Im Aargauer Kunsthaus ist die neue Ausstellung „Surrealismus Schweiz“ eröffnet. Zunächst einmal ist der Besucher beim Rundgang von der Fülle wie erschlagen: Die Ausstellung erstreckt sich über das gesamte Erdgeschoss und zeigt in 16 Räumen, teils dicht gehängt, 400 auserlesene Kunstwerke von rund 60 Schweizer Künstlern. Gastkurator Peter Fischer regte bei der Eröffnung an: „Genießen Sie einfach die Lust am Sehen. Man sollte hier mehr Schauen als Denken. Tauchen Sie ein in eine verführerische, geheimnisvolle und manchmal beunruhigende Welt.“

Jean Violliers "Méditations genevoises".
Jean Violliers "Méditations genevoises". | Bild: Rosemarie Tillessen

Zunächst beginnt sie mit einem historischen Rückblick auf die surrealistische Bewegung, die 1924 von André Breton in Paris begründet wurde. Bald schlossen sich ihr auch Schweizer Künstler an, die sich von dem konservativen Kunstklima der Schweiz in den 30er Jahren lösen wollten. Dazu gehörten die Vorreiter Hans Arp und Paul Klee, beide aus Deutschland, aber auch fortschrittliche Künstler in Zürich und Basel, wie etwa die dortige Gruppe 33 und andere Avantgardisten und Konstruktivisten.

Auch das Werk „Schlangenzauber“ von Max von Moos ist Teil der Ausstellung in Aarau.
Auch das Werk „Schlangenzauber“ von Max von Moos ist Teil der Ausstellung in Aarau. | Bild: Rosemarie Tillessen

Schnell fanden sie eigene Wege. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als die eigentliche Blütezeit des Surrealismus vorbei war, beeinflusst er doch – in Aarau wird das besonders deutlich – auch weitere Künstler bis heute. Das wird beispielhaft präsentiert – etwa an Arbeiten von Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, Dieter Roth, Alberto Giacometti und vielen anderen. Dafür wurden ihre Werke in Aarau – so Kurator Fischer – nicht chronologisch angeordnet, sondern speziell atmosphärisch inszeniert und dramatisiert.

Jean Viollier malte 1928 das frühe surrealistische Bild "L'épouvantail charmeur".
Jean Viollier malte 1928 das frühe surrealistische Bild "L'épouvantail charmeur". | Bild: Patrick Goetelen, Kunsthaus

Über die Fülle und unterschiedlichen Ausdrucksformen kann der Betrachter staunen. Die einzelnen Räume widmen sich dabei den surrealistischen Schlüsselthemen: Man sieht realistische Verfremdungen, Seelenlandschaften mit kulissenhafter Weite, das Spiel mit Zufällen, Masken ebenso wie Zwitter- und Maschinenmenschen sowie verhaltene Erotik. Köstlich und ironisch erscheint etwa der Rabe, der sich bei Jean Viollier in seine weibliche Vogelscheuche verliebt („L’Épouvantail Charmeur“) und der auch als Plakat zur Ausstellung fungiert. Oder der noch junge Thomas Hirschhorn, der in seiner Riesencollage „A Ruin Is A Ruin“ auf heutige Probleme verweist. Oder Pippilotti Rist, die in ihre Puppenkiste einer „Weltraumkapsel“ den Mond und ihre Traumwelt einbrechen lässt.

"Alles in allem" von Walter Kurt Wiemken.
"Alles in allem" von Walter Kurt Wiemken. | Bild: Rosemarie Tillessen

Sie alle zeigen mit ihren Werken Traum- und Fantasiewelten, zeichnen sogar Traumprotokolle oder fassen Unfassbares und Abgründe des Daseins in ihre Bilder und Skulpturen. Am Schluss des intensiven Rundgangs schließlich – ganz still und versöhnlich – erscheinen die in einem Wandregal ausgestellten Wolkenformationen aus Wachs von Udo Rondinone. Nein, auch der Schweizer Surrealismus hat sich nicht überlebt, sondern setzt noch heute in der Kunst seine vielfältigen Spuren und Impulse. Aber vielleicht wäre weniger doch mehr gewesen.

Die Ausstellung „Surrealismus Schweiz“ Im Aargauer Kunsthaus ist bis 2. Januar dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Ein Faltblatt hilft dem Besucher beim Verständnis, dazu ist ein Katalog für 58 Franken erschienen. Es werden zahlreiche Begleitveranstaltungen geboten. Weitere Informationen finden Sie hier.