Die Paul Pietsch Classic ist durch den Schwarzwald gefahren. Auf 536,61 Kilometer hat die Rallye-Familie so einiges erlebt. Kurz vor dem Start sammelten sich die Teilnehmer vor der Reithalle in Offenburg.
 

 


Mit dabei im mintgrünen VW Golf I Cabriolet: Rennfahrer Mario Ketterer und SÜDKURIER-Redakteurin Stephanie Jakober.

 

Willkommen in der Rallye-Familie

Ein großes Hallo: In die Rallye-Familie wird man ganz schnell aufgenommen. Schließlich haben alle eine gemeinsame Leidenschaft: die Liebe zum Auto.

Zwei Tage quer durch den Schwarzwald: Da erleben während der Paul Pietsch Classic selbst Einheimische so manche Überraschung. Zwar wird alles auf öffentlichen Straßen gefahren, doch Karl Wolber vom ADAC Südbaden findet immer die schönsten Straßen, abseits der großen Touristenrouten. Einsame Täler, Höhenstraßen mit wahnsinnigem Ausblick, idyllische Dörfchen – zwischen dem Start und Ziel Offenburg lernen die Teilnehmer auf ihrer Reise quer durch den Schwarzwald versteckte Plätze kennen: Denn wer war schon mal in Igelsloch, Büchenbronn oder Hundsbach.

 

Selten ist eine Strecke gerade

Kurven reihen sich aneinander und es geht mal Berg ab und dann mal wieder hinauf. Während die Teilnehmer aus dem Norden schwärmen, stellt so mancher regionale Fahrer fest: Die eigene Heimat ist doch wunderschön. Der erste Tag führt die Rallye-Familie in den Süden und am zweiten Tag ging es hoch bis nach Pforzheim.

Dabei spielt natürlich auch der Namensgeber der Rallye immer eine Rolle. So war auch ein Ziel Titisee-Neustadt, wo der Rennfahrer lange gelebt hat und auch seine Kinder sind hier aufgewachsen. Mit Peter-Paul Pietsch und Patricia Scholten fahren stets auch Nachkommen des Rennfahrers bei der Paul Pietsch Classic mit.

Die Rallye auf den Spuren des Rennfahrers

Als erstes Fahrzeug der Rallye sind Peter-Paul Pietsch und Patricia Scholten in einem Bugatti Typ 35 unterwegs. In genau so einem Fahrzeug begann der Vater nämlich 1931 seine Karriere. Für die Kinder ein ganz besonderes Erlebnis. "Es ist sehr emotional. Schließlich hat unser Vater uns früher immer Geschichten von seinen Rennen erzählt", sagt Scholten. Aber der Namensgeber ist überall zu entdecken. Der Mercedes-Benz 600 SEC (Baujahr 1992), in dem zwei Luxemburger sitzen, gehörte Pietsch. Und auch der Enkel Patrick fährt im Porsche 911 Turbo (Baujahr 1976) mit. Der Porsche des Pietsch-Klans hat 260 PS unter der Haube, doch bei der Rallye geht es nicht um Geschwindigkeit.

Einen Stempel bitte

Auf die Teilnehmer warten die unterschiedlichsten Aufgaben, wie beispielsweise Stempel sammeln. Bei den Durchfahrtskontrollen muss sich jedes Team einen Stempel abholen. Und auch sonst gibt es einiges zu tun. Der Rallye-Tag ist geprägt vom Roadbook. Mit ihm finden die Teilnehmer den Weg durch den Schwarzwald und erfahren, welcher Wertungsprüfung sie sich als Nächstes stellen müssen und wo sie zu welcher Uhrzeit ankommen sollten. Und damit es dann nicht ganz so langweilig wird, gibt es auch noch geheime Wertungsprüfungen, die nicht im Roadbook zu finden sind. Und so ist bei der Rallye nicht nur der Fahrer gefragt, sondern es kommt in erster Linie auf den Beifahrer an. "Das Gehirn sitzt links", lautet eine der Rallye-Weisheiten. Und noch etwas ist ganz wichtig: Bei der Fahrerprüfung betont Harald Koepke, Organisationsleiter Classic Rallyes bei der Motor Presse Stuttgart, dass die Teilnehmer auf öffentlichen Straßen unterwegs sind und die Straßenverkehrsordnung gilt. Und so wird auch derjenige mehr bestraft, der zu schnell an den regelmäßig stattfindenden Zeitkontrollen eintrifft.

Stoppuhr und Gaspedal

Bei den Wertungsprüfungen kommt es nicht auf die Sekunde an: Denn hier entscheiden meist die Nachkommastellen. 300 Meter in 37 Sekunden, 120 Meter in 24 Sekunden und dann noch 70 Meter ins zwölf Sekunden und beide Strecken müssen zeitgleich beendet sein. Während Mario Ketterer über das Gaspedal die Geschwindigkeit steuert, zählt ich die Sekunden. Den Blick immer auf die Stoppuhr gerichtet. Bei Wertungsprüfungen auf Schotter gar nicht so einfach, den Zeiger im Blick zu halten. Doch hier zählt Genauigkeit. Das Ziel: Im richtigen Moment die Lichtschranke und den Schlauch auslösen. Und selbst das ist ein großer Unterschied, wie die Zeit gemessen wird. Denn der Schlauch wird vom Reifen ausgelöst und die Lichtschranke vom Stoßfänger. Ein paar Zentimeter, die berücksichtig werden müssen. Und auch wenn's dieses Mal nicht ganz so super läuft, Spaß haben wir auf jeden Fall.

Bild: Stephanie Jakober

Denn das Rallye-Fieber ist ansteckend

Schon jetzt haben viele der Teilnehmer den Termin für nächstes Jahr schon ganz dick im Kalender notiert, denn wenn sich die Rallye-Familie wieder trifft, dann möchten viele dabei sein. Sogar Ehen wurden hier schon in die Wege geleitet: So haben sich beispielsweise Otto Ferdinand Wachs, Geschäftsführer der Autostadt, und die Schauspielerin Katharina Schubert bei einer Rallye kennengelernt – mittlerweile haben sie geheiratet.

Emotionen pur – auch am Streckenrand

Das ist bei Weitem nicht die einzig emotionale Geschichte. Viele der Zuschauer, die am Straßenrand und bei der Zieleinfahrt in Offenburg standen, haben ganz persönliche Verbindungen zu den Fahrzeugen. Der Traumwagen der Jugend, das erste eigene Auto und vieles mehr: Stundenlang harrten sie am Straßenrand, um die Automobilgeschichte vorbeifahren zu sehen. Immer wieder erkennen die Leute Mario Ketterer. Schließlich ist er in der Region zu Hause und gerade die Älteren erkennen sich noch an die Bergrennen am Schauinsland, wo er den ewigen Rekord hält.

Kurioses mitten im Nirgendwo

Manchmal läuft es einfach nicht, doch gerade dann werden die lustigen Rallye-Geschichten geschrieben. So ging es uns am zweiten Rallye-Tag: Den ganzen Tag über wollten wir schon ein Eis essen. Doch nirgendwo gab es entlang der Rallye-Strecke die Möglichkeit. Und dann kam 14 Kilometer vor dem Ziel auch noch Pech hinzu. Kurz die falsche Strecke gewählt, dann hängt sich der Gaszug aus, mit Müh' und Not haben wir es noch geschafft, das Cabrio auf den Feldweg zu dirigieren.

Idyllisch unter dem Kirschbaum den Pannenservice der Autostadt verständigt. Jetzt heißt es warten, denn während die Jungs bei einer Panne auf der Strecke gleich da sind, müssen sie uns nun suchen. Und so gewöhnen wir uns langsam an den Gedanken, dass das mit dem Zieleinlauf in Offenburg wohl nichts mehr wird. Doch plötzlich fährt ein Eis-Wagen ums Eck. Auf heftiges Winken hält er und endlich gibt es das langersehnte Eis. Als dann auch noch die beiden rettenden Engel Harry Wolf und Dieter Thoma das Problem mit dem Gaszug mit einem Kabelbinder lösen, steht der Zieleinfahrt nichts mehr im Wege. Wenn auch mit reichlicher Verspätung.