300 Millionen Franken an Solidaritätsbeiträgen hat der Schweizer Bund für die Entschädigung ehemaliger sogenannter Verdingkinder genehmigt. Ende März ist die Meldefrist abgelaufen. Jetzt steht fest: Im Aargau haben sich bislang rund 400 Betroffene gemeldet. Doch bis alle Gelder ausbezahlt worden sind, dürfte es bis ins Jahr 2021 dauern.

Sie wurden Opfer von Gewalt und Ausbeutung, verkauft und missbraucht – Verdingkinder. Für Menschen, die von sogenannten fürsorglichen Zwangsmaßnahmen betroffen waren, hat der Bund 300 Millionen Franken genehmigt. Davon sollen Solidaritätsbeiträge gezahlt werden, als Entschuldigung. Pro Person beläuft sich dieser Beitrag auf maximal 25 000 Franken. Um das Geld zu erhalten, mussten Betroffene bis Ende März Gesuche beim Bund einreichen.

Antoinette Burkhalter arbeitet bei der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau-Solothurn. Sie sagt, wie viele Gesuche aus dem Aargau nach Bern gesandt wurden: "Wir haben 300 Personen persönlich beim Ausfüllen der Dokumente unterstützt, weitere 100 haben sich telefonisch bei uns gemeldet." Sie geht aber davon aus, dass nicht alle Betroffenen ein Gesuch eingeschickt haben.

Zu den Betroffenen gehört die 71-jährige Theresia Rohr aus Rheinfelden. Sie erklärt, warum sich wohl nicht mehr Betroffenen gemeldet haben: "Die Hemmschwelle sich als Verdingkind zu outen, ist bei vielen unglaublich hoch. Es ist schwer, sich für das Gesuch mit einer lang verdrängten Vergangenheit auseinanderzusetzen." Das Angebot der Opferhilfe war für sie eine große Erleichterung: "Ohne Hilfe hätte ich es nicht geschafft, das Gesuch vollständig auszufüllen." Es mussten Akten gesucht und Beweise gesammelt werden – Rohrs Daten waren über sechs verschiedene Gemeinden verstreut. Für Personen, die nicht mehr mobil sind, sei diese Recherchearbeit unmöglich, betont sie. "Antoinette Burkhalter half auch hier und hatte zudem immer ein offenes Ohr."

"Höchste Zeit" sei es laut Theresia Rohr, dass der Bund das Thema Verdingkinder öffentlich diskutiert. Das sagte sie der "Aargauer Zeitung" im August 2017. Damals meinte sie auch: "Mit der Entschuldigung des Bundesrates erhielt ich meine Würde zurück. Und mit dem Abschicken meines Gesuchs habe ich auch den Stempel des Verdingkindes abgegeben."

Rohrs Gesuch liegt nun seit Januar beim Bund. Doch einfach durchatmen und abhaken, so, wie sie es sich gewünscht hat, könnten sie und andere Betroffene trotzdem nicht. Rohr engagiert sich im Verein "Netzwerk Verdingt". Dort wurde Kritik laut, dass der Bund nur ein Minimum an Mitarbeitern damit beschäftige, Gesuche zu prüfen. Damit wolle man die Auszahlung der Solidaritätsbeiträge in die Länge ziehen. Wartezeiten seien vor allem für finanziell schwache Personen ein großes Problem, sagt sie. Auch sei unklar, welche Prioritäten der Bund bei der Zustellung der Gelder setzt.

Eine Nachfrage bei Reto Brand, Leiter des Fachbereichs für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen, zeigt: "Wir wurden in den letzten Wochen mit Gesuchen überschwemmt, knapp 9000 wurden aus der ganzen Schweiz eingereicht", sagt Brand. "Damit haben wir nicht rechnen können, im Oktober waren es erst rund 3000." Um die "sich türmenden Gesuche" zu bewältigen, wurden Hilfskräfte rekrutiert und weitere würden dazukommen.

Das Problem: "Viele Gesuche sind oft unvollständig, manche bestehen gar nur aus Datum, Antrag und Unterschrift." Das reiche nicht aus, um die "Opfereigenschaft glaubhaft zu machen", sagt Brand. "Wir müssen im Nachhinein viel recherchieren und prüfen, nochmals mit den Leuten reden und Akten beschaffen lassen." Vollständige Dossiers seien eher selten.