Fußball: Sich in einer neuen Heimat zurechtfinden ist nicht leicht. Durch den Sport gelingt Integration im neuen Umfeld meist schneller. Die Sprache wird schneller erlernt, man lebt ja nicht in einer Parallelgesellschaft. Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit werden im Trainings- und Spielbetrieb fast nebenbei erworben. Ein Beispiel für eine überaus gelungene Integration, in der Sport eine wichtige Rolle gespielt hat, ist die Sportbiografie des neuen Torhüters des Oberligisten FC 08 Villingen, Andrea Hoxha.

Mutters Tipp mit dem „roten Platz“

Hoxhas Eltern wanderten von Albanien ins nahe Italien, wo er und sein älterer Bruder Denis, der heute beim FC Singen 04 spielt, geboren wurden. Sie lernten später ambitioniert beim Partnerclub des Serie-A-Vereins Brescia Calcio das Fußball-ABC. Andrea zunächst auf dem rechten Flügel. Als sich der Torhüter verletzte, übernahm er diese Rolle. „Das war ein Tipp von meinem Vater und es lief gut“, blickt Hoxha zurück. Vor fünf Jahren bekam die Mutter eine Arbeitsstelle in Konstanz und nach kurzer Zeit folgte die Familie an den Bodensee – in eine neue, fremde Heimat. Doch die Mutter hatte einen Tipp. Sie hatte den „roten Platz“ am Seerhein entdeckt. Seit Generationen in Konstanz die Institution für den klassischen Straßenfußball. Hier setzten sich die technisch versierten Brüder rasch durch. „Ich habe immer noch Freunde, die ich dort kennengelernt habe“, betont Andrea Hoxha die sportliche und soziale Rolle des zwanglosen Kicken. Durch persönliche Kontakte ging es zum AS Calcio Kreuzlingen, Denis in die A-, Andrea in die B-Jugend. Rasch rückte der Keeper mit den starken Reflexen in die A-Jugend auf.

FC Radolfzell, der nächste Schritt

Der nächste, fast logische Schritt der beiden führte zum FC Radolfzell. Auf der Mettnau wird Nachwuchsschulung groß geschrieben. Denis hatte es aufgrund seines Alters, aber auch wegen seiner Spielposition im Mittelfeld und der zentralen Abwehr etwas leichter, sich durchzusetzen und Stammspieler in der Verbandsliga zu werden. Aber auch Andrea spielte sich nach einem halbjährigen Ausflug zum FC Kreuzlingen in den Blickpunkt und kam als A-Jugendspieler schon regelmäßig in der Radolfzeller Verbandsligamannschaft zum Einsatz.

Talent führt beinahe in Sackgasse

Da führte ihn sein Talent fast in eine Sackgasse: Der FC Radolfzell gewann zurecht den Eindruck, dass das Gastspiel Hoxhas auf der Mettnau nur eine kurze Episode werden könnte. Daher wollte er Hoxhas Rivale um die Position der Nummer 1 im FC-Tor nicht demotivieren, mit der Konsequenz, eine Art Jobsharing-Modell zu praktizieren. Letztlich ging der Verein sogar so weit, Ende der Saison 17/18 dem jungen Torhüter zu signalisieren, dass er ohne ihn plane. Die Lage vor genau einem Jahr also: Ein junger Torhüter, gerade aus dem A-Jugendalter heraus, mit Talent, aber ohne Club.

Scout entdeckt Andrea

Kurzfristig schien es beim Landesligisten SG Dettingen/Dingelsdorf weiterzugehen, ehe sich der FC Winterthur bei ihm meldete. Beim Schweizer Challengue-League-Club hatte der zweite Torhüter der U 21 plötzlich den Verein gewechselt. Und dann ging es auf einmal sehr schnell. Schon bald war Hoxha nicht mehr die Nummer 2 im Tor der U 21, sondern die Nummer 1, und zudem immer wieder auch im Training des Profikaders. Im Herbst stand das Spiel gegen den FC Baden auf dem Programm. Auf der Tribüne ein Scout des albanischen Fußballverbands, der eigentlich einen Mitspieler von Hoxha unter die Lupe nehmen wollte. Hoxha überzeugte und als der Scout erfuhr, dass dieser Torhüter albanischer Staatsbürger ist, flatterte schon bald eine Einladung für einen Lehrgang der albanischen U-21-Nationalmannschaft ein.

Vor wenigen Wochen, am 7. Juni 2019, das Debüt und ein überraschendes 2:2 in Istanbul gegen die Türkei – nicht zuletzt aufgrund des albanischen Torhüters. „Danach gab es noch zwei Freundschaftsspiele, bei beiden stand ich im Tor“, hofft Hoxha, damit dicht an einem Stammplatz zu sein.

Generationswechsel in Villingen steht bevor

Dies erhofft er sich auch vom Vereinswechsel von Winterthur zum ambitionierten Oberligisten FC 08 Villingen. Arbeitsrechtliche Gründe hatten dazu geführt, dass ein weiteres Engagement in der Schweiz kaum mehr möglich war. Die Villinger Nummer 1, Christian Mendes, hatte mit einigen Paraden gehörig Anteil am Villinger Einzug in den DFB-Pokal, und er hat mit seinen 46 Jahren gute Chancen, demnächst der älteste je im DFB-Pokal eingesetzte Torhüter zu werden. Dennoch steht ein Generationswechsel im Villinger Gehäuse an. „Ich freue mich auf die neue Herausforderung“, sagt Andrea Hoxha, und will sich in Villingen ebenso wie in der albanischen U 21 durchsetzen. Für einen 19-jährigen Keeper keine schlechte Ausgangslage.