Blinde Passagiere leben im Allgemeinen im Verborgenen. Im Kunsthaus Aarau ist es genau umgekehrt: Hier werden Blinde Passagiere in einer umfassenden Ausstellung an die Öffentlichkeit befördert: Gemeint sind Werke von Künstlern, die ungewollt ein Leben im Dunklen führten und nicht genug Aufmerksamkeit fanden. Sei es, weil sie nicht in den Zeitgeist passten, sei es, dass es zwar hervorragende Einzelwerke waren, aber kaum zu einem umfassenden Gesamtwerk passten und keine Liebhaber fanden. Das Ergebnis ist überwältigend: Rund 250 Kunstwerke von über 130 Künstlern finden so – teils erstmalig – den Weg in die Öffentlichkeit. Und das Ergebnis ist beeindruckend: Da sieht man Werke von großer Originalität, wo man nur staunen kann, warum sie nicht schon längst den Weg ins Rampenlicht gefunden haben. Sie stammen aus dem 18. bis 20. Jahrhundert, doch der Schwerpunkt liegt eindeutig in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit seiner neuen Sachlichkeit und Abstraktion.

Die Vielfalt dieser Schweizer Bilderlandschaft überrascht. Sie stammt zum großen Teil aus einer Privatsammlung sowie aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses. Und um ihre Vielfalt etwas zu ordnen, wurden die Bilder thematisch geordnet: „An der Arbeit“ heißt es da etwa, oder „Ateliers“, „Zum Stadtrand“, „In der Luft“ oder „Blicke“ und „Genau genommen“. Es wird eine spannende Entdeckungsreise in unterschiedlichste Stile und Welten. Und dabei kommt es zu überraschenden Begegnungen und Dialogen. Doch die Besucherin löst sich bald von den kleingedruckten Saaltexten mit der Aufzählung der Künstlernamen. Sie genießt überraschende Begegnungen und findet bald Lieblingsbilder: etwa „Die Rückkehr aus der Fabrik“ von Hans Häusler, die freche Schönheit der Tänzerin Foscola von Niklaus Stoecklin oder die fast 10 Meter breiten „Vier Jahreszeiten im Uerkental“ von Giuseppe Canova.

Da wäre es schön, wenn an den Bildern statt Nummern die Namen und Titel angebracht wären. Aber auch so ist das Vergnügen an Entdeckungen groß – Schauen statt Lesen. Und wer nach den 250 Werken noch immer Lust aufs Schauen hat, kann sich in die abenteuerlichen Bilderwelten des diesjährigen Manor-Kunstpreisträgers Cédric Eisenring im Untergeschoss vertiefen. Oder gar die nicht leicht auffindbare Kunst von Andriu Deplazes (aus der Ausstellungsreihe Caravan) suchen.

Ausstellung: Blinde Passagiere ist bis zum 18. April dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Katalog 59 Franken. Infos im Internet (www. aargauerkunsthaus.ch).