeit nehmen. Aber es nützt alles nichts, den Rostockern fällt nichts, aber auch gar nichts ein gegen diese wie aus einem Guss aufspielenden Gastgeber. Über 19:12 geht‘s weiter, bei 22:12 sind es zehn Tore Differenz, Wichers nimmt in der 37. Minute die zweite Auszeit – unglaublich.

Paul Kaletsch (HSG) kämpft sich gegen Philipp Asmussen (HC) durch die Abwehr.
Paul Kaletsch (HSG) kämpft sich gegen Philipp Asmussen (HC) durch die Abwehr. | Bild: Peter Pisa

Und Simon Tölke hält und hält und hält – doch nicht nur das. Kurz nachdem der Ball wieder im Spiel ist, wirft er selbst das 21:12. Nach 41 Minuten heißt es 25:13. Rostock versucht es jetzt mit offensiver Deckung und nimmt bei jedem Angriff zugunsten eines siebten Feldspielers den Torwart heraus – und erzielt ein wenig Wirkung. Nach 44 Minuten ist die Führung der Gelbblauen auf neun Tore geschrumpft (26:17). Das Spiel verliert seine Linie, aber das ist ja nun gewollt von den Gästen. Für Daniel Eblens Mann heißt es cool bleiben. Nach 48 Minuten lautet der Zwischenstand 28:19, jetzt nimmt Eblen die erste Auszeit. Vorläufig ohne zwingendes Ergebnis. Tom Wolf wirft übers Tor, der Bank unterläuft ein Wechselfehler, nur noch 28:20.

HSG Torhüter Simon Tölke in Aktion.
HSG Torhüter Simon Tölke in Aktion. | Bild: Peter Pisa

Nur noch? Alles, was recht ist, zur Halbzeit waren es sechs Tore Vorsprung, jetzt sind es acht – kein Grund für Nervosität, auch wenn das vogelwilde Hin und Her kaum mehr Spaß bereitet. 30:22, 31:23, die Gäste schnuppern daran, den Abstand auf sieben Treffer zu verringern. Nach 54 Minuten schaffen sie es (31:24), aber ihnen ist längst die Zeit davongerannt- zumal Tölke in der 56. Minute seine 14. Parade hinlegt.

Matthias Hild besorgt das 32:24, danach wird‘s ganz schlimm. Ein Durcheinander, das mit Handball nur noch wenig zu tun hat. Die Rostocker kommen bis zum Ende auf vier Tore heran, dürfen sich, wenn sie denn wollen, darüber freuen, dass sie die zweite Halbzeit mit 20:18 gewonnen haben. Aber, und das ist das wichtigste: Mit 40 großartigen Minuten bis zur vorzeitigen Entscheidung beim 25:13 hat die HSG Konstanz auch mit einem 33:29 das große Ziel erreicht: zurück in der 2. Bundesliga, und das total verdient.

Relegationsspiel HSG Konstanz – HC Empor Rostock 33:29.
Die Spieler der HSG lassen ihrem Freudenjubel freien Lauf. | Bild: Peter Pisa

Es darf angenommen werden, dass die Konstanzer Handballer nach nötigem Duschgang in eine Nacht ohne Grenzen eingetaucht sind.. Und bald darauf werden dann auf Mallorca die Korken knallen, wo die Konstanzer Handballer dann auf die Erstligaaufsteiger aus Balingen-Weilstetten mit dem Ex-HSG-ler Gregor Thomann treffen werden. Der hatte übrigens vor der Partie seinen Kumpels vom See die besten Wünsche geschickt und war total überzeugt, dass sie den Sprung in Liga zwei schaffen werden. So geht Verbundenheit – wer einmal am See war…

Relegationsspiel HSG Konstanz – HC Empor Rostock 33:29.
Die siegreichen Spieler der HSG Konstanz | Bild: Peter Pisa

HSG Konstanz: Tölke (15 Paraden/1 Tor), M. Wolf – Stotz, Schlaich (3), Hild (5), T. Wolf (2), Wiederstein (3), Kaletsch (9/5), Krüger (4), Maier-Hasselmann, Mauch, Braun (1), Jud (2), Keupp, Wendel (3), S. Löffler. – Zuschauer: 1650.