Am 1. April 1944 wurde Schaffhausen von einem folgenschweren Schicksalsschlag getroffen: Flugzeuge der US-Luftflotte warfen Bomben über der Stadt ab. 40 Menschen starben, 220 wurden teils schwer verletzt und mehr als 400 obdachlos. Ziel waren eigentlich deutsche Chemieanlagen in Ludwigshafen, aber wegen schlechten Wetters und Fehler der Piloten waren die Bombergruppen viel zu weit südlich unterwegs und trafen versehentlich die Schweizer Stadt. Schwer getroffen wurde auch das dortige Museum zu Allerheiligen. Mit den Volltreffern ging dabei ein großer Teil der Sammlung altmeisterlicher Kunst in Flammen auf, darunter neun Porträts des Renaissance-Meisters Tobias Stimmer.

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„Doch dieses Unglück hatte auch positive Folgen“, sagte Museumsdirektorin Katharina Epprecht bei der Eröffnung der Ausstellung „Kunst aus Trümmern“: „Durch die gesamte Schweiz lief eine unglaubliche Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Mit einer nationalen Geld- und Kulturspende unterstützten Städte, Sponsoren und Privatpersonen den Neuanfang des Museums.“ Dazu gehörten 80 teils wertvolle Gemälde, aber auch Möbel, Zinn und eine Tapisserie. „So konnte das Museum bereits 1946 wieder wie Phönix aus der Asche neu entstehen. Aus einem Heimatmuseum wurde ein nationales Museum“, erklärte Epprecht.

Unvollendet: Das Denkmal von Karl Geiser für die Opfer der Bombardierung.
Unvollendet: Das Denkmal von Karl Geiser für die Opfer der Bombardierung. | Bild: Rosemarie Tillessen

Die Ausstellung „Kunst aus Trümmern“ zeigt jetzt erstmals die damalige Kulturspende, dazu – teils auch in der begleitenden Dauerausstellung „Schaffhausen im Zweiten Weltkrieg“ – Filmwochenschauen, Zeitzeugenberichte und historische Fotos.

Lustig: Das gespendete Bild „Böckligumpis“ von Albert Anker.
Lustig: Das gespendete Bild „Böckligumpis“ von Albert Anker. | Bild: Rosemarie Tillessen

Die Ausstellung ist emotional angelegt: Im Eingangsbereich hört man Flugzeuggeräusche und das Ticken der Uhr, mit der in 43 Sekunden die Bombardierung stattfand. Der Betrachter betritt einen weißen Raum – das „Museum des Verlorenen“ – in dem die zerstörten Bilder erahnbar sind, bevor das Kammgarnareal betreten wird: Hier befinden sich Inseln der Erinnerung, dramatisch inszeniert auf Trümmerbelägen. Die Folgen der Bombardierung: verkohlte Bilder wie das nahezu unkenntliche Porträt Martin Luthers von Cranach, verbrannte Papiere, aber auch Kunstwerke, bei denen eine Restaurierung möglich war. Oder das geplante Bronzedenkmal von Karl Gaiser für die Opfer des Angriffs, das durch den Tod des Künstlers unvollendet blieb.

Kostbar: „Selbstbildnis mit Kirschen“ von Ferdinand Hodler.
Kostbar: „Selbstbildnis mit Kirschen“ von Ferdinand Hodler. | Bild: Rosemarie Tillessen

Der Höhepunkt ist die dicht gehängte Bilderwand, kunterbunt nach Petersburger Hängung, mit den 80 gespendeten Bildern, darunter Kostbarkeiten wie ein Selbstbildnis von Ferdinand Hodler, „Die Schachspieler“ von Louis Henri de Meuron oder „Böckligumpis“ von Albert Anker. Mehr Beschriftung wäre manchmal wünschenswert gewesen.

Das Plakat zur Ausstellung „Kunst aus Trümmern“ mit dem Selbstporträt von Ferdinand Hodler.
Das Plakat zur Ausstellung „Kunst aus Trümmern“ mit dem Selbstporträt von Ferdinand Hodler. | Bild: Repro: Rosemarie Tillessen