Es war eine kleine Sensation: Bei Ausgrabungen im Laufenburger Gewann Siechenbifang, dort also, wo heute in Laufenburg/CH die Mehrfamilienhäuser Rhypark stehen, stießen Mitarbeiter der Aargauer Kantonsarchäologie 2014 auf einen unscheinbaren, gemauerten Keller aus dem Spätmittelalter. Der Keller, der freigelegt wurde, hatte es dreifach in sich: Erstens barg er mit mehr als 4300 Fundstücken einen wahren Schatz. Zweitens waren viele der Keramikgefäße unbeschädigt, was bei Fundstücken aus dem 14. und 15. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit ist. Drittens ließ die Art der Fundstücke – mehrere Schröpfköpfe und ein Destillierhelm, mit dem im Mittelalter Arzneimittel hergestellt wurden – darauf schließen, dass es sich beim Keller um das letzte Überbleibsel des ehemaligen Siechenhauses von Laufenburg handeln könnte. Dass es ein solches in diesem Gebiet gegeben hat, wusste man. Darauf weist auch der Flurname Siechenbifang hin. Das Quartier wurde später, wenig verwunderlich, Im Bifang umbenannt.

2014 wurden in Laufenburg bei Grabungen rund 2300 Fundstücke entdeckt, die wahrscheinlich aus dem städtischen Siechenhaus stammten.
2014 wurden in Laufenburg bei Grabungen rund 2300 Fundstücke entdeckt, die wahrscheinlich aus dem städtischen Siechenhaus stammten. | Bild: Kantonsarchäologie

Das Siechenhaus, das vor den Stadttoren lag und eine von drei spitalähnlichen Einrichtungen in Laufenburg war, diente dazu, Aussätzige – primär Leprakranke – abzusondern. Betreut wurden die Kranken unter anderem von Kapuziner-Patres. Die notwendigen Gelder für den Unterhalt des Gebäudes und für die Betreuung der Kranken kamen durch Spenden, Zinsen und Naturalgaben zustande. „Dienstags und donnerstags durften die ‚Sondersiechen’ in den Gassen der Stadt um Almosen bitten“, heißt es dazu in der Broschüre „Ärzte, Bader, Pillendreher“, die zur Ausstellung im Museum Schiff von 1994 herausgegeben wurde. Mit Holzklappern meldeten sie ihr Erscheinen und nahmen die vor den Türen niedergelegten Gaben in Empfang.

Siechenhäuser wenig untersucht

Dass der Keller „mit allergrösster Wahrscheinlichkeit“ wirklich zum Siechenhaus gehört hat, konnte Reto Bucher im vergangenen Jahr in seiner Masterarbeit an der Universität Zürich nachweisen. Bucher, der heute als Bereichsleiter Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie Aargau arbeitet, fand Pläne aus dem 18. Jahrhundert, die zeigen, dass just am Fundort das ehemalige Siechenhaus gestanden hat. Den Fund bezeichnet denn auch Bucher als „sehr speziell“. Siechenhäuser seien bis heute wenig untersucht. „Einen so grossen Fundkomplex wie in Laufenburg gab es wohl noch nie.“ Für Forscher sei der Fund deshalb besonders spannend, „weil man mit Fragestellungen an ihn herantreten kann, auf die es bisher keine Antworten gab“.

Gut erhaltene Töpfe

Dass auch so viele und erst noch gut erhaltene Töpfe zum Vorschein kamen, sei zwar ungewöhnlich, so Bucher. Er kann sich aber einen Zusammenhang mit dem Siechenhaus vorstellen. Denn Leprakranke mussten sich im Siechenhaus einkaufen und neben ihren Kleidern auch ihr eigenes Bettzeug sowie Kochgeschirr mitbringen. Da ihnen gleichzeitig jedoch das Erbrecht aberkannt wurde, ging ihr Erbe – also primär die Alltagsgegenstände – nach ihrem Tod an das Siechenhaus. „Die Töpfe könnte das Siechenhaus also geerbt haben“, so Bucher. Erstmals überliefert ist ein Siechenhaus im 14. Jahrhundert. Die letzten Siechenhäuser in der Region dürften im 18. und 19. Jahrhundert verschwunden sein. „In Laufenburg jedenfalls ist auf einem Plan von 1840 kein Siechenhaus mehr eingezeichnet“, hat Bucher erforscht.

Vindonissa Museum Brugg: „Armi Sieche! – aussergewöhliche Einblicke in das Laufenburger Siechenhaus". Das Museum hat geöffnet dienstags bis freitags, sonntags und an Schweizer Feiertagen 13 bis 17 Uhr, für Schulen und Gruppen auf Anfrage zusätzlich 10 bis 12 Uhr. Eintritt Erwachsene 10 Franken, Auszubildende und Studenten 7 Franken, Kinder (sechs bis 16 Jahre) 4 Franken, Familien 20 Franken.