Was verbindet Schaumstoffplatten, Farbtöpfchen oder gar Picknickkörbe mit kostbaren impressionistischen Gemälden? Oder haben hier die Putzfrauen gar vergessen aufzuräumen? Die Sehgewohnheiten der Besucher der Villa Langmatt in Baden/ Schweiz werden jedenfalls in der dortigen neuen Ausstellung „Seitensprünge – Impressionismus ohne Sockel“ gründlich irritiert. „Das ist beabsichtigt“, so Direktor Markus Stegmann vergnügt. „Wir sind gewohnt, impressionistischen Bildern mit Ehrfurcht und Respekt zu begegnen. Wir zahlen dafür heute sogar bei Auktionen schwindelerregende Preise. Dabei wurden die Impressionisten zu ihrer Zeit erst mal zerrissen und für ihr „Geschmier“ beschimpft. Wir haben darum einen neuen Ansatz der Begegnung gesucht. Wir wollen überraschen, irritieren und mit Humor Erwartungen stören.“

Das ist ihm restlos gelungen. Für sieben herausragende impressionistische Werke aus der Museumssammlung suchte er neue Begleitung – „Liebhaber“ nennt er sie. Und die fand er im hauseigenen Keller: etwa alte, ausgetrocknete Farbdöschen oder Schutzhüllen aus Papier, die Leuchter und Lampen vor Staub schützen sollen sowie historische Weinregale und vieles mehr. Und was sollen diese eigenwilligen Zusammenstellungen von kostbaren Gemälden von Renoir, Gauguin, Cézanne, Monet, Pissarro, Sisley oder Degas mit profanen Alltagsdingen aus dem Keller? Der Besucher findet glücklicherweise ein ausliegendes Blatt mit Erklärungen. Und lernt erstaunt Zusammenhänge erkennen: Natürlich würden die Früchte auf Paul Gauguins „Stillleben mit Früchteschale und Zitronen“ wunderbar in die gestapelten Früchtekörbe passen, mit denen Besucher im Sommer im angrenzenden Park der Villa picknicken. Auch Gauguins Blick aus dem Fenster scheint augenzwinkernd auf dieses Event hinzuweisen. In einem andern Raum häufen sich neben Claude Monets „Eisschollen im Dämmerlicht“ (1893) geschichtete Schaumstoffplatten, wie man sie zum Schutz der Bilder braucht und korrespondieren mit den Eisschollen von Monet – ebenso wie die Tiefkühltruhe mit ihrer eisigen Ausstrahlung. Oder die zwei alten Weinregale, die das „Chateau Noir“ von Paul Cézanne wie zwei Bodyguards umrahmen und formal den Wuchs und das Flirren des Laubes widerzuspiegeln scheinen. Ob der Besucher diese eigenwilligen Beziehungen allein entdeckt hätte? Markus Stegmann freut sich: „Genau diese Irritation wollen wir erreichen!“. Und wer weitere Impressionisten ohne willkürliche „Liebhaber“ bewundern will, findet diese in der Galerie im Erdgeschoss. Denn das impressionistische Wohnmuseum ist nach langer Winterpause endlich wieder zum Leben erwacht.

Die Ausstellung dauert bis 13. Mai. Sie ist dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr geöffnet und am Wochenende von 11 bis 17 Uhr. Broschüre zur Ausstellung „Seitensprünge“ für 20 Franken.