In der schweizerischen Stadt Baden kam es vergangenen Herbst zu einem antisemitischen Vorfall, nun werden Details bekannt. Jugendliche umstellten einen als orthodoxen Juden erkennbaren Mann, bespuckten und beschimpften ihn.

Ein makaberer Zufall: Es geschah ausgerechnet am 26. Oktober, als im Badener Kulturhaus Royal der Film „Jud Süß“ aufgeführt wurde, ein antisemitischer Nazi-Propagandafilm aus dem Jahr 1940. Die Organisatoren der Filmreihe „Royal Scandal Cinema“ ließen die Zuschauer nicht uninformiert zurück, ein Professor für Geschichte ordnete den Film ein. Am selben Herbstabend kam es in Baden zu einem antisemitischen Vorfall.

Jugendliche umstellten einen als orthodoxen Juden erkennbaren Mann, bespuckten und beschimpften ihn als Abschaum. Der Vorfall ist zwar schon einige Zeit auf der Internetseite des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) dokumentiert, blieb aber bis vor wenigen Tagen von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt. Eine Boulevardzeitung erwähnte den Vorfall dieser Tage in einem Artikel über judenfeindliche Vorfälle in der Schweiz. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund liefert auf Anfrage weitere Details zum Vorfall in Baden.

Ein Bekannter des Angegriffenen, der die Attacke beobachtete, eilte dem orthodoxen Juden zu Hilfe und schaffte es, die Situation zu deeskalieren. Das Opfer verzichtete schließlich auf eine Anzeige bei der Polizei, berichtete über den Vorfall aber bei der SIG-Meldestelle für antisemitische Vorfälle.

Josef Bollag, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Baden, hat Kenntnis von dem Vorfall und sagt: „Es handelt sich beim Opfer um ein Mitglied unserer Gemeinde. Antisemitische Vorfälle in dieser extremen Form sind mir keine weiteren bekannt, ich würde von einem Einzelfall sprechen. Insgesamt aber hat der Antisemitismus auch in unserer Region in den vergangenen rund fünf Jahren zugenommen, vor allem in sozialen Medien hat sich das Problem verschärft.“

Judenfeindlichkeit tauche immer wieder in Wellen auf, etwa wenn in Medien negativ über Israel berichtet werde. Zwar seien die Juden in Baden vollständig integriert, im Gegensatz zu seiner Jugendzeit, als auch in der Stadt ein gewisser Grundantisemitismus geherrscht habe. Und doch verzichte er darauf, die Kippa zu tragen, die jüdische Kopfbedeckung, wenn er durch die Stadt laufe, sagt Josef Bollag. „Dies, um nicht zu provozieren.“

Nach dem gewaltsamen Tod einer Holocaustüberlebenden in Paris im März – die Staatsanwaltschaft spricht von einem antisemitischen Verbrechen – wird in Frankreich über islamistisch geprägten Judenhass diskutiert. Ein Thema, das auch die Menschen in der Schweiz beschäftigt.

Im neuesten Antisemitismusbericht schreibt der SIG: „Bei Hassreden in den sozialen Medien kann aufgrund der registrierten Profile festgestellt werden, dass es sich um überdurchschnittlich viele User mit muslimischem Hintergrund handelt.“ Dass es sich bei den Tätern des Vorfalls in Baden um Migranten handelte, wie in Medien zu lesen war, kann der SIG nicht bestätigen. Der Mann allerdings, der zu Hilfe eilte, habe einen Migrationshintergrund, heißt es auf Anfrage.