Die Schweizer Atomkraftwerke Beznau und Leibstadt bei Waldshut haben mehr als 1000 Angestellte, darunter auch deutsche Grenzgänger. Was ein Ausstieg für die Mitarbeiter bedeuten würde, ist unklar. Während die einen einen enormen Stellenabbau und den Verlust von Fachleuten ans Ausland befürchten, glauben andere, dass ein Atomausstieg gar Tausende neue Jobs schafft. Am Sonntag, 27. November, stimmen die Schweizer über einen Abschied von der Kernenergie ab. Für die „Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz“ (Aves), Sektion Kanton Aargau, steht fest: „Die Atomausstiegsinitiative der Grünen würde den Aargau besonders stark treffen.“

In einer Mitteilung warnt Aves Aargau vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, wenn die Reaktoren in Beznau und Leibstadt vorzeitig abgestellt werden müssten. Diese produzierten „sehr günstigen Strom und garantieren Tausende hochwertiger Arbeitsplätze in den Kraftwerken und Zulieferbetrieben“. Auch für die Forschung am Paul-Scherrer-Institut in Villigen sieht die Aves schwarz. Diese würde „keinen Bestand haben, wenn die Schweiz die Kerntechnologie verbietet“. Vielmehr würden dann „die besten Köpfe ins Ausland abwandern“, befürchtet die Aves. Zu einem ganz anderen Schluss kam eine Studie, welche die ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) im Auftrag der atomkritischen Schweizerischen Energie-Stiftung SES durchführte. Laut der Studie würde ein „geordneter Atomausstieg“ nach einem Ja zur Initiative zwischen 5000 und 6000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Diese sollen durch den Ersatz des Atomstroms mit erneuerbaren Energien entstehen. Studienautor Jürg Rohrer betont, dass für die Berechnungen von konservativen Annahmen ausgegangen wurde. „Die für die Stilllegung der Atomkraftwerke und die Entsorgung des Atommülls neu zu schaffenden Arbeitsplätze wurden in der Studie nicht berücksichtigt.“

Wie schätzen die Betreiber der Aargauer Atomkraftwerke die Folgen eines Ja zur Initiative ein? Antonio Sommavilla, Mediensprecher bei der Axpo, die Beznau betreibt, bleibt vage: „Bei einer Annahme der Ausstiegs-Initiative entfiele der künftige Beitrag des Kernkraftwerks Beznau zum Steuersubstrat des Kantons. Die Arbeitsplatzsituation müsste im Detail analysiert und der neuen Situation angepasst werden.“ Wie sich ein Ja zum Ausstieg auf die regionale Wertschöpfung auswirken würde, lasse sich noch nicht genau sagen. Auch Christian Schubert, Mediensprecher beim Kernkraftwerk Leibstadt, will sich nicht auf Spekulationen einlassen. „Die Frage nach den Folgen eines Ja für Mitarbeiterzahl, Steuerabgaben und regionale Wertschöpfung können wir Stand heute nicht beantworten.“

Klar ist: Die Atomkraftwerke haben eine beträchtliche Bedeutung für den Kanton. Zusammen beschäftigen die Anlagen Beznau und Leibstadt mehr als 1000 Mitarbeiter, davon leben knapp 750 im Aargau. Die AKW sind auch ein Faktor bei Steuern und Gebühren. Dem Kanton liefern sie pro Jahr im Schnitt 22,5 Millionen Franken ab, den Standortgemeinden Döttingen und Leibstadt zusammen fast sechs Millionen. Auch die Region profitiert: „Wir bevorzugen regionale Partner und leisten einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung im Unteren Aaretal“, sagt Axpo-Sprecher Sommavilla.

Inklusive der Großprojekte im Kernkraftwerk Beznau habe die regionale Wertschöpfung zuletzt 13 Millionen Franken pro Jahr betragen. Auch das AKW Leibstadt vergibt nach eigener Aussage viele Aufträge in der Region: Allein im Bezirk Zurzach betrug das Volumen in den vergangenen Jahren laut Sprecher Schubert im Schnitt fast 8,2 Millionen Franken. Die Axpo engagiert sich laut Sommavilla auch im Sponsoring und unterstützt unter anderem den FC Aarau und den FC Baden, die Go Easy Arena in Siggenthal, den Innovationspark InnovAARE und die Radsporttage Gippingen als Sponsor.

Das Atomkraftwerk Leibstadt unterstützt mit kleineren Geld- und Sachspenden jährlich rund 250 Vereine und Institutionen aus dem sozialen, kulturellen und sportlichen Bereich. Das Engagement ist auf einen Umkreis von 20 Kilometern zum Atomkraftwerk festgelegt, das jährliche Sponsoring-Budget liegt laut Schubert aktuell bei rund 100 000 Franken.

Zudem gibt es seit dem Jahr 1991 den KKL-Nachbarschaftsfonds. Die drei deutschen Gemeinden Dogern, Albbruck, Waldshut-Tiengen und die fünf Schweizer Gemeinden Schwaderloch, Koblenz, Full-Reuenthal, Leuggern und Mettauertal erhalten finanzielle Beiträge aus diesem Fonds. Dieser ist zweckgebunden und darf nur für soziale, kulturelle und sportliche Aktivitäten in den Gemeinden verwendet werden. Der jährliche Beitrag für die Fondsperiode 2014 bis 2018 liegt für alle Gemeinden bei 18 000 Franken, so die Auskunft. Die Standortgemeinde Leibstadt wird zudem separat über die Stiftung pro Leibstadt unterstützt.