Hoch über dem Untersee mit Blick auf die Insel Reichenau, nach Konstanz und in den Hegau liegt das noble Schloss Eugensberg im schweizerischen Salenstein. Der Stiefsohn Napoléon Bonapartes, Eugène de Beauharnais, ließ es 1819 im klassizistischen Stil bauen. Bis heute sind weder die Baupläne oder der Architekt bekannt. Und auch sonst ist im Laufe der Jahrzehnte wenig über die meterhohen Hecken und Zäunen gedrungen, die das private Schloss umgeben. Für die Öffentlichkeit ist das Anwesen verschlossen, Aufnahmen gab es in den vergangenen Jahren höchstens aus der Luft im Auftrag von Schweizer Boulevardblättern. Denn das Interesse an der Geschichte um den Schlossherren Rolf Erb, der am 8. April verstorben ist, war umso größer.

Diese Geschichte beginnt in den 1920er-Jahren, als Rolf Erbs Großvater Hugo Erb senior die Firma Erb mit einer kleinen Autoreparaturwerkstätte in Winterthur-Töss gründet. Bis in die 1980er Jahre wächst die Erb-Gruppe stetig und wird so zu einem großen Namen der Schweizer Automobilbranche, ist erfolgreich im Holzhandel und zeitweise zweitgrößter Kaffeehändler der Welt, wie der Historiker Thomas Buomberger in seinem Buch "Die Erb-Pleite" über die Familiendynastie einst schrieb. Rolf Erb übernimmt zusammen mit seinem Bruder das Geschäft mit weltweit über achtzig Firmen, 5000 Angestellten und einem Umsatz von 4,5 Milliarden Franken. Die Erbs gelten mit einem geschätzten Vermögen von rund 1,5 Milliarden Franken als eine der reichsten Familie der Schweiz. Bis zum Jahr 2003, als die Gier über die gute Geschäftsführung obsiegte. Vor allem ein Investment in die deutsche Immobiliengesellschaft CBB, die in Ostdeutschland das große Geschäft witterte, erweist sich als Fass ohne Boden.

Rolf Erb im Jahr 2014 auf dem Weg zu seinem Gerichtsprozess.<em> Bild: dpa</em>
Rolf Erb im Jahr 2014 auf dem Weg zu seinem Gerichtsprozess. Bild: dpa | Bild: Ennio Leanza

Die Erbs hatten vertraglich die Haftung für alle Verluste der CBB mit dem eigenen Firmenvermögen übernommen, hätten nicht mehr aussteigen können. Wenige Monate nach dem Tod des Vaters Hugo Erb junior stürzt das undurchschaubare Imperium wie ein Kartenhaus zusammen. Was bleibt, sind ausstehende Kredite von 2,4 Milliarden Franken bei rund 80 Banken – nach der Pleite der Swissair ist dies der zweitgrößte Konkurs eines Schweizer Unternehmens.

Gegen Rolf Erb wird ermittelt, der Strafprozess vor dem Winterthurer Bezirksgericht und später vor dem Zürcher Obergericht ist komplex. Nach siebenjähriger Untersuchung zählt die Anklageschrift 141 Seiten und das Bezirksgericht Winterthur fällt ein rund 950 Seiten umfassendes Urteil. Der Entscheid des Zürcher Obergerichts ist nicht viel kürzer. Beide Instanzen sind sich einig: Rolf Erb ist schuldig des gewerbsmäßigen Betrugs, der mehrfachen Urkundenfälschung sowie der mehrfachen Gläubigerschädigung durch Vermögensverminderung. Erb wird zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt und muss Gerichts- und Untersuchungskosten sowie Prozessentschädigungen von mehreren Hunderttausend Franken zahlen.

Erb streitet unterdessen alle Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Konkurs ab und bewohnt mit seiner Familie weiterhin das Schloss Eugensberg oberhalb von Salenstein im Kanton Thurgau. Denn als sich die Pleite 2003 abzeichnete, überschrieb Erb sämtliche Vermögenswerte seiner Frau und seinen Kindern – die Zwillinge waren zu diesem Zeitpunkt zehn Monate alt. So wollte er das Vermögen vor Zugriff der Gläubiger schützen. Die Gläubiger prozessierten – mit Erfolg. Rund einen Monat vor dem Tod Rolf Erbs einigte sich die Familie mit dem Konkursamt des Kantons Thurgau, Ende August aus dem Schloss auszuziehen. Stattdessen in das Gefängnis einzuziehen, wollte der 65-Jährige allerdings nicht. Er legte eine Beschwerde ein und gab an, dass er selbstmordgefährdet sei. Das Schweizer Bundesgericht wies die Beschwerde im März diesen Jahres ab. Umso mehr gab es nach dem Tod Rolf Erbs am 8. April wilde Spekulationen um die Ursache. Vergangenen Freitag aber teilte die Staatsanwaltschaft Bischofszell in einer Pressenotiz mit: "Der Tod von Rolf Erb ist auf eine natürliche Ursache zurückzuführen." Die rechtsmedizinischen Untersuchungen hätten ergeben, dass Erb an einem Herzinfarkt gestorben sei. Suizid oder Fremdeinwirkung wird ausgeschlossen.

Was am Ende von der Geschichte bleibt, sind Erbs Immobilien wie die Wolfensberg Villa in Winterthur und das Einkaufscenter Töss in Winterthur, die nun zwangsversteigert werden und wie seine Oldtimersammlung sowie weitere Vermögenswerte in die Konkursmasse fließen. Dazu gehört auch das 100 Hektar-Schloss Eugensberg mit seinen 45 Zimmern, dem englischen Landschaftsgarten, einem Schwimmbad mit Rundtempel, einem Tennisplatz und einem Seerosenteich. Mit dem Verkauf des Anwesens sei der Küsnachter Immobilien-Vermarkter Ginesta Immobilien beauftragt worden, heißt es in einer Mitteilung der Staatskanzlei Thrugau. Es bestehe bereits eine Liste von Interessenten. Der Verkaufsstart des Schlosses und der übrigen Liegenschaften werde für Sommer erwartet. Die Verwertung der Oldtimer werden über das Londoner Auktionshaus Bonhams abgewickelt. Die Auktion findet am 21. Mai in Belgien während der Autoveranstaltung "Spa-Classic" statt. Unter den Hammer kommen unter anderem ein Aston Martin V8 Volante, ein Ford Mustang, ein Lamborghini Espada, je zwei Rolls Royce und Mercedes sowie drei Maseratis.

Archivaufnahme: Blick auf das Schloss Eugensberg von Rolf Erb, aufgenommen am 22.03.2012 in Salenstein (Schweiz). Rolf Erb ist kurz vor Antritt seiner siebenjährigen Haftstrafe tot aufgefunden worden.
Archivaufnahme: Blick auf das Schloss Eugensberg von Rolf Erb, aufgenommen am 22.03.2012 in Salenstein (Schweiz). Rolf Erb ist kurz vor Antritt seiner siebenjährigen Haftstrafe tot aufgefunden worden. | Bild: Ennio Leanza

Schloss Eugensberg

  • Geschichte: Von Anfang an hat das Schloss eine Geschichte wie aus einem Roman: Bauen ließ das großzügige Anwesen 1819 Eugène de Beauharnais, ein Stiefsohn Napoleon Bonapartes und Bruder von Hortense. Diese war ins Exil geflohen und richtete sich mit ihrem französischen Gefolge hier ein, kaufte etwa das Schloss Arenenberg. Doch während auf dem Arenenberg heute ein Museum eingerichtet ist, bleibt Schloss Eugensberg für die Öffentlichkeit verschlossen. Die Hugo Erb AG hatte das Anwesen 1990 gekauft.
  • Interessenten: Der Verkaufsstart des Schlosses und der übrigen Liegenschaften wird im Sommer erwartet. Laut Informationen der Thurgauer Zeitung soll Sebastian Vettel Interesse am Schloss angemeldet haben. Der Formel-1-Profi hat seinen Wohnsitz bereits im Kanton Thurgau. Vettels Pressesprecherin Britta Roeske nimmt auf Anfrage keine Stellung: "Zu seinem Privatleben gibt Sebastian Vettel keine Auskunft." (sap/lsf)