Mit zwei überaus unterschiedlichen Ausstellungen eröffnet das Kunsthaus Aargau in Aarau das Jahr: Im Erdgeschoss gibt es die Schau „Big Picture. Das große Format“. Sie zeigt monumentale Kunstwerke, riesige Leinwände und raumfüllende Installationen. Zeitgleich wird im Untergeschoss „Kunst im Verborgenen“ im Stil der „Art Brut“ gezeigt. So nannte der französische Maler und Sammler Jean Dubuffet Kunst, die im Unterbewusstsein entsteht. Er vermachte seine Sammlung 1971 der Stadt Lausanne. Sie zeigt eine Kunst, die sich im vergangenen Jahrhundert von akademischen Vorbildern loslöste und im Verborgenen entstand – etwa in Krankenhäusern, Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken.

"Portrait von Monika" nennt Markus Raetz dieses reisige Acrylbild auf Baumwolle.
"Portrait von Monika" nennt Markus Raetz dieses reisige Acrylbild auf Baumwolle. | Bild: Rosemarie Tillessen

Doch zunächst zu den „Big Pictures“: Man sollte diese monumentalen Werke vielleicht einfach bestaunen und sich treiben lassen: Da gibt es etwa das riesige, farbexplosive Bild „Baum“ von Miriam Cahn. Oder das monumentale Fotoalbum von Fiona Tan, das aus 254 Buntfotos der 60ger Jahre besteht, die sie wie eine Liebeserklärung an die Schweiz zum Gesamtwerk „Vox Populi Switzerland“ an die Wand heftet. Oder die prall erotischen Fotos von Hannah Villiger, die sie zum zwölfteiligen Block zusammenstellt. Oder das höchst humorvolle Video von Zilla Leutenegger „Der Mann im Mond“, in dem sie selbst in karger Mondlandschaft in hohem Bogen in einen Krater pinkelt und dabei die Melodie „Spiel mir das Lied vom Tod“ pfeift und damit ironisch auf die Eroberung des Weltraums reagiert.

Ein Ölbild ohne Titel von Walter Arnnold Steffen aus der Ausstellung „Kunst im Verborgenen“.
Ein Ölbild ohne Titel von Walter Arnnold Steffen aus der Ausstellung „Kunst im Verborgenen“. | Bild: Rosemarie Tillessen

„Big Picture“ kann aber auch „Überblick über ein ganzes Projekt“ bedeuten: Dazu gehört natürlich das berühmte tragbare Koffermuseum von Marcel Duchamp mit vielen seiner verkleinerten Kunstwerke. Ähnliches findet man auch bei Ben Vautier oder Augustin Rebetez. Überaus reizvoll ist auch eine riesige Zauberlandschaft von Didier Rittener, in die er mit Bleistift 19 Bildausschnitte von berühmten Meisterwerken aus der Kunstgeschichte zeichnet. Es gibt viel zu staunen in dieser überraschenden und vielseitigen Schau. Besonders sehenswert ist das „Chambre de lecture“, in dem Markus Raetz 462 bewegliche Profile von menschlichen Gesichtern aus Eisendraht von der Decke schweben lässt.

Das Ölbild "Exotic Vintage Dancer" von Pascal Danz.
Das Ölbild "Exotic Vintage Dancer" von Pascal Danz. | Bild: Rosemarie Tillessen

Im Kontrast zu diesem Programm steht die „Kunst im Verborgenen“ der Art Brut im Untergeschoss: Hier besticht vor allem Adolf Wölfli, dessen ornamentalen, üppigen Zeichnungen ein ganzer Raum gewidmet ist. Beklemmend skurrile Typen gibt es bei Heinrich Anton Müller, Walter Arnold Steffen und anderen. Wie gut, dass aufmerksame Ärzte diese Kunst der (psychisch) Kranken gesammelt und der Nachwelt erhalten haben. Hier wurde Kunst zur heilsamen Medizin.

Eine Zeichnung von Heinrich Anton Müller aus der Ausstellung "Kunst im Verborgenen".
Eine Zeichnung von Heinrich Anton Müller aus der Ausstellung "Kunst im Verborgenen". | Bild: Rosemarie Tillessen