Herr Lüttin, mit 80 Jahren sollte doch auch für einen positiv Handball-Verrückten der Ruhestand möglich sein, oder?

Solange mir das vom Schreibtisch aus noch möglich ist, mische ich noch etwas mit, schließlich habe ich viele Kontakte. Aber sollte der SV Allensbach demnächst in die 2. Liga aufsteigen, dann würde ich mich zwar freuen, aber das könnte ich dann nicht mehr meistern.

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Datum : 02.05.2019
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Ohnehin müsste da sportlich und wirtschaftlich alles stimmen, denn ein sofortiger Abstieg könnte fatal werden, da dann normalerweise viele Spielerinnen den Verein verlassen würden. Da habe ich die größte Bewunderung für die HSG Konstanz, wie die das schon wieder hingekriegt haben, vorne dabei zu sein.

Sie haben im Mai 1980 als Radolfzeller den damaligen Oberliga-Absteiger SV Allensbach als Trainer übernommen. Wie kam es dazu?

Das war eine ganz wirre Geschichte. Ich war in Radolfzell Präsident und Abteilungsleiter der Handballer. Und als in Radolfzell 1972 die Halle neu gebaut wurde, haben wir eine Saison in der Allensbacher Bodenrückhalle gespielt. Daher kamen die Kontakte. Und eines Tages kamen die Mädels vom SV Allensbach und haben mich gefragt, ob ich sie trainieren würde. Das machte ich dann parallel zum Engagement in Radolfzell.

Ab wann ahnten Sie, was mit dem Club möglich war?

Ach, das war zu Beginn ein Drama. Die Mannschaft war ja gerade aus der Oberliga abgestiegen und dann habe ich gesagt, ich mache das unter der Voraussetzung, dass wir wieder aufsteigen. Dann haben die Mädels gesagt, sie müssten erst darüber abstimmen. Daraufhin war für mich die Sache eigentlich erledigt, aber sie haben mich zurückgeholt und gesagt, dass sie mitziehen. Wir sind dann ohne Minuspunkt aufgestiegen. Nach zwei Jahren Oberliga sind wir in die damalige Regionalliga Süd aufgestiegen. Es folgte gleich der Abstieg, wieder ein Aufstieg, erneut ein Abstieg und nach dem dritten Aufstieg gelang uns der Durchmarsch in die 2. Bundesliga. Ich war 18 Jahre am Stück Trainer, und wir waren mit 24 Jahren am Stück in der 2. Bundeliga die dienstälteste Zweitliga-Mannschaft Deutschlands.

1989 führten Sie das Allensbacher Team in die 2. Bundesliga und etablierten es in der damals zweigleisigen Liga. Was waren die Faktoren für diese sportliche Konstanz?

Der springende Punkt war zunächst, dass wir einen Gönner aus Dortmund hatte, der mir sagte: „In fünf Jahren spielt Ihr in der 2. Bundesliga!“. Wir haben das dann nach drei Jahren schon geschafft. Und dann hatten wir auch immer gute Nachwuchsspielerinnen und kontinuierlich eine gute Mannschaft, standen meist im Mittelfeld – einmal sogar in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga.

Waren die Qualifikationsspiele gegen Borussia Dortmund 2008 Ihr größter Erfolg?

Das war es mit Sicherheit. Die Spiele vor über 1200 Zuschauern in Allensbach, bei denen in der Halle kein Fleckchen mehr frei war, waren ein Riesenevent, auch für die Region. Wir waren ja zeitweise die einzige Zweitligamannschaft in Baden-Württemberg.

Und der schwärzeste Moment?

Vor etwa 20 Jahren, als wir aus wirtschaftlichen Gründen, um den Spielbetrieb finanzieren zu können, die HSA gegründet haben, die aus dem SV Allensbach ausgegliedert wurde. Damals drohte das Abgleiten in die Oberliga, das war eine schwere Zeit. Aber das Konstrukt SVA und HSA hat sich gut entwickelt.

Projekte wie der Superball tragen mit Ihre Handschrift. Worauf sind Sie besonders stolz?

Ja, da waren wir, Otto Eblen von der HSG und ich, lange dran, konnten uns aber nicht ganz einig werden. Aber nach dem ersten Superball war klar, dass wir weitermachen mussten. Uns hat der Superball auch einmal den Klassenerhalt gerettet, denn dank der Atmosphäre gelang uns ein sensationeller Sieg gegen den Tabellenführer Neckarsulm. Und jetzt freuen sich unsere Spielerinnen und die Spieler der HSG immer riesig auf den Superball.

2015 zogen Sie sich von der vordersten Handball-Front zurück. Fiel das Loslassen schwer nach über drei Jahrzehnten?

Die Zeit war reif und es war geplant – vielleicht nicht ganz so abrupt. Aber als Ehrenvorsitzender mache ich ja noch einiges im administrativen Bereich. Ich unterstütze die Vorstandschaft und bin immer noch „Mister Skoda-Cup“.

Fragen: Jürgen Rössler