"Wir haben alles versucht, aber der Mann lässt sich nicht umstimmen." Im Namen der Kreuzlinger Schulbehörde hat Präsident René Zweifel bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen einen muslimischen Vater erstattet, der seine achtjährige Tochter nicht in den schulischen Schwimmunterricht schickt. Seit diesem Schuljahr sollte das Mädchen mit ihrer Klasse regulär alle 14 Tage ins Hallenbad Egelsee zum Schwimmen gehen. Doch aus religiösen Gründen erlaubte ihr Vater dies nicht. "Er will nicht, dass seine Tochter in der Öffentlichkeit einen Badeanzug trägt", erzählt René Zweifel. Über den Fall berichtete bereits auch das Schweizer Fernsehen.

Achtmal habe das Mädchen den Schwimmunterricht deshalb bisher verpasst. Viele E-Mails und auch persönliche Gespräche mit dem Schulleiter und dem Schulpräsidenten brachten keine Einigung. Die Schule argumentierte nicht nur mit der Schulpflicht, die ausnahmslos für alle Fächer gelte. "Bei uns am See ist es besonders wichtig, schwimmen zu können", sagt René Zweifel. Und auch für die Integration sei ein lückenloser Schulbesuch entscheidend. "Mit jeder Lektion, in der ein Kind fehlt, wird die Integration schwieriger."

Die Schule hätte dem Mädchen sogar das Tragen eines Ganzkörperanzugs im Hallenbad angeboten. Doch dem Vater, der selber einst in Kreuzlingen die Schule besucht hat, fehlte die Einsicht für jegliche Argumente der Schule. "Er hat uns gesagt, er stehe vor einem Dilemma: Wenn er sich an die hiesigen Gesetze halte, komme er später ins Fegefeuer", erzählt Schulpräsident René Zweifel. Die Schule versuchte es auch mit einer Vermittlung durch den Kreuzlinger Imam Rehan Neziri. Doch dessen Auslegung des Korans lehne der strenggläubige Muslim ebenfalls ab. Also zog die Schule eine Linie und reichte bei der Thurgauer Staatsanwaltschaft eine Anzeige wegen Widerhandlung gegen die Schulpflicht ein. Ein Gerichtsentscheid des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte stützt die Haltung der Schule: Schwimmunterricht verletze nicht die Religionsfreiheit.

Wie Stefan Haffter, Mediensprecher der Thurgauer Staatsanwaltschaft, sagt, könne eine solche Gesetzesübertretung mit einer Buße ab 200 Franken geahndet werden. Falls diese nicht bezahlt würde, trete eine Ersatzfreiheitsstrafe von einem Tag pro 100 Franken in Kraft. Dass es so weit komme, sei im Kreuzlinger Fall durchaus denkbar, sagt Schulpräsident René Zweifel. Man habe den Vater natürlich über die bevorstehende Anzeige informiert, aber: "Er hat gesagt, das sei ihm egal, dann gehe er halt ins Gefängnis."

"Es widerspricht dem Islam und der Vernunft"

Rehan Neziri ist Imam der albanisch-islamischen Gemeinschaft in Kreuzlingen. Er wird von der Schulgemeinde als Berater hinzugezogen, wenn es um Fragen zum Islam geht. Für die Verweigerung des Schwimmunterrichts hat er kein Verständnis.

Herr Neziri, gibt es oft Unstimmigkeiten zwischen den Schulregeln und den Regeln des Korans?

Eigentlich nicht. Das Kopftuch ist ein Thema, aber das ist in der Schule in Kreuzlingen erlaubt, für den Schwimmunterricht gibt es den Burkini, und bei Lagern wird der Speiseplan überprüft.

Mussten Sie schon öfter als Berater oder Vermittler agieren?

Nicht so oft. In meinen 14 Jahren gab es insgesamt zwei bis drei Vorfälle.

Wie stehen Sie zum Schwimmunterricht?

Schwimmunterricht ist ein Bestandteil des gesamten Unterrichts. Prophet Mohammed hat sogar selbst klar und deutlich gesagt, dass die Eltern ihren Kindern Lesen und Schreiben, das Schwimmen, das Reiten von Tieren und das Speer- und Bogenschießen beibringen sollen.

Warum gibt es trotzdem Probleme mit dem Schwimmunterricht?

Die Kleidervorschriften stehen im Gegensatz zur Schwimmbekleidung. Aber Kinder sind erst ab der Pubertät verpflichtet, sich an die islamischen Kleidervorschriften zu halten.

Was sagen Sie zu dem Fall aus Kreuzlingen, wo es um eine väterliche Verweigerung des Schwimmunterrichts geht?

Die Eltern sind nicht Mitglieder ­unserer Gemeinde, und ich ­persönlich finde, dass dieser Fall sehr traurig ist. Es ist ­absurd und erschreckend, dass diese Menschen auf der einen ­Seite ­Sozialhilfe beziehen und auf der ­anderen Seite behaupten: „Wenn ich die Gesetze der Schule oder der Schweiz befolge, dann komme ich in die ­Hölle; wenn ich diesen Gesetzen aber ­widerspreche, dann komme ich ins Paradies.“ Diese ­Aussage widerspricht dem Islam und dem ­gesunden ­Menschenverstand. Es ist sehr schade, dass keine Lösung ­gefunden werden konnte.

Fragen: Sabrina Bächi