Das Bezirksgericht Aarau hat einen Asylbewerber, der im August 2016 einen Mann erstochen und einen zweiten schwer verletzt hat, des versuchten Mordes und der vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen. Er muss nun 17 Jahre ins Gefängnis. Es war ein Vorfall, der heftige Diskussionen über die Sicherheit in Asylunterkünften auslöste: Im Sommer 2016 stach ein damals 27-Jähriger im unterirdischen Notspital in Aarau, wo temporär Flüchtlinge untergebracht waren, auf zwei Landsleute ein. Eines der Opfer starb, das zweite überlebte schwer verletzt. Der genaue Ablauf der Tat und die Frage, weshalb der Asylbewerber die Mitbewohner attackierte, waren bisher unklar. Dies änderte sich nun beim Prozess vor dem Bezirksgericht Aarau.

Ablauf der Tat

Der Asylbewerber betrat am 20. August 2016, einem Samstag, um 6.46 Uhr den Schlafraum der Anlage. Nach vorhergehenden Streitereien attackierte er mit einem Küchenmesser einen damals 25-jährigen Landsmann, der noch schlief. Dieser schrie und wehrte sich, zwei Flüchtlinge kamen hinzu und versuchten, den Angreifer zurückzuhalten. Für einen Helfer, einen 43-jährigen Mann, endete dies tödlich. Der Messerstecher verletzte ihn erst schwer im Brustbereich, verfolgte ihn dann und fügte ihm Verletzungen am Rücken zu, an denen der Mann verblutete. Danach kehrte der Angreifer zurück in den Schlafraum und stach mit dem Messer auf den Kopf des Mannes ein, den er zuvor schwer verletzt hatte.

Staatsanwalt fordert 18 Jahren

Der Angegriffene konnte fliehen, andere Flüchtlinge hielten die Tür zu – ein paar Minuten später traf die Polizei ein und verhaftete den Messerstecher. Staatsanwalt Hans Frey beantragte, den Mann wegen Mordes zu einer Haftstrafe von 18 Jahren zu verurteilen. Auf einem Überwachungsvideo sei klar zu sehen, dass der Angreifer schon einige Minuten vor der Tat, als er draußen vor der Unterkunft mit anderen Flüchtlingen rauchte, einen langen, flachen Gegenstand unter seinem Langarm-Shirt versteckt habe. Dabei müsse es sich um das Messer handeln, dies sei ein Beweis, dass der Asylbewerber seine Tat vorher geplant habe. Zudem sei er brutal und heimtückisch vorgegangen, er habe seine Opfer "regelrecht niedergemetzelt", sagte Frey. Eigentlich sollte das Video am Prozess gezeigt werden, weil sich der Angeklagte weigerte, Fragen zu beantworten, wurde die Aufnahme jedoch nicht abgespielt.

"Moderate bis deutliche" Rückfallgefahr

Gerichtspsychiater Josef Sachs hielt in einem Gutachten fest, der Messerstecher leide weder an einer psychischen Störung, noch sei er von Suchtmitteln abhängig. Allerdings bestehe bei ihm eine "moderate bis deutliche" Rückfallgefahr. Deshalb forderte Staatsanwalt Frey, den Asylbewerber nach Ende der Haftstrafe zu verwahren. Stephan Weber, der amtliche Verteidiger des Mannes, widersprach. Dieser habe die Attacke nicht geplant, sondern im Affekt gehandelt, zudem hätten ihn die zwei anderen Landsleute zuvor massiv schikaniert und bedroht. Dass es sich beim Gegenstand im Ärmel des Mannes um das Tatmesser handle, sei nicht bewiesen. Weber beantragte eine Haftstrafe von 8,5 Jahren wegen Totschlags, die Bedingungen für ein Mordurteil seien nicht gegeben. Dasselbe gelte für eine Verwahrung: einerseits sei der Asylbewerber ein Ersttäter, andererseits äussere sich Gutachter Sachs gar nicht zu dieser Frage.

Heimtückisch und verwerflich

Das Bezirksgericht unter dem Vorsitz von Bettina Keller wählte beim Urteil einen Mittelweg. Den Angriff auf den schlafenden Bewohner, der nur dank sofortiger Behandlung im Kantonsspital Aarau und mit viel Glück überlebt habe, werteten die Richter als versuchten Mord. Es sei heimtückisch und verwerflich, jemanden im Schlaf zu attackieren, sagte Keller. Zuvor habe es Streitigkeiten gegeben, aber keine Bedrohung für den Angeklagten. Die fatalen Messerstiche gegen den Helfer qualifizierte das Gericht als vorsätzliche Tötung, es verurteilte den Mann zu 17 Jahren Haft.

Verwahrt wird er nicht, dieses Mittel sei für extrem gefährliche Täter vorgesehen, was hier nicht zutreffe. Der im Schlaf attackierte Mann sass mit seinen Eltern im Gerichtssaal. Er ist behindert und wird sein Leben lang ein Pflegefall bleiben. Ihm, seinen Eltern und der Mutter des Todesopfers sprach das Gericht eine Genugtuung in der Höhe von insgesamt 185 000 Franken zu.